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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 9 - 10.05.2014

ELGA in Krankenhäusern: Ein Parallelsystem


Nur noch knapp acht Monate, dann soll ELGA bereits in Krankenhäusern verwendet werden. Bis dahin sind bei den jeweiligen EDV-Systemen der einzelnen Krankenhäuser aufwändige Adaptierungen erforderlich. Nicht nur das: Wegen der Möglichkeit des Opt out müssen der Befund- und Arztbrief-Versand auch weiterhin parallel erfolgen.
Von Marion Huber


Knapp acht Monate sind es noch: Mit 1. Jänner 2015 sollen die österreichischen Krankenhäuser die ersten sein, die ELGA nutzen. Acht Monate, um offene Fragen zu klären – und davon gibt es noch genug, wie Herbert Stekel, Vorstand des Instituts für medizinische und chemische Labordiagnostik am AKH Linz und Mitglied der Arbeitsgruppe zu ELGA-Laborbefunden, weiß. Dazu einige Beispiele:

  • ELGA muss im Krankenhaus 24 Stunden am Tag verfügbar sein
    Für Stekel eine „ganz heikle Sache“. Vonseiten der ELGA-GmbH wird stets betont, es gebe keine zentrale Datenspeicherung. „Das ist nur teilweise richtig“, wie er sagt. Mit Ausnahme der Kommunikationsserver gebe es zwar keinen zentralen Server, aber sehr wohl ELGAKnoten – etwa 20 über ganz Österreich verteilt. Sie werden aus den Ordinationscomputern „befüttert“ und speichern Daten – „genau dafür, dass sie eben 24 Stunden verfügbar sind“.

  • Mit ELGA ändert sich die Befund-Architektur – EDV-Systeme müssen angepasst oder neu aufgesetzt werden
    Zunächst werde in CDA-Level I ein Befund aus einem pdf-Dokument bestehen, das in einen Rahmen – den sogenannten ELGA-Header – eingebettet ist. Erst auf CDA-Level 3 soll es ein Strukturbefund werden, erklärt Stekel: „Und da ist die Sache wieder eine ganz andere.“ Denn um überhaupt auf CDA-Level 3 zu kommen, sind umfangreiche EDV-Anpassungen notwendig. „Dabei ist es egal, ob nur ambulante oder alle Patienten betroffen sind“, wie der Labormediziner weiter ausführt. Denn in jedem Fall müssen KIS, Labor- und Radiologiesystem angepasst werden. Außerdem sei zu klären, welche Systeme Befunde in ELGA hineinstellen. Werden diese etwa von einem Labor- Informationssystem direkt hineingestellt, hat das Vorteile und auch Nachteile. Stekel dazu: „Nicht alle Daten, die im ELGA-Header vorgesehen sind, sind zwingend auch in einem Laborsystem vorhanden.“ Umgekehrt würde eine Reihe von Daten, die CDA-Level 3 verlangt – etwa die Qualität der Probe oder die Röhrchennummer – aktuell nicht in das KIS übertragen. Diese Adaptierungen umzusetzen sei laut Stekel „ein erheblicher Aufwand“. Konkret bedeutet das: Das gesamte Labor-Informationssystem muss komplett neu aufgesetzt werden. Den diesbezüglichen Aufwand hat Stekel für das AKH Linz, in dem er tätig ist, grob abgeschätzt: „Nach derzeitigem Stand rechnen wir bei einem aktuellen Laborsystem mit einem halben Mann- Jahr für ein 1.000-Betten-Haus.“

  • ELGA ist kein Ersatz für den Befundversand
    Weil Patienten aus dem System hinausoptieren können, biete es laut Stekel „keinesfalls einen verlässlichen Weg“, Befunde zu versenden. „So könnten wir nie davon ausgehen, dass alles auch wirklich dort ankommt, wo es hin gehört“, betont er. Damit sei ELGA ein „echtes Parallelsystem“, weil der Befundund Arztbriefversand trotz ELGA in vollem Umfang aufrechterhalten werden müsse.

