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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 22 - 25.11.2015

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Medikamentenversorgung

© Dietmar Mathis

Mit einer für das heimische Gesundheitssystem scheinbar symptomatischen Drohgebärde hat man die Vertretung der pharmazeutischen Industrie an den Verhandlungstisch und zu finanziellen Zugeständnissen bewegt. „Nachgeben oder gesetzlicher Zwang“ lautete die von der Bundesregierung ausgegebene Devise, die der Pharma-Industrie einen Rabatt abverlangte, um den Krankenkassen ihre kolportierten 2,5 Milliarden an Rücklagen unangetastet zu bewahren.

Die stereotypen politischen Verhaltensmuster, mit denen die Ärzteschaft seit Jahren leben muss, hatten dieses Mal einen anderen Leistungsanbieter im System getroffen. Trotz höchstrangiger Wirtschaftsrepräsentanz in der Hauptverbandsführung konnten sich offensichtlich wieder diejenigen durchsetzen, die in den Gesundheitsversorgern mehr den Kostenverursacher oder gar den Ausbeuter als den qualifizierten und wichtigen Leistungserbringer und Partner sehen. Wie sich die designierte Vorsitzende des Hauptverbandes, die wie ihr Vorvorgänger aus der Position eines Vertreters des Präsidenten der Bundeswirtschaftskammer startet, in diesem Umfeld fühlen und behaupten wird, werden wir sehen. Jedenfalls kann man aus dem Umgang mit der pharmazeutischen Industrie erahnen, welch schwierigen Stand die niedergelassenen Ärzte haben, um ihre Vorschläge zur Sicherung der wirtschaftlichen Situation der Praxen und der Verbesserung der medizinischen Versorgung durchzubringen. Schließlich nehmen Politik und Sozialversicherungen sie kaum als Unternehmer wahr, geschweige denn werden sie in ihrer Stellung als der Unabhängigkeit, Wissenschaftlichkeit und Ethik verpflichtete Freiberufler akzeptiert. Zu dieser Ignoranz passt es, dass ihre ärztliche Interessensvertretung aus der Mitsprache in Bundes- und Landeszielsteuerungskommissionen ausgeschlossen wurde und in viele Beratungsgremien oft erst nach lauter Reklamation eingebunden wird.

Auch andere zum Thema Medikamente passende Meldungen hat es in den letzten Wochen gegeben. So erreichte ein Vorschlag des Gesundheitsministeriums die Arztpraxen, wie mit einer Knappheit an Impfstoffen mit Komponenten gegen Diphtherie, Tetanus, Polio und Pertussis umzugehen sei. Dabei kann man sich als Leser des Eindrucks einer gewissen Resignation nicht entziehen, wenn bei den Alternativen zu nicht verfügbaren Mehrfachimpfstoffen vermerkt wird, dass auch der Polio Salk-Impfstoff als zu kombinierende Einzelkomponente derzeit kaum verfügbar sei. Ein Versorgungsmangel, der jedem verschreibenden Arzt auch bei anderen Medikamenten seit längerer Zeit immer öfter auffällt.

Gerade angesichts dieser Zustände in der Medikamentenversorgung klingt es irritierend, wenn die Apothekerkammer mit der „Zukunftsvision“ einer für die Krankenkassen honorierungspflichtigen halbjährlichen Medikamentenberatung durch den Apotheker aufhorchen lässt. Schließlich sollte ja die Sicherstellung der Versorgung mit den von Ärzten verordneten Medikamenten die Geschäftsgrundlage der Apotheken darstellen und nicht Umsätze mit den Krankenkassen aus einer vom Krankheitsbild und der individuellen Behandlungsnotwendigkeit losgelösten Beratung. Dieser Sicherstellungsauftrag ist es ja letztlich, der die marktfeindlichen Regulierungen wie Fremdbesitzverbot, Preisbindung, Produktmonopol und Gebietsschutz rechtfertigen soll. Diese Marktzugangsschranken zum Schutz der öffentlichen Apotheken sind es aber, die gerade am Land oft einer Verbesserung der medikamentösen Versorgung durch ärztliche Hausapotheken entgegenstehen. Barrieren, die die Schwächsten - meist Alte und Immobile - in entlegenen Regionen mit schlechter öffentlicher Verkehrsinfrastruktur treffen und den Erhalt eines vom Arzt verordneten und dringend benötigten Medikaments nicht selten zum Spießrutenlauf machen.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2015