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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 13-14 - 15.07.2015

4. Tag der Allgemeinmedizin: Der Unternehmer Arzt


Das Geschäftsmodell Ordination stand im Mittelpunkt beim 4. Tag der Allgemeinmedizin. Motto: „Freiberuflichkeit und unternehmerische Verantwortung“. Einmal mehr zeigte sich, dass die Vorstellungen von Spitzenrepräsentanten des österreichischen Gesundheitswesens über die künftige Versorgungsstruktur im niedergelassenen Bereich divergieren.
Von Agnes M. Mühlgassner


Als „intellektuelle Provokation“ wollte Clemens M. Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium, seine Ausführungen am diesjährigen Tag der Allgemeinmedizin, der von der ÖÄK gemeinsam mit der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin) veranstaltet wurde, verstanden wissen. Laut Auer lassen die niedergelassenen Allgemeinmediziner rund 100 Millionen Euro „am Markt liegen“, weil sie die Patienten nicht betreuen, diese „mit den Füßen abstimmen“ und in die Spitalsambulanzen strömten. Und er stellte in Frage, ob die niedergelassenen Allgemeinmediziner „ihr Marktpotential wirklich ausnutzen“. Und weiter: „Wenn man als Unternehmer rechnet, muss man sein Geschäftsmodell kritisch hinterfragen.“

Verstaatlichung der Medizin

Auch machten die Ärzte nicht immer das, was sie tun könnten und machen sollten – Auer nannte als Beispiel das Disease-Management-Programm Diabetes. Bei seinen Berechnungen war der oberste Planer im Gesundheitsministerium von einem Viertel der rund 17 Millionen Frequenzen in den Spitalsambulanzen ausgegangen - bei rund 70 Millionen Frequenzen jährlich in den Ordinationen von Allgemeinmedizinern. Wenn auch der Arztberuf zu den ältesten, freien Berufen zähle, was „ordnungspolitisch wichtig“ sei, wie Auer betonte, dennoch „werden wir es vielleicht nicht verhindern können, dass es zur Verstaatlichung der Medizin kommt“.

Wichtig: Gesprächsmedizin

Gert Wiegele, Kurienobmannstellvertreter der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Leiter der Bundessektion Allgemeinmedizin in der ÖÄK, gibt angesichts dieser Provokation zwei Dinge zu bedenken: Zum einen, dass es „ohne Patientensteuerung nicht gehen wird“ und zum anderen die Bedeutung der Gesprächsmedizin. So werde den Patienten im Spital immer häufiger geraten: gehen Sie damit zum Hausarzt. Und da die Vorarbeiten zu einem PHC-Gesetz dem Vernehmen nach im Gesundheitsministerium bereits laufen, richtete er einen dringenden Appell an Auer: „Den Begriff des Hausarztes soll es darin auch weiterhin geben.“ Er habe „kein Problem“ mit dem Begriff Hausarzt, betonte der Angesprochene ausdrücklich. Die Tatsache, dass in Österreich zuviel im Krankenhaus gemacht werde, ist laut Diagnose von Auer eine „Grundkrankheit“ des österreichischen Gesundheitswesens. „Dass wir das nie bewältigen werden, wenn wir Ihren Bereich nicht organisatorisch stärker machen“, ist sein therapeutischer Ansatz. Er kritisiert das Gruppenpraxisgesetz („das ist nicht gut“) und lobt gleichzeitig styriamed.net, das Ärztenetzwerk in der Steiermark.

Auch wenn er die organisatorische Vielfalt in diesem Bereich mehrfach betont, so gehen seine Vorstellungen doch ganz klar in eine Richtung: „Ja, es braucht mehr Arbeitskräfte. Nein, es müssen nicht Kassenstellen sein.“ Eines stellte der im Gesundheitsministerium für die zentrale Koordination zuständige Sektionschef jedoch unmissverständlich klar: Die Einstellung ‚es darf sich gar nichts verändern‘ wäre „fatal“. Wiegele wendet ein: „Wir haben nichts von PHCs, wenn es keine Ärzte mehr gibt.“ Deswegen sei es wichtig, den Jungen die Angst vor der Freiberuflichkeit zu nehmen. Und er zitiert aus einer aktuellen Studie: Demnach wollen nur noch 17 Prozent der Medizinabsolventen als niedergelassener Kassenarzt tätig sein. Auer erachtet noch eine weitere therapeutische Maßnahme für das Gesundheitswesen als unausweichlich: die Reallokation der im Gesundheitswesen vorhandenen Mittel – im öffentlichen Sektor rund 24 Milliarden Euro. „Wir werden zu Kostenverschiebungen zwischen ambulant und stationär kommen müssen.“ Änderungsbedarf sieht Auer auch beim Abrechnungssystem.

