Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 22 - 25.11.2014
© Corbis

Transitorische Ischämische Attacke (TIA)


Rasche Einweisung und Intervention entscheiden

Die auch als „Minor Stroke“ bezeichnete TIA gilt als Vorbote des Schlaganfalls, dauert durchschnittlich 15 Minuten und bildet sich innerhalb einer Stunde zurück. Jeder dritte Schlaganfall kündigt sich durch eine TIA an. Werden die Ursachen einer TIA konsequent behandelt, kann jeder zweite Schlaganfall vermieden werden.
Von Verena Ulrich


Die transitorische ischämische Attacke ruft die gleichen Symptome wie ein Schlaganfall hervor, gilt als dessen Vorbote und wird auch oft als ‚Minor Stroke‘ bezeichnet. „Eine TIA kann sich in den unterschiedlichsten Formen äußern. Häufig sind plötzliche Sprachstörungen, halbseitige Lähmungen, Gefühlsstörungen in Armen oder Beinen und eine Amaurosis fugax“, erklärt Univ. Prof. Franz Weidinger, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung mit Kardiologie und internistischer Intensivmedizin an der Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien. Die Mehrzahl solcher transienten Störungen bildet sich innerhalb einer Stunde zurück. Die durchschnittliche Dauer einer TIA beträgt in etwa 15 Minuten.

Obwohl der Patient meist kein neurologisches Defizit mehr aufweist, wenn er beim Arzt eintrifft, handelt es sich bei einer TIA um eine Hochrisikosituation für einen ischämischen Hirnschlag. Jeder dritte Schlaganfall kündigt sich durch eine TIA an. „Rasche Einweisung und Intervention sind der Schlüssel“, mahnt Univ. Prof. Reinhold Schmidt, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie in Graz. Die diagnostische Abklärung hat laut dem Experten so schnell wie möglich zu erfolgen, da die Behandlung der zugrundeliegenden Ursachen entscheidend ist, um einen Schlaganfall verhindern zu können. „In etwa zehn bis 20 Prozent der TIAPatienten erleiden innerhalb der ersten 90 Tage nach der TIA einen Schlaganfall, die Hälfte von ihnen innerhalb von 24 bis 48 Stunden“, so Schmidt. Das Risiko für einen Schlaganfall ist kurz nach der Akutsymptomatik am größten und sinkt im Verlauf der folgenden Tage und Wochen kontinuierlich ab. Nach einem Monat ist das Risiko etwa 15mal höher als das von Kontrollpersonen; nach einem Jahr ist es noch viermal erhöht und liegt absolut bei etwa 15 Prozent.

Der sogenannte ABCD2-Score kann dem Hausarzt helfen, die Höhe des Risikos eines Patienten einzuschätzen. In den Score fließen fünf unabhängige Risikofaktoren ein, für die jeweils nach bestimmten Kriterien Punkte vergeben werden: Alter, Blutdruck, Clinical features (klinische Symptome), Dauer der Symptome und Diabetes mellitus. Die vergebenen Punkte werden addiert, so dass sich ein Score zwischen 0 und 7 Punkten ergibt. 0 bis 3 Punkte zeigen ein geringes Risiko an, innerhalb von 48 Stunden einen Schlaganfall zu erleiden; 6 bis 7 Punkte stehen für ein hohes Risiko. Daraus lässt sich die Empfehlung ableiten, dass Patienten mit einem Score von ≥ 3 sofort stationär aufgenommen werden sollten, um die TIA von Experten neurologisch abklären zu lassen. Auch bei einem niedrigeren Score ist rasche neurologische Abklärung anzuraten; diese kann allerdings ambulant erfolgen.

