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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 17 - 10.09.2014

Interview - Univ. Prof. Herwig Kollaritsch


„Restmaß an Objektivität bewahren“

Wenn Ebola auch eine humanitäre Tragödie sei, müsse man mit dem nötigen Augenmaß an die Dinge herangehen, sagt Univ. Prof. Herwig Kollaritsch, Leiter der Abteilung Epidemiologie und Reisemedizin am Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Das Gespräch führte Agnes M. Mühlgassner.


ÖÄZ: Warum ist Ebola so gefährlich?
Kollaritsch: Ebola ist deswegen so gefährlich, weil es erstens eine Erkrankung ist, die eine sehr hohe Letalität aufweist, und zweitens, weil wir keine wirklich vernünftigen Behandlungskonzepte haben. Wir haben auch noch keinen Impfstoff in petto. Und alle therapeutischen Ansätze, von denen derzeit berichtet wird, haben den Nachteil, dass sie noch weit davon entfernt sind, ihren Wirksamkeitsbeweis und ihren Verträglichkeitsbeweis im Humansystem erbracht zu haben.

Wie ist denn der Einsatz des nicht zugelassenen Wirkstoffs ZMapp zu beurteilen?
Das ist ein Gemisch aus humanisierten monoklonalen Antikörpern. Es sind drei verschiedene Antikörper, die sich gegen ein Oberflächenprotein des Ebola- Virus richten. Man hat in Versuchen an nicht humanen Primaten, das heißt wir sind evolutionsbiologisch vom Menschen doch recht weit entfernt, damit ganz gute Erfolge gesehen. Das war’s. Bis jetzt gab es zwei experimentelle Gaben im Humansystem und zwar bei den beiden infizierten US-Amerikanern. Bei einem hat man innerhalb einer Stunde ein „dramatic improvement“ gesehen – da kann man glauben, dass es eine direkte Wirkung ist oder auch nicht – und beim Zweiten hat man gar nichts gesehen. Also keine echten Anhaltspunkte. Und es ist auch sehr schwer zu sagen, wann man die Substanz einsetzen soll: Wann bringt sie noch etwas? Wann bringt sie nichts mehr? Mit anderen Worten: Das ist höchst spekulativ, aber es ist der einzige Anker, der überhaupt da ist. Es gibt übrigens noch einen zweiten therapeutischen Ansatz, nämlich die Verwendung von „small interfering RNAs“, die mit einem Polymerase-Protein des Erregers interferieren – ebenfalls sehr weit von der klinischen Reife entfernt.

Wie weit ist man mit der Entwicklung eines Impfstoffs?
Hier sind wir im rein experimentellen Bereich. Es gibt eine ganze Reihe von Impfstoff-Kandidaten, die allesamt über das Versuchsstadium an nicht humanen Primaten noch nicht hinausgekommen sind. Einer der vielen Ansätze ist recht vielversprechend – was die Arzneimittelsicherheit anlangt. Da verwendet man sogenannte Virus-ike Particles: Es schaut aus wie ein Ebola-Virus, aber es ist kein Ebola-Virus, sondern enthält nur mehrere Antigene des Ebola-Virus. Dasselbe System haben wir zum Beispiel bei der HPV-Impfung. Dieser Ansatz sieht nicht schlecht aus. Der Impfstoff hat aber den Nachteil, dass er dreimal verabreicht werden muss. Aber es gibt eine sehr gute humorale Immunantwort und auch eine messbare zelluläre Immunantwort. Wie gesagt: Das wissen wir aus dem nicht humanen Primatensystem. Andere Ansätze beschäftigen sich mit Vektoren, die wichtige Antigene des Ebola-Virus exprimieren.

Wann kann man realistischerweise mit einem Impfstoff für den Menschen rechnen?
Wir reden hier von einem Zeithorizont von fünf bis acht Jahren, bis wir überhaupt eine Idee haben, ob er zugelassen werden kann.

