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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 19 - 10.10.2015

Standpunkt - Vize-Präs. Johannes Steinhart


Blockiert die Blockierer

© Zeitler

Durch meine langjährige Tätigkeit als Ärztekammerfunktionär kann mich eigentlich nicht mehr viel verwundern – sollte man meinen. Bei dem Tempo, das die Gesundheitspolitik jetzt an den Tag legt bei der Schaffung der gesetzlichen Grundlage für PHCs ist man trotz all der Erfahrung der letzten Jahre – oder vielleicht gerade deswegen – doch einigermaßen erstaunt, um es vorsichtig zu formulieren. Nämlich vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wie lange über andere Dinge verhandelt wird.

Aktuelles Beispiel: das PHC in Wien Mariahilf. Wir haben mehr als 20 Verhandlungsrunden gebraucht, um hier zu einer Einigung zu kommen. Ich stehe zu diesem Projekt. Das brauchen wir in Zeiten wie diesen, in denen junge Kolleginnen und Kollegen vermehrt in Teams zusammenarbeiten wollen und so auch die Work-Life-Balance haben, die sie sich für ihr Leben vorstellen. Dieses PHC in Wien funktioniert, Ärzte und Patienten sind gleichermaßen zufrieden.

Die Ärztekammer Wien war es, die dieses Projekt initiiert und letztlich auch vorangetrieben hat. Österreichweit betrachtet sind wir mit vielen hervorragend funktionierenden Netzwerken wie beispielsweise styriamed.net oder auch pannoniamed, das im Entstehen ist, flexibel und kreativ. Uns also vorzuwerfen, dass wir die Blockierer sind, entbehrt jeglicher Grundlage. Wenn also ein funktionierendes PHC in Wien möglich ist, wozu brauchen wir noch ein Gesetz?

Die eigentliche Bedrohung, die in diesem künftigen PHC-Gesetz steckt – von dem wir ja bislang nur die Eckpunkte kennen – ist die geplante Aushebelung des jetzt gültigen Gesamtvertrages. Damit sollen die Weichen gestellt werden für eine neue Vertragsgestaltung, in der jeder niedergelassene Arzt dann dem übermächtigen Vertragspartner Sozialversicherung allein gegenübersteht. Auch werden kommerziellen Anbietern alle Türen geöffnet: Im Vordergrund wird dann nicht mehr die beste individuelle Betreuung für jeden Patienten, sondern werden die finanziellen Interessen eben dieser Konzerne stehen. Letztlich will man mit diesen Plänen, an denen derzeit hinter den Kulissen intensivst gearbeitet wird, den freien Arzt aushebeln.

Das ist der Grund, warum wir so kategorisch gegen dieses Gesetz sind. Der Arzt muss freiberuflich tätig sein können, und dafür braucht es viele Freiheitsgrade für die Art seiner Berufsausübung. Wir wollen, dass es auch weiterhin Einzelordinationen für Allgemeinmediziner und Fachärzte gibt, dass Wahlärzte ihre Leistungen anbieten können - und parallel dazu kann und soll es auch größere Primärversorgungseinheiten wie erweiterte Gruppenpraxen geben.

Jetzt einmal abgesehen davon, dass ein Großteil der Bevölkerung mit dem Begriff PHC überhaupt nichts anfangen kann – wie eine kürzlich veröffentlichte Umfrage zeigt: Die Menschen wollen einen Arzt ihres Vertrauens, ihren Hausarzt. Und die Ärzte wollen die Form ihrer Zusammenarbeit selbst bestimmen. In Wien liegen zu den derzeit schon bestehenden 100 Gruppenpraxen weitere 100 Anträge dafür vor. Wer blockiert? Die Wiener GKK.

Die Zukunft der Versorgung liegt in der Vernetzung und im Miteinander. Darum sollte man diejenigen, die bewährte Innovationen und zukunftsweisende Weiterentwicklungen behindern, endlich in die Schranken weisen.


Johannes Steinhart
3. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 19 / 10.10.2015