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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 21 - 10.11.2015

VW und Stickoxide


Stille Abweichung

Zu lange sei die Diskussion über die gesundheitlichen Auswirkungen von Stickstoffdioxid, das einen Teil der Stickoxide darstellt, in den Hintergrund getreten, sagen Umweltexperten der MedUni Wien. Erst die Manipulationen rund um die Dieselmotoren von VW hat die Diskussion darüber nun wieder in Gang gebracht: Handelt es sich bei Stickstoffdioxid doch um ein starkes Reizgas.
Von Roman Steinbauer


Ein kleiner Metallkörper – rund drei Zentimeter lang mit einem Durchmesser von zwei Zentimeter – steuert mittels integrierter Software die Leistungs- und Abgasdaten eines 1,6 Liter- und 2,0 Liter- Diesel-Aggregats der Marke VW. Eine parallel geschaltete Fahrwerkselektronik signalisierte die „stille Abweichung“ vom täglichen Gebrauch, also den Aufenthalt bei einer Prüfstelle. So zeigte sich bei der Überprüfung eine „Magermischung“ mit nur geringem Stickoxid-Ausstoß; kaum verließ das Auto jedoch die Prüfstelle, erfolgte automatisch die Umstellung auf Normal-/Leistungsbetrieb mit entsprechend höherem Stickoxid-Ausstoß. Laut dem erst kürzlich zum VW-Vorstandschef ernannten Matthias Müller handelt es sich bei den betroffenen Autos um alle VW-EA 189-Diesel-Motoren. Offensichtlich haben Mitarbeiter der West Virginia University mit einem mobilen Messsystem die US-amerikanische Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency) anhand des VW Jetta VI und seinen Abgaswerten auf die Fährte der Manipulation geführt.

Laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) gibt es hierzulande mit mehr als 56 Prozent an Neuzulassungen im Jahr 2014 den vierthöchsten Diesel-Anteil in der EU. Mit 35 Prozent stellt der VW-Konzern mit seinen Marken VW, Audi, Seat, Skoda mehr als ein Drittel der in den Verkehr kommenden Diesel-PKW. Bei einem jährlichen Zulassungsabsatz in Österreich von zuletzt 303.000 PKW weist dies auf mehr als 59.000 Fahrzeuge pro Zulassungsjahr von VW hin, die mit den gängigen 1,6 Liter- und 2 Liter-Diesel-Motoren betroffen sind.

Nach Angaben des Konzerns sind die Typenserien der Jahre 2009 bis 2014 betroffen. Pro PKW beträgt die durchschnittliche Leistung in Österreich rund 13.100 Kilometer. Das International Council on Clean Transportation (ICCT) in San Francisco stellte bereits nach Tests im Oktober des Vorjahres fest, europäische Diesel-PKW diverser Hersteller würden die aktuelle Euro 6-Norm durchschnittlich um das Siebenfache überschreiten und somit reale Messwerte von 560mg Stickoxide/km aufweisen. Somit ergibt sich grob kalkuliert ein jährlicher Gesamtausstoß von etwa 2.200 Tonnen Stickoxid für neu zugelassene Diesel-PKWs in Österreich; 770 Tonnen davon stammen aus Dieselmotoren des VW-Konzerns. Nicht berücksichtigt ist dabei, ob auch 1,2 Liter-Motoren diese unterschiedlichen Messergebnisse aufweisen. Nach dem Eingeständnis der VW-Konzernspitze, die Abgaswerte durch die hauseigene Technikabteilung manipuliert zu haben, kann Assoc. Prof. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien die Schockwirkung bei den Behörden und auch bei den Konsumenten nur teilweise nachvollziehen. „Zu lange ist die Diskussion über die gesundheitlichen Auswirkungen von Stickstoffdioxid in den Hintergrund getreten. Jetzt kommt diese Sache zu Recht wieder auf den Tisch!“

Gesundheitliche Auswirkungen

Die Auswirkungen von übermäßigem Stickstoffoxid-Ausstoß auf die Gesundheit beschreibt Hutter folgendermaßen: „Stickstoffdioxid ist ein starkes Reizgas. Nachweislich führen NO2-Belastungen zu einer erhöhten Beeinträchtigung der Lungenfunktion und Infekt-Anfälligkeit und können ebenso für Asthma-Anfälle verantwortlich sein. Bedenklich ist auch die Verzögerung des Lungenwachstums bei Kindern.“ Zum Dieselmotor ganz grundsätzlich sagt er: „Wenn Sie hinter einem Kraftfahrzeug ohne Partikelfilter fahren, sind Sie mit Sicherheit einer wesentlich höheren Feinstaub-Belastung ausgesetzt als bei einem Benzin-betriebenen Wagen. Oft sei man darüber hinaus im Inneren eines Autos wegen der Luftansaugkanäle einer noch schlechteren Luft ausgesetzt als auf der Straße.

