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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 11 - 10.06.2014

Interview - Erwin Rasinger


Falsche Prioritäten

Sehr kritisch und keinesfalls als Aufwertung der Hausärzte sieht der Gesundheitssprecher der ÖVP, Erwin Rasinger, die Pläne des Gesundheitsministers, PHC-Zentren zu errichten. Und Rasinger fordert eine rasche Lösung bei den Hausapotheken, wie er im Gespräch mit Agnes M. Mühlgassner betont.


ÖÄZ: Wie kommt es, dass in der österreichischen Gesundheitspolitik plötzlich Primary Health Care zum Thema wird?
Rasinger: Minister Alois Stöger hat überfallsartig drei Tage nach Abschluss der Regierungsverhandlungen zum Thema Gesundheit in der Bundeszielsteuerungskommission zur Überraschung aller einen Beschluss durchgedrückt: er hat sich bis Ende Juni 2014 ein Primary Health Care- Konzept auferlegt.

Davon steht aber nichts im Regierungsprogramm – oder?
Das, was von diesen Plänen jetzt durchsickert, entspricht überhaupt nicht dem Regierungsprogramm, wo ganz klar der Hausarzt als erste Anlaufstelle gefordert wird. Wir gehen in Richtung eines neuen Norm-Modells, also dem Primary Health Care Center mit einem sogenannten Kernteam bestehend aus Arzt, Krankenschwester und Ordinationsassistentin. In diesem Team soll es keine starre Hierarchie geben, die Zuständigkeiten sollen intern auf gleicher Augenhöhe geklärt werden und auch das Procedere der Entscheidungsfindung, also wer wann was betreut, soll so geklärt werden. So soll künftig beispielsweise auch die Krankenschwester Medikamente verordnen können. Und begründet wird das damit, dass der Hausarzt als Einzelkämpfer passé ist.

Ist das tatsächlich so?
Es stellt sich die Frage, ob man damit in dieser Krise, in der wir uns befinden und es immer schwerer wird, Hausärzte zu rekrutieren, das Berufsbild nicht endgültig ins Out treibt. Für die ÖVP ist es undenkbar, dass der Hausarzt als erste Anlaufstelle durch eine teure Bürokratie ersetzt und auch die Endverantwortung durch den Arzt ausgehebelt wird. Das PHC-Modell wird begleitet durch ein Projektteam, wo die Österreichische Hochschülerschaft die gleichen Rechte hat wie etwa die Ärztekammer. Das schaue ich mir an, was die Wirtschaftskammer oder der ÖGB sagen würden, wenn die sich die Lehrlingsausbildung oder die Ausbildung zum Mechaniker von Berufsfremden diktieren lassen. Undenkbar.

Wie lautet Ihre Kritik an Primary Health Care konkret?
Erstens widerspricht dieses Konzept des Ministers völlig dem Geist des Regierungsprogramms. Es erzeugt eine extreme, neue Bürokratie, nämlich eine Zentren-Bürokratie. In einem solchen PHC-Zentrum ist zwar mehr möglich, aber es müssen zwölf bis 16 Angestellte koordiniert werden. Damit wird auch die Endverantwortung des Arztes relativiert. Mir kommt das irgendwie vor wie die kollegiale Führung im Spital – aber zum Quadrat. Und es ist auch teuer: Es ist wesentlich teurer als das jetzigeHausarzt-System. Zentrum bedeutet natürlich auch einen erschwerten Zugang vor allem für ältere Menschen, die nicht mobil sind. Ich habe in den Regierungsverhandlungen ausdrücklich gesagt: Wir brauchen nicht ein einziges Zentrum etwa am Anfang des Zillertals, sondern unser Ziel muss es sein, möglichst viel ärztliche Versorgung jeweils direkt in die Ortschaften zu bringen, damit eben ältere Menschen möglichst lange zu Hause bleiben können. Mit diesem Zentren-Konzept ist eine solche Versorgung nicht mehr möglich. Was mich generell stört, ist, dass diese Tätigkeit der Hausärzte, die überdies in den meisten Fällen eine aufopferungsvolle Tätigkeit ist und generell schlecht bezahlt wird, schlecht geredet wird.

Wo müsste man Ihrer Ansicht nach ansetzen?
Konkret sind es drei Dinge: erstens eine bessere Ausbildung für die jungen Kolleginnen und Kollegen und endlich die Umsetzung der Lehrpraxis. Zweitens eine bessere Honorierung der hausärztlichen Leistung. Die Kassen sollten das bedenken, dass man hier nicht weiter auf Masse setzen sollte, sondern dass man hier auch auf verstärkte Beratungstätigkeit setzen sollte – siehe das Hausarztmodell in Baden- Württemberg und drittens eine Entbürokratisierung der Hausärzte – Stichwort Chefarztpflicht etwa bei Krebsmedikamenten.

Wie sieht Ihr Versorgungskonzept für den niedergelassenen Bereich aus?
Was wir überhaupt nicht brauchen, sind derartige Zentren, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Wir werden hier entschieden Widerstand leisten. Das ist einfach Geldvergeudung und das sind die falschen Prioritäten. Wir brauchen die verstärkte Zusammenarbeit im Gesundheitswesen mit mobiler Hauskrankenpflege, mit Fachärzten, mit Palliativ-Teams, mit sozialen Diensten und vielen anderen mehr. Aber das ganze System jetzt schlecht zu reden und durch ein bürokratisches Monster zu ersetzen, kann nicht Ziel der österreichischen Gesundheitspolitik sein.

Ist eine Lösung bei den Hausapotheken in Sicht?
Seit fünf Jahren kämpfe ich darum, dass der Minister im Bereich der Hausapotheken positive Signale sendet. Wir haben das im Regierungsprogramm gefordert. Es gab einen Sechs-Parteien-Antrag auf meine Initiative hin nach Intervention von Landeshauptmann Voves und seinem Stellvertreter Schützenhöfer und mittlerweile ist ja das eine Forderung aller Landeshauptleute und auch der Seniorenvertreter nach dem Erhalt der Hausapotheken. Was auf jeden Fall kommen muss, ist, dass in Ein-Arzt-Gemeinden bei Pensionierung diese absurde Sechs- Kilometer-Grenze fallen muss. Es ist aber auch notwendig, die Neugründung von Hausapotheken möglich zu machen. In der Stadt gibt es eine 5.500 Einwohner- Regelung und am Land in Zwei-Arzt-Gemeinden de facto eine 4.000-Einwohner- Regelung – das ist ein Widerspruch. Gleichzeitig wird von der Apothekerschaft geklagt, dass immer mehr Apotheken notleidend seien. Wir müssen uns vor allem überlegen, wie ältere, nicht gehfähige Patienten am Abend und am Wochenende zu ihren Medikamenten kommen. Hier mache ich Druck auf den Gesundheitsminister, und er hat zugesagt, diese Frage rasch zu lösen.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2014