Zwar gesteht er ein, „kein ideales Bezahlmodell für niedergelassene Ärzte zu kennen“, doch präferiert er Mischsysteme, also Kombinationen aus Einzelleistungs-Honorierung mit Pauschalierungen. Denn „unser System funktioniert nicht besonders“, so seine Analyse. Sein abschließender Appell an die Ärzte: „Optimieren Sie Ihr Geschäftsmodell und kommen Sie aus Ihrer negativen Gefühlsspirale heraus.“

Ärzte: Mehrwert für Gesellschaft

Ärzte stellten – da sie Freiberuflichkeit und unternehmerische Verantwortung übernehmen – einen Mehrwert für die Gesellschaft dar, betonte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger. „Der Arzt übt eine freie Tätigkeit am Patienten aus, die aber Gemeinschaftswichtigkeit hat.“ Kritik übte er daran, dass Ärzte immer nur als Kostenverursacher gesehen würden, jedoch nie auf die Ergebnisse geschaut werde, die aus dieser Tätigkeit als Unternehmer erwachsen. „Natürlich“ gehöre es dazu, Gewinne zu erzielen, so Wechselberger, denn „das ist Voraussetzung für Innovation“. Ebenso gehöre es auch zur unternehmerischen Verantwortung eines Arztes, darauf aufmerksam zu machen, wenn etwa durch den Wegfall einer Hausapotheke die wirtschaftliche Grundlage einer Ordination beeinträchtigt ist.

Er könne mit dem Thema „Unternehmertum“ sehr viel anfangen, erklärte der Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Peter McDonald. Unternehmerisch denken würden diejenigen, die die Bedürfnisse erkennen und befriedigen. Dafür benötigten sie Motivation und Wertschätzung. Nicht nur das, sagt McDonald, ist doch „die Notwendigkeit eines wertschätzenden Gesprächs beim Arzt von ganz großer Bedeutung“. Man müsse die Allgemeinmedizin wieder aufwerten, dort müsse auch die strukturierte Behandlung wieder zusammenlaufen. Er betont dabei die „stärkere Kooperation mit Gesundheitsberufen“ und legt ein „klares Bekenntnis zu einem Wandel in der Allgemeinmedizin“ ab.

Geld im System sei genug vorhanden – und somit auch durchaus Potential, absehbare Entwicklungen – Stichwort Demographie – finanzieren zu können. „Wir werden mittelfristig das Ziel haben, nicht mehr Geld auszugeben, als wir haben“, legt der Hauptverbandschef dar. Zahlreich waren die anschließenden Wortmeldungen aus dem Publikum. Den Vorwurf von Auer, dass die Ärzte nicht machten, was sie tun könnten, ließ Thomas Jungblut, Präsident der Vorarlberger Gesellschaft für Allgemeinmedizin, nicht so einfach stehen: „Wir täten eh gern mehr, aber es geht nicht. Was können Sie uns anbieten?“ – „Eine völlig neue Vertragsgestaltung“ – so dessen Antwort.

Dass niemand „den Mut hat, den freien Patientenwillen zu steuern“, kritisierte Christoph Fürthauer, Kurienobmann niedergelassene Ärzte der Ärztekammer Salzburg. Die könnte etwa in der Form erfolgen, dass sich Patienten einer Primärversorgungsstruktur verpflichtend unterwerfen. Zustimmung dafür gab es sowohl von McDonald („die Politik ist zu unmutig“) als auch von Auer, der sich „als Freund von Steuerungen“ deklarierte. Für die Schaffung von entsprechenden Rahmenbedingungen, die eine Tätigkeit im niedergelassenen Bereich ermöglichen, sprach sich der Präsident der Ärztekammer Steiermark, Herwig Lindner aus: „Nicht nur die Patienten stimmen mit den Füßen ab.

Mittlerweile stimmen auch schon die Ärzte mit den Füßen ab und verlassen das Land oder den Beruf.“ Nüchternes Fazit des ÖÄK-Präsidenten: „Wir brauchen Freiheit, um flexibel arbeiten zu können. Alle geschilderten Modelle zeigen, wie es geht: sie haben nur ein anderes Mascherl. Nun ist es eben PHC. Und mehr Geld gibt es ohnehin nicht.“



„Die Notwendigkeit eines wertschätzenden Gesprächs beim Arzt ist von ganz großer Bedeutung.“ - Peter McDonald, Vorsitzender des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger

„Wir werden zu Kostenverschiebungen zwischen ambulant und stationär kommen müssen.“ - Clemens M. Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium

„Wir haben nichts von PHCs, wenn es keine Ärzte mehr gibt.“ - Gert Wiegele, Kurienobmannstellvertreter der Bundeskurie niedergelassene Ärzte der ÖÄK

„Es bewegt sich nicht nur nichts zum Besseren, sondern es geht vieles zum Schlechteren. Der Hut brennt.“ - Susanne Rabady, Vizepräsidentin der ÖGAM

„Natürlich gehört es dazu, Gewinne zu erzielen, das ist Voraussetzung für Innovation.“ - Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

„Ich richte einen Appell an alle, Rahmenbedingungen zu schaffen, denn nicht nur die Patienten stimmen mit den Füßen ab. Mittlerweile stimmen auch schon die Ärzte mit den Füßen ab und verlassen das Land oder den Beruf.“ - Herwig Lindner, Präsident der Ärztekammer Steiermark

„Niemand hat den Mut, den freien Patientenwillen zu steuern.“ - Christoph Fürthauer, Kurienobmann niedergelassen Ärzte der Ärztekammer Salzburg

„PHC ist ein neues Wort für etwas, was wir ohnehin schon dauernd machen. Es hat nur nicht diesen Namen.“ - Doris Schöpf, Kurienobmann-Stellvertreterin der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer Tirol



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2015