  • ELGA darf keine doppelte Befunderstellung bedeuten
    Es sei unbedingte Voraussetzung, dass das Einstellen in ELGA für jeden Befund „voll automatisiert und ohne zusätzliche Freigabe“ funktioniert – sofern der Patient einverstanden ist –, betont Stekel. „Für uns Ärzte darf das keine zusätzliche Belastung werden.“ In dem Augenblick, in dem ein Arztbrief oder Befund druckfertig ist, müsse er automatisch auch ELGA-fertig sein. Das System müsse dann sicherstellen,dass Daten, hinter denen ein Opt out steht, nicht übernommen werden.

  • ELGA-Befunde werden viel länger
    Wird ein Befund komplett nach ELGAVorgaben befüllt, wird er „wirklich sehr lang“ (Stekel). Stekel hat für das Zentrallabor des AKH Linz einen ELGAVollbefund laut Vorgaben nachgestellt: „Im aktuellen System ist der Befund drei Seiten lang, in ELGA sind es acht.“ Andererseits: Nur durch diese definierte Struktur sei eine adäquate Suchfunktion möglich, wie er betont.

  • ELGA-Suchfunktion ist ungeklärt
    Die Suchfunktion ist ein Kernpunkt der Usability. Darüber, wie die Suche aussehen soll, „wissen wir bis jetzt noch gar nichts“, erklärt Stekel. Klar ist aber: Jeder Arzt, jede Abteilung, jedes Krankenhaus hat eigene Gewohnheiten, Daten anzugeben. „Allein bei ‚Nüchtern-Blutzucker‘ sind wir beim Testen auf mehr als 20 unterschiedliche Möglichkeiten gekommen, das als Text abzubilden.“ Für eine rasche und gezielte Suche wird es laut Stekel einen Thesaurus oder eine Suchmaske geben müssen.

  • ELGA-Befunde sollen zuerst für den Arzt sichtbar sein – und erst nach dem aufklärenden Arztgespräch für den Patienten
    „Aus guten Gründen“ ist Stekel dagegen, dass der Patient alle Dokumente sofort im Portal abrufen kann: „Ein Patient soll die Information über einen schwerwiegenden Befund nicht über das Portal mitgeteilt bekommen.“ Für den Patienten solle zunächst im Portal nur aufscheinen, dass ein neuer Befund vorliegt – und das könnten die ELGA-Kommunikationsserver laut Stekel technisch auch leisten. Freigeschalten würde der Befund erst beim nächsten Arztkontakt nach einem aufklärenden Gespräch. Den Patienten mit seinem Befund allein zu lassen „unter dem Vorwand, er hat ein Recht auf den Befund“ – hält Stekel für problematisch: „Das ist nicht das, was wir unter medizinischer Sorgfalt und ärztlicher Begleitung des Patienten verstehen.“

  • ELGA braucht personalisierte Zugänge
    Aus Gründen des Datenschutzes – um alle Zugriffe genau zu protokollieren – gibt es für ELGA keine Sammeluser. Ob aber in jeder Situation ein Arzt in ELGA einsteigen muss oder eventuell auch anderes Krankenhauspersonal, müsse nach Ansicht von Stekel geklärt werden. Dazu kommt: Nicht alle Krankenhäuser haben personalisierte Zugänge. „Solche Krankenhäuser von Gruppenzugängen auf Einzeluser umzustellen, ist eine Frage der Investition“, sagt Stekel. Bisher sei im Budget aber lediglich der Aufwand der ELGA GmbH berücksichtigt; zu den Kosten, die all diese Adaptierungen in den Krankenhäusern verursachen, gebe es keinerlei Schätzungen. Im Endeffekt seien aber auch diese Investitionen Gesundheitsbudget, betont Stekel: „Das muss in Zeiten von Gesundheitsreform und Kostendämpfungen schon deutlich gesagt werden.“




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2014


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