Laut WHO sollen alle Staaten vorbereitet sein, Ebola zu erkennen, zu diagnostizieren und zu managen. Ist Österreich vorbereitet?
Wenn Sie damit meinen, ob wir eine sogenannte Hochsicherheitseinrichtung, also Sicherheitsstufe 4 nach internationalen Richtlinien, haben, muss man sagen: So etwas haben wir nicht. Die Entscheidung, so etwas nicht zu bauen, war richtig. Denn das Ganze hätte in den letzten 30 Jahren Unsummen verschlungen, denn man muss so eine Einrichtung ja auch am Laufen halten. Und in den letzten 30 Jahren hat es auch niemals nur die Idee gegeben, dass man so etwas gebraucht hätte. Das Kaiser Franz Josef Spital in Wien hat eine hochmoderne Infektionsabteilung mit guten Isoliermöglichkeiten und hervorragendem Personal. Zusätzlich gibt es vom Gesundheitsministerium detaillierte Notfallpläne. Drei bisher in Österreich eingeschleppte ‚Verdachtsfälle‘ sind hervorragend gemanagt worden, wenngleich bei keinem der Fälle entsprechend den Kriterien des CDC/der WHO und auch entsprechend dem Robert-Koch-Institut ein hochgradiger Verdacht bestanden haben dürfte. Also sind diese Strukturen für uns sicherlich ausreichend. Das Risiko eines zufällig exportierten Ebola-Falles war am Anfang dieser Epidemie, als man noch nicht genau gewusst hat, wo der Ausbruch genau lokalisiert ist und welche Dimensioner hat, größer, als das jetzt der Fall ist, weil zu Beginn niemand an diese Möglichkeit gedacht hat. Jetzt kennt man die Gebiete ganz genau und wenn jemand dort hinfährt, dann aufgrund einer beruflichen Verpflichtung. Diese Personen sind als Risikopersonen einzustufen. Wäre es ein Österreicher, der sich in der Inkubationszeit befände und bei dem ein hochgradiger Verdacht bestünde, so ist es nicht notwendig, das Risiko einzugehen und ihn nach Österreich zu transportieren. Wir könnten ihn in eine EU-Einrichtung mit einer entsprechenden Ausrüstung im benachbarten EU-Ausland überstellen. In Deutschland gibt es acht solche Hochsicherheitseinrichtungen mit insgesamt über 40 Betten und auch in der Schweiz gibt es mehrere. Die sind im Regelfall nicht alle gleichzeitig ausgelastet.

Wie hoch schätzen Sie die tatsächliche Gefahr ein, dass ein Erkrankter nach Österreich gelangt? Verfolgt man die aktuellen Berichte, hat man den Eindruck, dass die am meisten betroffenen Staaten mit der Situation völlig überfordert sind.
Die Staaten vor Ort sind völlig überfordert, das ist richtig. Ein Ausbruch einer derartigen Erkrankung bei einer derartig invaliden medizinischen Versorgung ist ein ‚worst case‘-Szenario. Aber jetzt läuft massiv internationale Hilfe an. Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis man das Ganze epidemiologisch im Griff hat. Aber dass man die Epidemie durch Grenzkontrollen und zum Teil auch durch Notstandsverordnungen zumindest eingrenzt, damit sie sich nicht weiter ausbreitet, wird relativ bald möglich sein. Da hat man natürlich schon bessere Organisationsstrukturen zur Verfügung, als das bisher der Fall war. Ob der eine oder andere Verdachtsfall im Zuge der verbesserten Versorgung nach Österreich kommt oder nicht, das ist meiner Meinung nach höchst spekulativ. Ich glaube es nicht, weil wir keine Österreicher vor Ort im Einsatz haben.

Ein US-amerikanischer Arzt hat sich ja in Westafrika mit Ebola infiziert. Wie kann es dazu kommen, dass man sich als Experte – noch dazu, wenn man um die Gefahr weiß – trotzdem infiziert?
Wir haben relativ wenig Bildmaterial aus der Gegend bekommen. Aber das, was wir haben, hat ganz klar die Schwächen aufgezeigt. Dort ist von einer Isolierung der Betroffenen keine Spur. Und je tiefer man im Busch ist, umso schlechter wird das natürlich. Dazu kommt das tropische Klima. Sie haben keine Möglichkeit, das infektiöse Material wirklich ordnungsgemäß zu entsorgen. Zusätzlich hat man mit den Traditionen der einheimischen Bevölkerung zu kämpfen, die bestimmte Begräbnis-Rituale etc. haben. Dass in so einem Umfeld ein Fehler passiert und sich jemand infiziert, ist eine logische Konsequenz für mich. Auch ein Arzt ist bei allem natürlich auch nicht davor gefeit, einmal ein ‚Loch im Handschuh‘ zu haben.

Wie groß ist denn die Gefahr, dass sich Ebola auch nach Europa ausbreitet?
Man muss sich schon bemühen, ein Restmaß an Objektivität zu bewahren. In den betroffenen Ländern ist das zweifellos eine humanitäre Tragödie. Aber daraus ein apokalyptisches Endzeit-Szenario für die Welt abzuleiten, ist doch ein bisschen sehr weit hergeholt. Es ist auch die Aufgabe der Ärzteschaft, mit dem notwendigen Augenmaß an die Dinge heranzugehen. Was wir seinerzeit bei der Influenza-Epidemie verniedlicht haben, machen wir jetzt bei Ebola 100fach wett. Es ist eine furchtbare Erkrankung, aber sie wird sich nicht flächendeckend ausbreiten. Ganz sicher nicht.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 17 / 10.09.2014