Heinz Fuchsig, Umweltreferent der Österreichischen Ärztekammer, kann den Ereignissen jedoch auch einen positiven Aspekt abgewinnen: Die ÖÄK hat erstmals 1995 vor dem Dieselboom gewarnt – vor (Ultra)-Feinstaub (PM 2,5 und kleiner), aber auch vor Stickoxiden. Als wichtigsten Schritt in der gesamten Luftreinhaltung bezeichnet er die Nachrüstung aller Schwerfahrzeuge mit Partikelfiltern, da diese bis 31.12.2013 ohne Filter verkauft werden durften (Zulassungsrekord 2013!). Das Schweizer Umweltbundesamt quantifiziert den gesundheitlichen Schaden eines LKW ohne Filter gleich hoch wie den Neuwert des gesamten LKW. Fuchsig weiter: „In der Koalitionsvereinbarung ist diese eine Nachrüstung festgehalten. Weltweit wird dies vollzogen und berechtigt den Stickoxiden weniger Augenmerkt geschenkt. Denn unter den Grenzwerten ist bei Stickoxiden keine Reizwirkung feststellbar. Die Grenzwerte für PM 2,5, die mehr sagt über die Partikelwirkung als PM 10, sind doppelt so hoch wie von der WHO empfohlen wird - und selbst die WHO - Werte schützen nicht ausreichend.“

Vermeidbares Leid

Nach Ansicht von Fuchsig ist der „eigentliche Skandal“ das Wegschauen, vermeidbares Leid und Tod (rund 2.000 Todesfälle in Österreich durch Partikel pro Jahr). Würde man die Besteuerung des schädlichen Diesels auf die Benzinbesteuerung anheben, wäre das Geld zur Nachrüstung da, um mit Filtern den Ausstoß auf ein Zehntausendstel der Partikel zu reduzieren. Benzineinspritzer liegen um den Faktor 100 höher, aber hundertfach unter dem Ausstoß eines Diesels ohne Filter. Fuchsig: „Man muss an den großen Verursachern ansetzen. Alles andere ist nicht leistbar. Der Weltärztebund hat eine gleichlautende Resolution der ÖÄK im Oktober 2014 einstimmig beschlossen“. Und weiter: „Jetzt, wo seit EURO 5 erstmals Partikelfilter vorgeschrieben sind, die den wesentlich gefährlicheren Ultrafeinstaub eliminieren, könne man erstmals Vertrauen zum Dieselmotor gewinnen.“ Fuchsig verweist auf Zahlen der WHO, wonach in der EU jährlich 180.000 Todesfälle aufgrund von Luftschadstoffen aus dem Straßenverkehr zu verzeichnen sind. Und weiter: „Es ist unbestritten, dass durch die Stickoxide nicht nur Lungenerkrankungen, sondern auch Allergien zugenommen haben. Wesentlich Besorgnis erregender sind den Aussagen von Fuchsig zufolge jedoch die Auswirkungen der krebserregenden Dieselpartikel durch den Übertritt durch die Alveolen über das Blut in fast alle Organe. Umweltreferent Fuchsig: „Wenn EURO 6 auch am Prüfstand erreicht ist, geht vom Diesel keine Gefahr mehr aus. Derzeit ist beim hoch subventionierten Straßenverkehr - trotz LKW-Maut werden die Kosten nicht einmal zu 50 Prozent gedeckt - immer noch hoher Handlungsbedarf zum Schutz der Gesundheit gegeben.

Fuchsig abschließend: „Die Energiewende wird uns wird uns langfristig von Schadstoffen und Lärm aus Stromerzeugung, Gewerbe, Hausbrand und Verkehr stark entlasten. Kurzfristig kann am meisten durch die Nachrüstung mit Filtern und die Förderung von elektrischen Zweirädern erreicht werden, denn durch die Zunahme vor allem von Zweitaktern werden diese zur stärksten Schadstoffquelle und Verursacher von Impulslärm innerorts.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21 / 10.11.2015