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ArchivÖÄZ 18 - 25.09.2011

Unklarer Bauchschmerz im Kindesalter


DD Lymphadenitis

Die Lymphadenitis mesenterialis ist eine häufige Ursache für akute und rezidivierende Bauchschmerzen im Kindesalter, deren klinische Symptome oft nur schwer von einer akuten Appendizitis zu unterscheiden sind.
Von Irene Mlekusch


Plötzlich auftretende kolikartige Schmerzen im rechten Unterbauch, die entsprechend der Darmperistaltik und Körperbewegung wandern, sind typisch für die Lymphadenitis mesenterialis. Zusätzlich können Fieber, Erbrechen, Durchfall und eine positive Anamnese in Bezug auf eine respiratorische oder gastrointestinale Infektion vorliegen. „Exakte Häufigkeiten sind schwer zu erheben“, sagt Univ. Prof. Elisabeth Steichen-Gersdorf von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität in Innsbruck und merkt an, dass die Diagnose einer Lymphadenitis mesenterialis häufig in der Abklärung eines akuten Abdomens gestellt wird. Univ. Doz. Winfried Rebhandl von der Klinischen Abteilung für Kinderchirurgie an der Medizinischen Universität Wien sieht in der Lymphadenitis mesenterialis eine sehr häufige Differentialdiagnose zur Appendizitis. Rebhandl dazu: „An der Abteilung für Kinderchirurgie wird mehr Diagnoseaufwand betrieben, da man bemüht ist, nur bei einem eindeutigen Befund oder einem hochgradigen Verdacht zu operieren. Die Anzahl der richtig operierten Kinder liegt daher über 90 Prozent.“

Die Experten sind sich darin einig, dass es nicht möglich ist, die Diagnose durch die klinische Untersuchung allein zu stellen. „Die Appendizitis wird nach dem Drei-Säulen-Modell diagnostiziert“, erklärt Rebhandl. Die typische Verlaufs-Symptomatik spielt dabei ebenso eine Rolle wie die erhöhten Entzündungswerte sowie die direkten und indirekten Zeichen für eine Appendizitis im Ultraschall. „Sind zwei der drei genannten Bereiche positiv, ist die Diagnose der Appendizitis sehr wahrscheinlich.“ Steichen-Gersdorf bestätigt, dass auch Blutbild und CRP allein wiederum keine Differenzierung möglich machen. Vor allem der Ultraschall ist durch seine Non-Invasivität die bevorzugte Diagnostik und ermöglicht es, in der Lage zwischen Lymphadenitis mesenterialis und Appendizitis zu differenzieren. Mit hochauflösenden Schallköpfen im Bereich von 10 bis 17-MHz lassen sich meist mehr als drei isolierte, reaktiv entzündlich veränderte Lymphknoten im Mesenterium darstellen. Diese Lymphknoten finden sich vorwiegend periumbilikal und können einen Durchmesser von bis zu zwei Zentimetern aufweisen. Auch bei Kindern mit einer Appendizitis lassen sich bei bis zu 40 Prozent Lymphknotenvergrößerungen finden; insgesamt sind diese aber von geringerer Anzahl und Größe als bei der Lymphadenitis mesenterialis. Rebhandl macht darauf aufmerksam, dass speziell der Ultraschallbefund sehr vom jeweiligen Untersucher abhängt; vor allem Darmgasüberlagerungen stellen ein Problem bei der Beurteilung dar.

Die Ursache für das Auftreten einer Lymphadenitis mesenterialis ist im Detail noch unklar. „Die Lymphadenitis mesenterialis ist oft Begleitreaktion von viralen Systemerkrankungen wie Adenovirus, EBV, CMV oder Rotavirus-Infektion“, so Steichen-Gersdorf. Rebhandl ergänzt die Aufzählung durch Yersinia enterocolitica, bemerkt allerdings, dass diesbezüglich in den meisten Fällen keine weitere Abklärung erfolgt. Will man jedoch Gewissheit, kann eine serologischen Titeruntersuchung Aufschluss geben. Die Behandlung erfolgt weitgehend symptomatisch; die Gabe von Antibiotika ist nur bei schweren Verlaufsformen mit drohender Sepsis notwendig. Weitere Pathogene, die im Zusammenhang mit einer Lymphadenitis mesenterialis stehen können, sind Yersinia pseudotuberculosis, Salmonella enteritidis, Campylobacter jejuni und Streptococcus viridans.

Komplikation: Invagination

Oft ist die Lymphadenitis mesenterialis selbstlimitierend und verschwindet nach einiger Zeit ohne eine Behandlung. Begleitsymptome wie Fieber, Durchfall oder Erbrechen werden rein symptomatisch behandelt. Steichen-Gersdorf warnt vor der möglichen Komplikation einer Invagination, die besonders bei Kindern von zwei bis sechs Jahren im Einzelfall auftreten kann. „Diese ist zwar sehr schmerzhaft und mitunter rezidivierend, kann in den meisten Fällen aber erfolgreich durch eine salinische Reposition gelöst werden“, so die Expertin. Rebhandl ergänzt: „Eine ileocoecale Invagination kann definitiv im Ultraschall festgestellt werden und muss vom Kinderchirurgen sofort mittels hydrostatischer Devagination und - falls diese frustran verläuft - operiert werden. Reine Dünndarm-Invaginationen sind meist Zufallsbefunde und lösen sich üblicherweise von selbst.“

Die Lymphadenitis mesenterialis sollte im Kindesalter trotzdem nicht bagatellisiert werden. Eine sorgfältige Abklärung inklusive Ultraschall des Abdomens sollte in jedem Fall erfolgen, um Differentialdiagnosen wie Appendizitis, akute Gastritis, renale Erkrankungen und bei Mädchen auch Ovarialerkrankungen ausschließen zu können. Steichen-Gersdorf warnt auch vor dem abdominellen Non Hodgkin-Lymphom.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2011