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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 18 - 25.09.2014
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Diabetische Polyneuropathie

Therapie erfordert Geduld

Das mit der Diabetischen Polyneuropathie einhergehende Taubheitsgefühl kann im Zuge einer Behandlung nur eingeschränkt verbessert werden. Hingegen gibt es gute Erfolge hinsichtlich der Missempfindungen. Dem Betroffenen muss außerdem vermittelt werden, dass sich der therapeutische Erfolg oft erst nach Monaten oder Jahren einstellt. Von Verena Ulrich


Auch wenn die diabetische Polyneuropathie häufig als Spätfolge des Diabetes mellitus bezeichnet wird, kann sich die Schädigung der Nerven schon sehr frühzeitig entwickeln, wenn der Betroffene nichts oder kaum etwas spürt. „Nur etwa ein Drittel der Patienten mit diabetischer Neuropathie gibt an, Schmerzen zu haben. Daher bleibt die Krankheit oft lange unerkannt“, sagt der Neurologe Univ. Prof. Stefan Quasthoff aus Graz im Gespräch mit der ÖÄZ. An diabetischer Polyneuropathie leiden rund 30 bis 50 Prozent aller Diabetiker.

Erste Anzeichen einer diabetischen Polyneuropathie können jedoch bereits bei Vorstufen eines Diabetes mellitus auftreten. „Zunächst haben die Patienten häufig Empfindungsstörungen, sodass beispielsweise Kälte und Wärme nicht mehr unterschieden werden können. Ein klassischer Unfall ist, dass der Patient ins heiße Badewasser steigt und sich verbrennt“, führt Univ. Prof. Bernhard Ludvik von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel an der Universitätsklinik für Innere Medizin III am AKH Wien aus. „Wichtig ist vor allem die regelmäßige Fußinspektion. In der Regel fühlt sich der diabetische Fuß trocken und warm an. Die Haut ist pergamentartig“, so Quasthoff. Weiters sei bei der Fußinspektion auf Komorbiditäten wie Fußpilzbefall, unbemerkte Läsionen oder trophische Störungen zu achten. „Es kann sein, dass der Patient bereits ein Ulcus entwickelt hat, weil er nicht mehr spürt, dass er eine Druckstelle hat“, weiß der Experte. Bei der Anamnese ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, ob der Patient bereits an Missempfindungen wie Kribbeln, Brennen, Schmerzen oder Taubheit in Füßen oder Händen leidet. „Häufig klagen die Patienten auch über Schwindel. Die Sturzgefahr beim Diabetiker ist drei Mal so hoch wie beim Nicht-Diabetiker“, so Quasthoff. Ludvik rät, Patienten mit Diabetes mellitus mindestens einmal pro Jahr mit Hilfe eines Monofilaments zu untersuchen. Dabei wird überprüft, ob der Patient Druck am Fuß und an den Zehen verspürt. „Es empfiehlt sich, zuerst den Patienten im Gesicht zu testen, damit er weiß, welche Art von Druck er spüren sollte“, ergänzt Quasthoff. Spürt der Patient die Sensibilitätsprüfung nicht mehr, sollte zur Bestätigung der Diagnose eine Überweisung zum Facharzt erfolgen. „Beim konkreten Verdacht auf diabetische Neuropathie muss in einem entsprechenden Institut die Nervengeschwindigkeit gemessen werden“, rät Ludvik. Bestätigt sich der Verdacht, ist eine Überweisung zum Diabetologen unerlässlich.

