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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 23/24 - 15.12.2014

Standpunkt - Vize-Präs. Johannes Steinhart


Realitätsverweigerung

© Zeitler

Für viele ist es kein Thema – wozu auch: Wenn man jung und gesund ist, macht man sich kaum Gedanken, wo es in der Nähe einen Hausarzt gibt – sofern es überhaupt noch einen gibt. Wie gesagt: Wenn man jung ist, ist das kein Thema. Spätestens wenn Kinder da sind, ändert sich das; ganz besonders dann, wenn man seinen Lebensmittelpunkt in einer ländlichen Region gewählt hat und ein Spital nicht unbedingt in unmittelbarer Nähe ist.

So richtig ins Bewusstsein drängt sich der Gedanke an einen Hausarzt spätestens bei den ersten altersbedingten gesundheitlichen Problemen. Jetzt einmal ganz abgesehen davon, was das für jeden Betroffenen bedeutet, muss man sich vergegenwärtigen, dass in den nächsten zehn Jahren in Österreich nicht nur 50 Prozent aller niedergelassenen Kassenärzte in Pension gehen, sondern eine ganze Generation von Österreicherinnen und Österreichern, die Baby-Boomer, geht in Pension. Sie werden ein Gesundheitssystem vorfinden, das möglicherweise nicht mehr so ist, wie sie es sich erwarten und kennen.

Ich frage mich, wer diese große Gruppe der dann über 60-Jährigen wohnortnahe zu Hause betreuen soll. Schon allein zahlenmäßig müssten wir unsere basismedizinische Versorgung rasch aufrüsten, um quantitativ die medizinische Versorgung dieser potentiell zu betreuenden Personen auch zu gewährleisten. Österreichweit fehlen schon jetzt rund 1.300 Kassenärzte in der basismedizinischen Versorgung.

Ich frage mich, wie diese Betreuung finanziert werden soll, lassen sich doch die Krankenkassen – so wie in den vergangenen Jahren – auch heuer wieder als Sparvereine feiern. Was ja letztlich nichts Anderes bedeutet, als dass dem System Geld und somit Leistungen vorenthalten werden.

Ich frage mich, wann denn nun endlich die von der Politik schon seit Jahrzehnten angekündigte Aufwertung des Hausarztes kommt. Ist doch bekanntlich die Versorgung und durchgängige Betreuung beim niedergelassenen Arzt wesentlich günstiger als im Spital. Aber diese Aufwertung ist offensichtlich einmal mehr ein Lippenbekenntis; denn davon, dass die Rahmenbedingungen besser, die bürokratischen Anforderungen weniger werden und endlich auch die Honorierung zeitgemäß ist, davon ist nichts zu bemerken.

Ich frage mich, wie man rund um das allerorts immer drängender werdende Problem bei der Nachbesetzung von Kassenstellen allen Ernstes von einem „Verteilungsproblem“ sprechen kann. Wie will man etwas verteilen, was gar nicht mehr da ist? Wir verlieren jeden zweiten Medizinabsolventen einer österreichischen Universität bereits ans Ausland.

Ich frage mich auch, was dieses Getue um den ‚Best Point of Service‘ soll: Schon in einem Jahr, also 2016, soll dieser Best Point of Service für exakt ein Prozent der Österreicherinnen und Österreicher Realität sein. Und man muss ihn nicht erst erfinden, denn es gibt ihn schon längst: den Hausarzt, den es 2016 hoffentlich immer noch für die übrigen 99 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher geben wird.

Manche Menschen haben eine Eigenheit: Wenn sie etwas nicht wahrhaben wollen, leugnen sie es – und somit existiert es nicht. In der Gesundheitspolitik aber ist für Realitätsverweigerung kein Platz.


Johannes Steinhart
3. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2014