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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 12 - 25.06.2015

Anti-Tabak-Kampagne in den USA


Erfolgreiche Entwöhnung

Die USA haben dem Tabak bereits vor Jahren den Kampf angesagt – und führen ihn genauso konsequent wie erfolgreich. Dennoch sterben jedes Jahr fast eine halbe Million US-Bürger an den Folgen des Rauchens. Und Amerikas Teenager haben die E-Zigarette entdeckt: Zwischen 2013 und 2014 hat sich die Zahl der jugendlichen Konsumenten verdreifacht.
Von Nora Schmitt-Sausen


Rauchen in Lokalen? Ein Glimmstängel auf offener Straße? Jenseits des Atlantiks ist das vielerorts undenkbar. Die USA sind in weiten Teilen eine rauchfreie Zone geworden. Aus dem öffentlichen, urbanen Leben in liberalen Städten wie Boston, Denver oder Washington D.C. ist die Zigarette nahezu verschwunden. Selbst in Südstaaten-Metropolen wie New Orleans, wo Rauchen noch mehr zum Lebensgefühl gehört als andernorts, ist der Rauchstopp inzwischen angekommen – seit Ende April diesen Jahres darf in den Jazzlokalen und Bars der Stadt nicht mehr geraucht werden. Die Entwöhnung war alles andere als ein Spaziergang. Jahrzehntelang war auch in den USA der Griff zur Zigarette en vogue und weit verbreitet. Doch als Mitte der 1960er Jahre die hohen Gesundheitsrisiken des Rauchens offiziell bekannt wurden, begannen die USA, dem Tabak aktiv den Kampf anzusagen – und verstanden dies als zentrale Aufgabe der öffentlichen Gesundheit. Im Surgeon General‘s Report on Smoking and Health, der 1964 erstmals erschien und seither jährlich herauskommt, hieß es damals: „Die stärkste Verbindung zwischen dem Zigarettenrauchen und der Gesundheit ist Lungenkrebs.“ Es war ein Meilenstein und Wendepunkt.

Es begann ein Kampf auf allen Ebenen. Die Aufklärungsarbeit erfolgte regional und föderal. Es wurde nicht nur politisch, sondern auch juristisch gerungen. Weder staatliche Akteure noch Privatinitiativen schreckten dabei vor der mächtigen US-Tabakindustrie zurück, und zum Einsatz kamen über die Jahre alle möglichen Instrumente: Textwarnungen auf Zigarettenpackungen, Rauchverbote in Restaurants, Arbeitsstätten und öffentlichen Plätzen, Werbeverbote, Medienkampagnen und Preissteigerungen durch Steuererhöhungen (siehe Kasten). Aktuell setzen immer mehr Bundesstaaten das Mindestalter für den Erwerb von Tabakprodukten auf 21 Jahre hinauf.

Die Erfolge dieser Initiativen sind nach dem bereits Jahrzehnte währenden Kampf spürbar. 26 der 50 Bundesstaaten und der District of Columbia haben sehr strikte Anti-Raucher-Gesetze. In fast 700 US-amerikanischen Städten ist das Rauchen in Bars, Restaurants und im Arbeitsumfeld verboten. Rauchten Mitte der 1960er-Jahre noch 42 Prozent der erwachsenen US-amerikanischen Bürger, sind es heute nur noch 18 Prozent - ein Topwert im OECD-Vergleich. Nur in Mexiko, Schweden und Island wird weniger geraucht. Die Amerikaner haben inzwischen sogar Vorbildfunktion im Kampf gegen den Dunst. „Die USA haben bemerkenswerte Fortschritte darin gemacht, den Anteil der Erwachsenen, die Tabak konsumieren, zu reduzieren“, schreibt die OECD in ihrer aktuellen Gesundheitsstatistik.

Die Amerikaner hatten und haben ihre Gründe, warum sie so vehement gegen das Rauchen vorgehen. Im 20. Jahrhundert waren die schädlichen Konsequenzen des Tabakkonsums eines der größten Gesundheitsprobleme in den USA. Allein zwischen 1965 und heute sind nach offiziellen Angaben mehr als 20 Millionen Amerikaner an den Folgen des Rauchens gestorben; darunter 2,5 Millionen Passivraucher. Auch der wirtschaftliche Schaden ist groß. Die US-amerikanische Regierung beziffert allein den Arbeitsausfall durch frühzeitige Tode, die auf das Rauchen zurückzuführen sind, auf 150 Milliarden US-Dollar jährlich. Die Kosten für die medizinische Versorgung von Bürgern, die an Krankheiten leiden, die mit dem Rauchen zusammenhängen, werden mit jährlich 130 Milliarden US-Dollar beziffert.

Noch nicht am Ziel

Der Kampf gegen das Rauchen ist nicht zu Ende. Noch immer rauchen in den USA 45 Millionen Menschen. Tabakkonsum ist jedes Jahr für einen von fünf Sterbefällen verantwortlich und damit weiterhin die zentrale vermeidbare Todesursache für Amerikaner. Jedes Jahr sterben fast eine halbe Million US-Bürger an den Folgen des Rauchens. 14 Bundesstaaten regulieren das Rauchen gar nicht oder nur lax. Auch Werbeverbote werden nicht flächendeckend umgesetzt. Es gibt immer noch große US-Metropolen wie Philadelphia oder Las Vegas, die sich gegen das Rauchverbot wehren.

