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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 13-14 - 15.07.2015

Griechenland: Ein System im freien Fall


Anhaltende Finanzkrise, Sparzwang und hohe Arbeitslosigkeit treffen die Gesundheitsversorgung in Griechenland hart. Viele Griechen sind nicht mehrkrankenversichert, manche Kliniken kaum mehr funktionsfähig. Ärzte arbeiten bis zur Belastungsgrenze – oder flüchten aus dem Land. Im Gesundheitswesen herrschen Zustände wie in einem Entwicklungsland.
Von Nora Schmitt-Sausen


Katastrophal. Nackter Überlebenskampf. Pures Chaos. Es gibt viele Beschreibungen für die Zustände im griechischen Gesundheitswesen. Allein ein Blick auf die Faktenlage ist erdrückend. Fast ein Drittel der Griechen ist nicht mehr in der Lage, Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. Mehr als drei Millionen Bürger sollen gänzlich ohne Krankenversicherung sein. Die Zuzahlungen, die beim Arztbesuch anfallen, können sich wenige leisten, den Gang zu einem privaten Arzt schon gar nicht. Kein Wunder: Mit 26,5 Prozent ist die Arbeitslosenquote weiterhin verheerend hoch, und wer in Griechenland arbeitslos ist, verliert seine Krankenversicherung. Wer überhaupt Erspartes für die Versorgung hatte, hat es nach sechs Jahren Krise inzwischen aufgebraucht. In den Medien reißen die Berichte über flehende Menschen vor Kliniken und Apotheken nicht ab. Sie warten dort teils Stunden, bis sie behandelt werden – wenn überhaupt. Vielen bleibt nur noch eins: Der Gang zu solidarischen Praxen und Kliniken, die es inzwischen überall im Land gibt. Ärzte und Pfleger versorgen hier nach Feierabend die Not leidende Bevölkerung; Freiwillige verteilen Medikamente und treiben Spenden ein. Die Organisation „Ärzte der Welt“ kam einst nach Griechenland, um sich um die medizinische Versorgung von Flüchtlingen zu kümmern, die dort stranden. Heute hat die griechische Sektion der Organisation in sechs Städten feste Anlaufstellen und versorgte dort allein im Jahr 2014 mehr als 100.000 Menschen - Tendenz steigend. Ehrenamtlich tätige Ärzte fahren mit mobilen Gesundheitsstationen abgelegene Regionen an, um „den Menschen Zugang zur Basismedizin“ zu ermöglichen, sagt Sprecherin Ute Zurmühl. Es seien immer mehr Menschen zu versorgen, aus allen Schichten. „Die Krise ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Ohne diese solidarischen Einrichtungen käme Griechenland nicht mehr zurecht. Vielmehr: Die Primärversorgung der Unversicherten wird heute im Wesentlichen von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) übernommen. Ein auf EU-Mitteln basierendes Gutscheinsystem, das im Herbst 2013 gestartet wurde, um eine kostenlose Grundversicherung für Bedürftige zu sichern, deckt nur einen geringen Teil der Not ab.

Nach Angaben der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sind in Griechenland die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit seit 2009 jedes Jahr gesunken, teilweise im zweistelligen Bereich. Allein im Jahr 2011 wurde das Gesundheitsbudget um 1,4 Milliarden Euro gekürzt. Mehrere Tausend Mediziner und Pflegekräfte sind in den vergangenen Jahren verloren gegangen; im vergangenen Frühjahr wurden 3.500 Ärzte auf einmal entlassen.

Die Staatsverschuldung beträgt 177,1 Prozent (Stand: 2014) des BIP. Die in der Eurozone vorgesehene Defizitgrenze von maximal drei Prozent überschreitet Griechenland mit 12,7 Prozent gleich um das Vierfache. Gleichzeitig lagen die Militärausgaben für 2013 bei 6,18 Milliarden US-Dollar (Quelle: EUROSTAT, statista; Destatis). Vor allem im Kliniksektor, der die erste Anlaufstelle für Patienten darstellt, schlägt der Sparzwang, den Europa den Griechen auferlegt hat, voll durch. Die Budgets der Krankenhäuser sind allein zwischen 2009 und 2011 um mehr als 25 Prozent gekürzt worden. Heute fehlt es selbst in großen Krankenhäusern an allem: Geld, Personal und auch so elementaren Dingen wie Verbandsmaterial, Watte und Handschuhen. Angehörige schaffen teils das nötige Verbandsmaterial heran, weil es in den Kliniken nicht mehr verfügbar ist. Ende Mai dieses Jahres streikten die griechischen Klinik-Ärzte – wieder einmal. Seite an Seite mit Pflege- und Verwaltungspersonal protestierten sie gegen die „Auflösung des Gesundheitssystems“. Die griechischen Apotheker haben in der Vergangenheit ebenfalls schon gestreikt.

