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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 19 - 10.10.2015

Lyonel Feininger und Alfred Kubin


Zwei konträre Künstler – eine Freundschaft

Ein US-Amerikaner und ein Österreicher; einer malt farbenfroh, der andere düster; einer steht um 1912 am Anfang seiner Karriere, der andere hat sein Frühwerk bereits beendet. So verschieden und doch verbunden sind Lyonel Feininger und Alfred Kubin. Die Albertina in Wien zeigt das Frühwerk der beiden Künstler.
Von Marion Huber


Die Werke des einen sind farbenfroh, positiv, fast übermütig; die des anderen düster, dämonisch, furchterregend – sie waren so unterschiedlich, dass eine Freundschaft zwischen den beiden Männern kaum möglich scheint: Alfred Kubin und Lyonel Feininger. Dennoch waren sie ab 1912 – zumindest für eine kurze Zeit – enge Vertraute und durch regen Briefkontakt verbunden.

Begonnen hat alles damit, dass Kubin Ende 1912 einen Brief an Feininger schrieb: „… von den heutigen Zeichnern schätze ich Sie ganz besonders“. Und er schlug vor, Zeichnungen zu tauschen. Feiningers Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Es ehrt mich ungemein, dass Ihnen daran liegt, eine Zeichnung von mir zu besitzen; ich meinerseits bin schon seit Jahren ein warmer Verehrer Ihrer Arbeit und Schuldner für manchen Genuss.“ Beide - Kubin wie Feininger - kannten die Werke des anderen aus der Zeit, als sie kurz nach 1900 gleichzeitig für die Zeitschriften „Der liebe Augustin“ und „Licht und Schatten“ Zeichnungen anfertigten.

Was sich dann entwickelte, war ein intensiver Austausch – von Zeichnungen wie von künstlerischen und persönlichen Gedanken. In rund 100 Gemälden und Grafiken lässt die Albertina in Wien diese Zeit jetzt Revue passieren. Konkret sind es die Jahre 1900 bis 1915, das Frühwerk der beiden Künstler, die aufgezeigt werden. Beginnend mit frühen Zeichnungen von Kubin und den kommerziellen Karikaturen von Feininger verfolgt die Ausstellung deren künstlerische Entwicklung. In der Schau werden auch erstmals jene Werke gezeigt, die Feininger und Kubin miteinander tauschten.

Dabei beschränkte sich die Korrespondenz der beiden Künstler nicht auf den Austausch von Zeichnungen. Obwohl sie sich kaum persönlich kannten – sie sollen sich nur zweimal getroffen haben –, entstand zwischen dem in Berlin lebenden US-Amerikaner Feininger und dem skurrilen Österreicher Kubin schnell eine spezielle Verbundenheit. Die beiden introvertierten Persönlichkeiten haben sich auch Persönliches anvertraut, sich über tagtägliche Begebenheiten sowie über die Ereignisse des Ersten Weltkriegs ausgetauscht und bald sogar die Kunst des jeweils anderen analysiert. Feininger erzählte Kubin auch ausführlich vom legendären Ersten Deutschen Herbstsalon, der am 20. September 1913 in Berlin eröffnet wurde; Kubin selbst konnte nicht dort sein.

Waren beide auch fast gleich alt - Lyonel Feininger war 1871 geboren, Alfred Kubin 1877 -, so hatte Kubin zu dieser Zeit sein dämonisches Frühwerk bereits vollendet; Feininger jedoch stand gerade erst am Beginn seiner Künstlerkarriere. Er war damals - um 1900 - zunächst nur als Karikaturist bekannt, wenngleich er auch einer der renommiertesten in Deutschland war. Insgesamt schuf er knapp 1.800 Karikaturen, in denen er seinen ganz eigenen Stil verwirklichte; heute ist jedoch nur noch ein Bruchteil dieser ersten Werke von Feininger erhalten. An die Malerei wagte sich Feininger erst heran, als er etwa Mitte 30 war. Nicht verwunderlich, dass in diese Werke seine Tätigkeit und sein Talent als Karikaturist immer wieder einfließen: Unbefangenheit, Leichtigkeit und ein wahrer Farbrausch spiegeln sich darin wider. Lokomotiven, das Meer und Schiffe faszinieren ihn und finden sich auch in seinen Bildern. Hier flanierten Menschen mit bunten Gewändern auf Promenaden, ein Angler präsentiert vor strahlend gelbem Hintergrund einen blauen Fisch, die „Grüne Brücke“ von 1909 leuchtet in Grün-, Blau- und Pink-Tönen.

Ganz im Gegensatz dazu steht das Werk von Kubin: Die frühe Phase seines knapp 60-jährigen künstlerischen Schaffens war geprägt von albtraumhaften Visionen, vom Wahnhaften und von Ängsten – oft waren es Tiere oder Mischwesen, die die Hauptrolle in seinen Werken einnahmen. Zeitlebens befasste er sich mit Gewalt und Tod. Vor Schreck wie erstarrt blickt etwa in seinem Werk „Selbstbetrachtung“ der Enthauptete auf seinen in der kargen Landschaft stehenden kopflosen Körper.

Schon zwei Jahre nach ihrem ersten Kontakt brach der Dialog zwischen den beiden Künstlern vorerst unvermittelt ab. Zwar schrieben sie später sporadisch wieder Briefe; 1919 endet ihr Dialog dann aber ganz. Feininger und Kubin hatten sich in komplett unterschiedliche Richtungen entwickelt. Während Kubin sich vor allem der Illustration von literarischen Werken widmete, begann Feininger Interesse für die Malerei zu entwickeln. Die Albertina zeigt in der aktuellen Ausstellung deshalb auch einige der frühen Gemälde von Feininger.


„Lyonel Feininger und Alfred Kubin –
Eine Künstlerfreundschaft“

Bis 10. Jänner 2016, Albertina

Albertinaplatz 1, 1010 Wien
www.albertina.at




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 19 / 10.10.2015