TIA richtig diagnostizieren

Die Diagnose einer TIA basiert auf der Anamnese und der Erhebung von neurologischen Zeichen. „Da die meisten TIAs eine Dauer von weniger als einer Stunde haben, ist man bei der Diagnosestellung auf eine exakte Anamnese angewiesen“, weiß Schmidt. Patienten, die eine TIA erleiden, sind meist älter und haben ein oder mehrere Gefäßrisikofaktoren wie Hypertonie, Diabetes mellitus, Nikotinabusus oder eine koronare Herzkrankheit. Die Diagnose ist schwierig und auch bei differenzierter Anamneseerhebung sind meist Zusatzuntersuchungen nötig.Wichtig ist, dassm differentialdiagnostische Überlegungen gemacht werden. „Selten können nicht-vaskuläre Ereignisse eine TIA imitieren. Dies kann im Rahmen einer Migräne, von epileptischen Anfällen, bei Tumoren oder auch bei einem subduralen Hämatom der Fall sein“, erläutert Schmidt. Am häufigsten muss eine TIA gegen einen fokalen Anfall und eine Migräne abgegrenzt werden. TIAs haben eine abrupt einsetzende Symptomatik in maximaler Ausprägung, die sich langsam wieder zurückbildet. Im Gegensatz dazu breiten sich bei einem Migräneanfall oder einem epileptischen Anfall die Symptome allmählich aus oder gehen mit Bewusstseinsstörungen einher.

Behandlung und Prophylaxe

Die Behandlung und die Vorbeugung einer weiteren TIA oder eines Schlaganfalls richten sich nach der Ursache, die für die Attacke verantwortlich war. Die häufigste Ursache ist die arterioarterielle Embolie bei Atheromatose der hirnversorgenden Arterien im extrakraniellen Abschnitt. Als zweithäufigste Ursache gelten kardiale Emboliequellen. Am bedeutendsten ist dabei das Vorhofflimmern. Schließlich können auch mikroangiopathische Veränderungen ischämische Ereignisse verursachen. Diese kommen vor allem bei Hypertonie und Diabetes vor. „Gelegentlich ist die Ursache auch durch Hyperkoagulabilität, arterielle Dissektion, Arteriitis, Aneurysmen oder arteriovenöse Malformationen bedingt“, weiß Schmidt.

Die Behandlungsschemata sind komplex. Im Juli dieses Jahres hat die American Heart Association neue Guidelines veröffentlicht: „Guidelines for the Prevention of Stroke in Patients With Stroke and Transient Ischemic Attack“. Grundsätzlich kommen als Prophylaxe eine Thrombozytenaggregationshemmung, eine Antikoagulation oder eine Karotis-Endarterektomie in Betracht. Bei Vorhofflimmern oder anderer kardialer Emboliequellen ist die Antikoagulation einer Thrombozytenaggregationshemmung deutlich überlegen. „Hierbei ist die Zusammenarbeit von Kardiologen und Neurologen sehr wichtig, um das Vorhofflimmern rechtzeitig zu erkennen, da die Behandlung unterschiedlich ist“, so Weidinger. Ist Vorhofflimmern ursächlich für die TIA, gilt es laut dem Experten nach dem sogenannten CHA2DS2- VASc-Score zu entscheiden, ob eine orale Antikoagulation durchzuführen ist.

„Wenn die Symptome vorbei sind und neurologische Untersuchungen gemacht wurden, kann der Patient zwar recht zeitnah entlassen werden, aber er muss in jedem Fall weiter beobachtet und behandelt werden“, betont Weidinger. TIAs sind im Alter von 60 bis 70 Jahren am weitesten verbreitet. Außerdem gibt es einige Risikofaktoren, die die Gefahr, eine TIA oder einen Schlaganfall zu erleiden, erhöhen. „Risikofaktoren für TIAs sind letztlich alle, die auch für die meisten anderen Herz-Kreislauferkrankungen gelten, das heißt Bluthochdruck, hohe Blutfette, Rauchen und Diabetes“, erklärt Weidinger. Um das Risiko zu senken, ist einerseits eine gesunde Lebensführung wichtig, andererseits müssen gegebenenfalls die Auslöser wie Diabetes, Hypertonie, Arteriosklerose und Vorhofflimmern medikamentös behandelt werden. „Werden die Ursachen einer TIA konsequent behandelt und die Risikofaktoren abgebaut, kann in etwa jeder zweite Schlaganfall verhindert werden“, ermutigt Schmidt.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2014