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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 10 - 25.05.2014

ÄKVÖ-Symposium: Ablenkungen im Straßenverkehr


Telefonieren ohne Freisprechanlage im Auto ist mittlerweile Unfallursache Nr. 1. Die Details dazu und andere Ablenkungsmöglichkeiten standen im Mittelpunkt des von der ÄKVÖ veranstalteten Symposiums „Unaufmerksam und abgelenkt im Straßenverkehr“, das vor kurzem in Wien stattfand.


Unaufmerksamkeit und Leichtfertigkeit seien die Feinde jeglicher Ordnung, erklärte der Präsident der ÄKVÖ, MR Walter Dorner, in seiner Begrüßung. Die Möglichkeiten der Ablenkung beim Autofahren sind zahlreich, wobei das Handy eine immer größere Rolle spielt. Wie dazu Generalmajor Martin Germ, Leiter der Verkehrsüberwachung im Innenministerium, berichtete, ist mittlerweile das Telefonieren ohne Freisprechanlage Unfallursache Nr. 1 – und nicht mehr Raser. Anhand von Datenblättern der Polizei wurde erhoben, dass Unachtsamkeit und Ablenkung mit 33 Prozent die Hauptunfallursachen sind; darunter falle zu einem großen Teil das Telefonieren mit dem Handy, wie Germ betonte. Nur in einem „sehr geringen Ausmaß“ seien ablenkende und fahrfremde Tätigkeiten am Steuer wie etwa das Aufheben von hinuntergefallenen Gegenständen oder Ablenkung durch Beifahrer oder Kinder als Unfallursache nachzuweisen. Von den insgesamt 40.831 statistisch erfassten Verkehrsunfällen im Jahr 2012 wurde bei 20 Unfällen von der Bundespolizei das Merkmal „Telefonieren am Steuer“ festgestellt und in die Statistik eingetragen. Germ dazu: „Das ergibt einen Anteil von 0,05 Promille oder fünf von 1.000.“ Strafbar ist Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung – wenn dies bei der Anhaltung festgestellt wird – mit einem Organmandat in der Höhe von 50 Euro; wird die Zahlung verweigert, kann dies bis zu 70 Euro kosten.

Die Ablenkung der Autofahrer werde in Österreich und in der gesamten EU zu einem zunehmend größeren Problem, wie Raimund Saam, Vizepräsident der ÄKVÖ, erklärte. Wer etwa bei 50 km/h zwei Sekunden von der Fahrbahn wegschaut, legt rund 30 Meter im Blindflug zurück.

Univ. Prof. Peter Heilig, Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie in Wien, befasste sich mit der Auswirkung von Lichtreizen im Straßenverkehr. Bewegte Lichtreize – vor allem in peripheren Gesichtsfeldabschnitten – sind die Ablenker Nr. 1. Das periphere Sehen registriert laut Heilig alle überschwelligen Lichtreize, verarbeitet und bewertet sie im Zentralnervensystem. Bei einem „Overflow“ kommt es zur kompletten Auslöschung von gesehenen, jedoch nicht wahrgenommenen Objekten (zum Beispiel Kind am Zebrastreifen). Heilig: „Blinde Löcher tun sich auf in der Wahrnehmung. Diese lassen sich nicht weg-trainieren und auch nicht durch maximal erhöhte Aufmerksamkeit weg-konditionieren.“ Vermeiden ließen sie sich einzig dadurch, indem man „überflüssige Ablenkungen weglässt“, wie Heilig betonte. Und weiter: „Die Intensität vieler Lichter in Straßenverkehr-Szenarios liegt bereits nahe der Schmerz-Schwelle des visuellen Systems, immer öfter darüber.“ „Nachtfahrbrillen“ lindern vielleicht den durch Scheinwerfer bedingten Blendungsschmerz; erhöhen jedoch die Zahl ‚übersehener“ unbeleuchteter Objekte. „Auf der Straße zu liegen gekommene Unfallopfer werden seit ‚Licht am Tag‘ mehrmals überrollt. Hilfskräfte, Mitfahrer, die das Fahrzeug verlassen, und straßenseitig agierende Exekutiv-Beamte seien „unverhältnismäßig hohen Risken ausgesetzt, ganz besonders seit der Einführung von ‚Licht am Tag‘“. Heilig spricht sich dafür aus, Abblendlicht ausschließlich bei schlechter Sicht einzuschalten, denn „Tagfahrlichter und Abblendscheinwerfer bei ausreichend guter Sicht unter Tageslichtbedingungen können die Gesamt-Verkehrssicherheit nicht verbessern“.

Wo man ansetzen könnte? Saam nennt hier als einen Punkt etwa die Fahrschulausbildung, die „dringenderweise an die jetzige Situation angepasst werden müsse“. Nur das Auswendiglernen eines Fragenkatalogs und das Erkennen von Verkehrszeichen seien seiner Ansicht nach für die heutigen Fahranforderungen „sicher zu wenig“. Saam weiter: „Fahrtraining ist zu befürworten, aber dem müsse ein mentales Verhaltenstraining und Gefahrenerkennungs- Training angeschlossen werden.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2014