Griechenland verliert seine Ärzte

Die Lage ist nicht nur für die Bevölkerung unerträglich, sondern auch für Griechenlands Ärzte. Nach Angaben der Ärztekammer Athens (ISA) waren nie mehr griechische Ärzte arbeitslos oder unterbezahlt als heute. Die Folge: Speziell junge Ärzte zieht es ob der fehlenden Perspektive in der Heimat ins Ausland, die meisten von ihnen nach Deutschland. So sind seit Beginn der Krise nach Angaben der ISA fast 7.000 griechische Ärzte ausgewandert. Dadurch verschärft sich die Situation in Griechenland noch mehr. Die Ärzte, die übrig bleiben, versuchen, unter den widrigen Bedingungen die Versorgung zu stemmen, und arbeiten jenseits der Belastungsgrenze.

Griechenlands neue Regierung reagiert darauf, dass sich die Versorgungslage im Land immer weiter zuspitzt. Im Frühjahr kündigte Ministerpräsident Alexis Tsipras an, 4.500 Ärzte, Pfleger und Fachkräfte einstellen zu wollen – und damit den eingeschlagenen Pfad der Sparmaßnahmen in puncto Gesundheit teilweise wieder zu verlassen. Woher das Geld dafür kommen soll, weiß niemand so recht. Laut Medienberichten besorgt sich die Regierung in Athen schon jetzt immer wieder kurzfristige Geldmittel von Sozialkassen und staatlichen Unternehmen. Die staatliche – marode – Krankenversicherung EOPYY soll Ende März dieses Jahres um die Übergabe von 50 Millionen Euro aus ihrer Reserve gebeten worden sein, um Lohnrückstände bei medizinischem Fachpersonal bezahlen zu können. Mit der EU ringt Athen seit Wochen um weitere Finanzhilfen.

Wie drastisch sich die Sparpolitik auf die Gesundheit der Griechen auswirkt, untermauert inzwischen eine Analyse, die in „The Lancet“ erschienen ist. Demnach kamen bereits im Vorjahr Public Health-Forscher der Universität Cambridge zum Ergebnis, dass die Sparmaßnahmen der Troika – bestehend aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds – vollständig auf das griechische Gesundheitswesen durchgeschlagen haben. Die Forscher beschreiben, dass die Zahl der Menschen mit schweren Depressionen deutlich gestiegen sei. Die Zahl der Suizide hat zwischen 2007 und 2011 um 45 Prozent zugenommen. Die Kindersterblichkeit ist zwischen 2008 und 2010 um 43 Prozent nach oben geschnellt. Alexander Kentikelenis, einer der zentralen Autoren der Studie, beschreibt die Situation als „Tragödie des öffentlichen Gesundheitswesens“.



Reformhilfe

Das griechische Gesundheitswesen war vor der Finanzkrise funktionsfähig, steckte aber bereits damals in einer tiefen Krise. Neben strukturellen Problemen in der Primärversorgung waren hohe Arzneimittelpreise und Korruption die Kernprobleme des Systems. Immer noch werden in Griechenland zu rund 95 Prozent Originalpräparate verschrieben und nur zu fünf Prozent Generika. Auch die Zahlung von Bestechungsgeldern („Fakelaki“) an Ärzte ist seit Jahren gängige Praxis – bis heute. Zahlungsfähige Patienten werden auf der Warteliste vorgereiht und gut versorgt.

Anfang 2012 hat sich Griechenland zu einer Reform des Gesundheitswesens verpflichtet; dabei erhält es Unterstützung aus Deutschland. Seit Dezember 2013 arbeiten mehr als 30 Experten der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an zehn Reformfeldern im griechischen Gesundheitswesen. Einige Ziele: das Fallpauschalensystem in der Krankenhausfinanzierung einzuführen, Nichtversicherte in die Gesundheitsversorgung einzubinden, die Arzneimittelkosten einzugrenzen und die medizinische Versorgung auf dem Land zu verbessern.

Auch unter der neuen Regierung bleibe die Gesundheitspolitik „ein wichtiger Bestandteil der Reformprozesse“, heißt es im aktuellen Zustandsbericht von Wolfgang Zöller (CSU), dem Beauftragten für die gesundheitspolitische Zusammenarbeit mit Griechenland. Offen sei derzeit, mit welcher technischen Unterstützung und mit welchen Ressourcen die griechische Regierung die angestrebte hochwertige Gesundheitsversorgung erreichen wolle. Welche Reformen die Regierung konkret ergreifen wolle, sei im Moment unklar. Die deutsch-griechische Zusammenarbeit ist bis 2020 geplant. Sie erfolgt in enger Kooperation mit der „Task Force für Griechenland“, einer 60-köpfigen Beamtengruppe, die 2011 vom damaligen EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso gegründet wurde, um dem Land zu helfen, sich grundlegend zu reformieren.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2015