Die optimale Blutzuckereinstellung gilt als Grundlage in der Prävention und Behandlung der diabetischen Polyneuropathie; ist der Blutzucker nicht optimal eingestellt, gilt das als Hauptrisikofaktor für die Erkrankung. Weitere Risikofaktoren sind die Dauer des Diabetes mellitus, Hypertonie, Retinopathie, Nephropathie, erhöhte Lipide sowie chronischer Alkohol- und Nikotinkonsum. „Das Problem ist, dass man eine Polyneuropathie selten ursächlich behandeln kann. Es gilt, neben dem Blutzucker den Blutdruck und die Blutfette bestmöglich einzustellen“, so der Experte. „Das Wichtigste für den Diabetiker ist, in Bewegung zu bleiben oder in Bewegung zu kommen. Ein Gehtraining für 20 Minuten zwei Mal am Tag fördert nachweislich die Erholung der Nerven in den Füßen“, betont Quasthoff. Außerdem müsse auf gesunde Ernährung, mäßigen Alkoholkonsum, tägliche Fußpflege und Fußinspektion geachtet werden, um der diabetischen Polyneuropathie vorbeugen beziehungsweise die Symptome lindern zu können.

Leidet der Patient an einer schmerzhaften Polyneuropathie, steht zur Bekämpfung der Schmerzen heute ein breites Spektrum an effektiven Analgetika zur Verfügung. Hierzu zählen Antidepressiva (wie zum Beispiel Duloxetin) oder Antiepileptika (beispielsweise Gabapentin und Pregabalin) sowie bei starken Schmerzen auch ergänzend schwache Opioide (vorzugsweise Tramadol). „In den Verlauf der Polyneuropathie kann jedoch mit Medikamenten nicht eingegriffen werden. Es können lediglich neuropathische Schmerzen gelindert werden“, so Ludvik.

Begleittherapie Alpha-Liponsäure

Die medikamentöse Behandlung erfolgt unter Berücksichtigung von Begleiterkrankungen sowie unter sorgfältigem Abwägen der Wirksamkeit und der Nebenwirkungen der verfügbaren Medikamente. Begleitend empfiehlt Quasthoff eine Infusionstherapie mit Alpha-Liponsäure. In verschiedenen Studien wurde dadurch eine signifikante Verbesserung von neuropathischen Symptomen und Defiziten bei Patienten mit diabetischer Polyneuropathie nachgewiesen, nicht jedoch eine analgetische Wirksamkeit.

Quasthoff betont, dass sich der behandelnde Arzt vor der Therapie mit dem Patienten einigen muss, was behandelt wird beziehungsweise behandelt werden kann. „Negativsymptome wie ‚Bamstigkeits‘- oder Taubheitsgefühl wird man nur sehr eingeschränkt verbessern können. Was man sehr gut verbessern kann, sind die Missempfindungen“, so der Experte. Der Patient muss sich dessen bewusst sein, dass sich der therapeutische Erfolg oft erst nach Monaten oder Jahren einstellt. Quasthoff dazu: „Wird ein diabetisches Fußsyndrom eingestellt, zeigt sich der Effekt auf die Nerven erst nach durchschnittlich sechs Jahren.“

Jede erfolgreiche Behandlung einer diabetischen Polyneuropathie verringert die Anzahl an Amputationen. „Bisher ist das noch nicht wirklich gelungen“, klagt Quasthoff. Er appelliert, dass sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten künftig mehr Bewusstsein für die Erkrankung und deren Prävention geschaffen werden müsse. „Es ist ein Wettlauf gegen den Strom, denn es wird künftig immer mehr und immer jüngere Diabetiker geben.“


Erste Anzeichen

  • Missempfindungen wie zum Beispiel Kribbeln, Prickeln, „Ameisenlaufen“, Brennen oder Druckgefühl an den Füßen und - seltener - Händen, die in der Regel beidseitig auftreten.
  • Taubheitsgefühle sowie stechende, brennende oder ziehende Schmerzen in den Unterschenkeln und Füßen, die während der Nacht an Intensität zunehmen.
  • Auffällig trockene, warme, pergamentartige oder rissige Haut.
  • Motorische Beschwerden, häufig Muskelkrämpfe und das Fehlen der kleinen Fußmuskulatur, was zum typischen „Charcot-Fuß“ führt.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2014