Studien zeigen außerdem, dass es beim Thema Rauchen im Land große Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsgruppen gibt. Faktoren wie Nationalität, Herkunft, Bildungsstand, sozialwirtschaftlicher Status und Wohnort spielen beim Zigarettenkonsum eine erhebliche Rolle. Eine Analyse der University of Washington in Seattle, für die staatliche Statistiken zum Tabakkonsum der Amerikaner zwischen 1996 und 2012 herangezogen wurden, legt offen, dass es in wohlhabenden Regionen deutlich besser gelungen ist, die Raucherraten zu senken als in weniger gut situierten Gegenden.

Amerikas Jugend greift zur E-Zigarette

Außerdem ziehen an einer Front Wolken auf, an der eigentlich ebenso große Erfolge zu verzeichnen waren: beim Tabakkonsum von Jugendlichen. Die gute Nachricht hier: Selbst in jüngerer Zeit setzen sich die Erfolge der Aufklärungsarbeit weiter durch. Offizielle Statistiken besagen, dass die Zahl von Schülern, die Zigaretten rauchen, zwischen 2011 und 2014 erneut signifikant zurückgegangen ist, und zwar von 16 auf neun Prozent.

Es gibt jedoch den wenig positiven Verdacht, dass die US-amerikanische Jugend das Rauchen nicht gänzlich sein lässt, sondern lediglich einen anderen Weg der Konsumation wählt. Denn: Die E-Zigarette ist im Leben von Amerikas Teenagern angekommen. Zwischen 2013 und 2014 hat sich die Zahl der Jugendlichen, die EZigaretten konsumieren, verdreifacht. Sie liegt nun bei 13 Prozent. Addiert man diese Zahl mit der Anzahl der jungen Menschen, die klassisch Zigarette, Pfeife oder Zigarre rauchen, steht unter dem Strich, dass im vergangenen Jahr 400.000 junge Menschen mehr ein Tabakprodukt konsumierten als noch im Jahr davor. Die USBehörden sind durch diese jüngsten Zahlen alarmiert. Noch in diesem Sommer will das Gesundheitsministerium einen Vorstoß machen, um den Gebrauch der strittigen E-Zigaretten zu regulieren. Eine neue Front im Kampf gegen den Dunst ist eröffnet.


Meilensteine im Kampf gegen den Rauch

Im Jahr 1966 sind die USA weltweit das erste Land, das Warnlabel auf Zigarettenpackungen durchsetzt. Ebenfalls in den 1960er Jahren beginnen die ersten Werbeeinschränkungen in Fernsehen und Radio. Der US-Bundesstaat Arizona wird 1973 der erste amerikanische Bundesstaat, der Zigaretten aus Teilen des öffentlichen Lebens verbannt. Kalifornien hebt 1988 als erster bundesstaatlicher Akteur eine Tabaksteuer ein, mit deren Hilfe ein staatliches Kontrollprogramm finanziert wird.

Seit den 1990er Jahren wird der Kampf gegen den Rauch nochmals intensiviert – auf regionaler, wie auf oberster Regierungsebene. 1990 beschließt der US-amerikanische Kongress ein Rauchverbot auf allen Inlandsflügen. Mississippi zieht vier Jahre später als erster Bundesstaat gegen die Tabakindustrie vor Gericht und fordert die Erstattung von Behandlungskosten ein, die dem Bundesstaat innerhalb des staatlichen Krankenversicherungsprogramms Medicaid für die Versorgung von Rauchern entstanden sind.

1995 verbannt Kalifornien landesweit Zigaretten aus Restaurants und Bars. Vier Jahre später verklagt das US-amerikanische Justizministerium die großen Tabakkonzerne, die US-amerikanische Bevölkerung bei den Gesundheitsrisiken von Zigarettenrauch getäuscht zu haben. Seit 2009 stehen in den USA Produktion, Vermarktung und Verkauf von Tabakprodukten unter staatlicher Aufsicht. Im selben Jahr erhebt der Kongress eine Tabaksteuer. Im Jahr 2012 investiert die Zentralregierung in Washington 54 Millionen US-Dollar in eine landesweite, multimediale Aufklärungskampagne - unter anderem mit Spots in TV und Radio.



Tabakindustrie am Pranger

Politik, Gesundheitsadvokaten und Privatpersonen liefern sich immer wieder juristische Scharmützel mit der mächtigen US-Tabakindustrie. Im Sommer 2014 sorgte ein Gerichtsurteil international für Schlagzeilen. Dabei hatte ein Gericht in Florida den zweitgrößten Tabakkonzern des Landes zur Zahlung von 23 Milliarden US-Dollar verurteilt. Geklagt hatte die Witwe eines Kettenrauchers, der 1996 im Alter von 36 Jahren an einem Bronchialkarzinom gestorben war. Sie argumentierte, die Tabakfirma hätte die Gesundheitsrisiken, die ihr Produkt verursache, bewusst verschwiegen und nicht deutlich gemacht, dass Nikotin abhängig mache. Die Richter gaben ihr in ihrem Urteil Recht.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2015