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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 22 - 25.11.2014

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Hamsterrad

© Dietmar Mathis

Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter“. Ein Bild, das nur allzu oft die Arbeitsrealität von Ärztinnen und Ärzten widerspiegelt. Selbst die in den letzten Monaten gebetsmühlenartig beschworene international zweithöchste Ärztedichte Österreichs kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beruflichen Anforderungen für jeden einzelnen Arzt seit Jahren unablässig steigen. Eine weltmeisterliche Zahl von 2,7 Millionen Österreicherinnen und Österreichern garantiert die Vollauslastung unserer Spitalsbetten.

Viele Millionen Menschen sind es auch, die unsere Spitalsambulanzen Tag und Nacht stürmen. Sie nutzen die Einrichtungen, welche der Gesetzgeber im Krankenanstaltengesetz für die Aufnahme und Entlassung, die Notfallbehandlung oder als Ersatz für fehlende extramurale Versorgung vorgesehen hat, als Routineangebot ohne Sperrstunde.

Gleichzeitig wird aber auch von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten erwartet, dass sie jedes Jahr mehr Kranke mit immer komplexeren Krankheiten betreuen. Mehr als 100 Millionen Patientinnen und Patienten werden so jährlich allein durch die heimischen Kassenarztpraxen geschleust. Die Einhaltung von Qualitätskriterien in Ausstattung und bei Prozessen, die dokumentierte Erfüllung der Fortbildungsverpflichtung und die Garantie fachlicher Standards beschleunigen zudem das Arbeitstempo. Und das alles zum Preis, nur nicht zu sehr an öffentlicher Reputation zu verlieren oder gar bei jedem kleinsten Fehler an den Pranger gestellt zu werden und letztlich aber auch, um nicht weniger umzusetzen, damit die geforderten Standards in den Praxen gehalten werden können. Ein hoher persönlicher Preis eines jeden Arztes, um die von der Politik garantierte Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten und höchster persönlicher Einsatz auch, um zumindest nicht weniger zu verdienen.

Denn dann, wenn plötzlich jemand in das Hamsterrad greift, um dieses zu verlangsamen, zeigt sich, wie menschenwürdigere Arbeitsbedingungen plötzlich ein bisher leistungsgerechtes Salär bedrohen. Wenn das novellierte Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz die Wochenarbeitszeit auf ein für andere Berufe schon lange übliches Maß begrenzt, fällt auf, dass nur die vielen Stunden es waren, die einigermaßen konkurrenzfähige Gehälter garantierten.

Ähnlich die Situation bei den Vertragsärzten. Trotz Limitierungen und Honorardegressionen sind sie bemüht, die Versorgung einer zunehmenden Patientenzahl zu bewältigen. Steigende Fixkosten und fehlende Skaleneffekte reduzieren dabei den Gewinn trotz zunehmender Arbeitsbelastung. Einer absoluten wie relativen Abnahme der Vertragsarztstellen stehen die Wünsche der Gesundheitspolitik nach einer Verlängerung der Öffnungszeiten der Praxen und einer besseren Abdeckung von - besonders abendlichen - Randzeiten sowie einer dichteren Versorgung am Wochenende gegenüber. Derzeit schon ausgelastete Ärztinnen und Ärzte sollen dafür ihre Freizeit opfern und die eigene Erholung hintanstellen und mit den degressiv absinkenden Honoraren die bei Überstunden steigenden Personalkosten tragen.

Kein Wunder, dass damit die Begeisterung, in Österreich ärztlich tätig zu sein, sinkt und viele Ärztinnen und Ärzte entweder dem Arztberuf oder unserem Land „Adieu“ sagen, um Karriere real und nicht im Trugbild eines Hamsterrades zu machen.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2014