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ArchivÖÄZ 2014ÖÄZ 9 - 10.05.2014

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Graue Theorie

© Dietmar Mathis

Mit „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ lässt Goethe Mephistopheles die Unzulänglichkeit eines nur theoretischen Wissens erklären. Er warnt, vor lauter Theoretisieren die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren.

Eine Warnung, die in den Jahrhunderten nicht an Aktualität verloren hat. So erwies sich die Annahme, dass eine Ausländerquote von 25 Prozent an Österreichs medizinischen Universitäten den heimischen Ärztenachwuchs auf Jahre hinaus sicherstelle, als falsch. Unbeeinflussbar erscheint der Brain-Drain, den über die erwartbare Rückkehr ausländischer Studienabsolventen in ihre Herkunftsländer hinaus, österreichische Mediziner in den letzten Jahren auslösten. Bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, mehr Wertschätzung und höhere Gehälter erzeugen einen Sog in die Nachbarländer, der heimische Krankenhäuser in Personalnot und den Krankenkassen frustrane Stellenausschreibungen bringt. Doch statt auf die Ernsthaftigkeit der Situation zu reagieren, verschanzen sich offizielle Stellen noch immer hinter dem Argument, dass Österreich mit 4,7 Ärzten auf 1.000 Einwohner weit über dem europäischen Durchschnitt liege und damit – zumindest theoretisch – kein Mangel bestehen könne.

Eine unüberbrückbare Kluft zwischen Theorie und Realität offenbarte auch der Reformpool, den die Gesundheitsreform 2005 ins Leben gerufen hatte. Anstatt Leistungsverschiebungen zwischen dem intramuralen und dem extramuralen Bereich jährlich mit mindestens ein beziehungsweise zwei Prozent der Gesamtmittel für diesen Bereich in den Jahren 2005 bis 2008 zu finanzieren, schrumpfte der theoretische Pool zum Pot, in den gerade soviel tröpfelte, damit einige kleine Projekte finanziert werden konnten. Diese Erfahrung hinderte den Gesetzgeber allerdings nicht, die Gesundheitsreform 2013 auf ähnlich tönernen Füßen zu errichten. Fantasiereich wurden der Reformpool in virtuelles Budget umbenannt, zu Gesundheitsplattformen und Bundesgesundheitskommission Zielsteuerungskommissionen in Bund und Ländern errichtet und damit kritische Geister, wie die Ärztekammern, von den Entscheidungsprozessen gänzlich ausgeschlossen. Dass in den exklusiven Gremien der „Zahler“ selbst die Erstellung diverser Konzepte und Zieldefinitionen nicht allzu harmonisch verlief, drang dennoch an die Öffentlichkeit. Auch die diskutierten Konzepte zur Verbesserung der Primärversorgung sparen alle die Bereiche aus, die Einvernehmen zwischen Ländern und Sozialversicherung voraussetzen, damit das Geld dorthin fließen kann, wo es zur Stärkung des niedergelassenen Bereichs benötigt werden wird. Dabei ist der Diskussionsstand erst bei der allgemeinmedizinischen Versorgung angelangt. Dass eine krankenhausersetzende Versorgung besonders auch den Ausbau des fachärztlichen Angebotes im niedergelassenen Bereich betreffen wird, findet sich derzeit nur im theoretischen Ansatz des Reformgesetzes, das eine bedarfs- und patientenorientierte Abstimmung der Leistungsangebote und einen Abbau von Doppelstrukturen verlangt. Ebenso ist gewünscht, dass multidisziplinären und integrativen Versorgungsformen der Vorzug zu geben sei. – Dafür müssen allerdings, wie die Praxis internationaler Vorbilder zeigt, auch Mittel zur Errichtung von Gruppenpraxen wie auch zur Stärkung bestehender Einzelpraxen und deren Netzwerkbildung bereitgestellt werden.

Einen fatal theorielastigen Ansatz kann man auch ELGA bestätigen. Konzipiert zur Stärkung der Patientenautonomie erweist sich schon die Abmeldung aus den zwangsverordneten Datenspeichern als Hürdenlauf. Ebenso schwer überwindbar werden sich die theoretisch schnellen und einfachen Mausklicks zur Verwaltung der persönlichen Gesundheitsdaten gerade für jene erweisen, die ob ihres Alters oder angeschlagenen Gesundheitszustandes eine Vielzahl an Befunden angesammelt haben. Die technikaffinen jüngeren Österreicherinnen und Österreicher, die das System nutzen könnten, gehören glücklicherweise zur großen Mehrheit der Gesunden. Deren Datenspeicher bleiben leer oder füllen sich mit, für zukünftige Behandlungen irrelevanter, Historie. Und dass jeder der beruflichen Nutzer der elektronischen Gesundheitsakte diese nur seiner Rolle entsprechend nutzen wird und selbst Bundesländer umfassende Affinity Domains als dezentrale Datenspeicher keine Hacker anziehen werden und vor Datenlecks sicher sind, ist auch nur ein höchst theoretischer Ansatz. Aber wie sagte schon Goethe: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie...“ und die Erfahrung lehrt uns, dass Evidenzbasiertheit kein Kriterium in politischen Entscheidungen ist.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2014