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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 23/24 - 15.12.2015

Arbeitsmedizin: Gesund länger arbeiten


Arbeitsmediziner können einen entscheidenden Teil dazu beitragen, Arbeitnehmer länger gesund im Arbeitsprozess zu erhalten. Noch sind die Defizite in Österreich jedoch groß: Nicht nur, dass Arbeitsmediziner Mangelware sind; es bräuchte auch einen Lehrstuhl für Arbeitsmedizin an allen MedUnis. 
Von Marion Huber


Das Thema ist noch nicht überall wirklich angekommen. Es gibt noch große Defizite“, ist Karl Hochgatterer, Referent für Arbeitsmedizin der ÖÄK, überzeugt. Gemeint ist die Herausforderung, ältere Arbeitnehmer länger und gesund im Arbeitsprozess zu halten und ihre Fähigkeiten zu fördern. Dass die Arbeitsmedizin einen entscheidenden Beitrag dazu leisten kann, sei noch nicht in den Köpfen aller Unternehmer und Entscheidungsträger angekommen, waren sich Experten bei einer Pressekonferenz Ende November in Wien einig.

Dabei ist es das Ziel der Politik, die Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer im Sinne eines nachhaltigen Pensionssystems zu erhöhen; so sieht es unter anderem auch die „Strategie Europa 2020“ der Europäischen Kommission vor. Demnach soll die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen bis 2020 auf 60 Prozent gesteigert werden. „Österreich ist mit 46 Prozent noch weit davon entfernt“, erklärte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger. Es reiche aber nicht aus, nur zu erkennen, dass das Pensionssystem nur dann finanziert werden könne, wenn Arbeitnehmer länger arbeiten, „Wirtschaft und Politik müssen auch altersgerechtes Arbeiten möglich machen und altersgerechte Arbeitsplätze schaffen“, forderte er.

Wie kann es nun gelingen, Menschen länger gesund im Arbeitsprozess zu halten? Der erste Ansprechpartner und Experte auf diesem Gebiet sei nun einmal der Arbeitsmediziner, betont Hochgatterer, der selbst als Arbeitsmediziner tätig ist. „Arbeit ist grundsätzlich eine der wesentlichsten gesundheitsfördernden Faktoren in unserem Leben“, betonte er. So beinhalten eine gut gestaltete Arbeit, ein altersgerechter Arbeitsplatz und entsprechende Arbeitsbedingungen großes Potential an gesundheitsfördernden Ressourcen, die unter anderem die Arbeitsleistung positiv beeinflussen können.

„Menschen altern unterschiedlich schnell und auf unterschiedliche Weise“, gab Stefan Koth, Geschäftsführer der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention, zu bedenken. Aber nicht nur jeder einzelne Mensch entwickle sich individuell unterschiedlich; auch verschiedene Fähigkeiten und Kompetenzen würden ganz unterschiedlich altern. Unter anderem wirken sich externe Einflüsse wie Stress und allen voran die Art der Tätigkeit auf das Altern aus. Wenn auch die körperliche Leistungsfähigkeit im Alter abnimmt, erhöhen sich die psychischen, sozialen und kommunikativen Kompetenzen. „Diese Fähigkeiten und Fertigkeiten der älteren Arbeitnehmer muss man nutzen“, so Hochgatterer.

Mit einem ganzheitlichen Altersmanagement soll die Arbeit so organisiert sein, dass die Stärken und Schwächen von Arbeitnehmern berücksichtigt werden – etwa bei der Gestaltung und Organisation von Arbeitstätigkeiten und in der Gestaltung der Arbeitsumgebung. So zähle es auch zu den Aufgaben von Arbeitsmedizinern, organisatorische Prozesse zu begleiten wie etwa bei der Schaffung von altersgemischten Teams, in denen sich Stärken und Schwächen unterschiedlicher Altersgruppen ausgleichen, fügte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger hinzu. „Oft müssen auch Arbeitsabläufe und Teams umgestaltet werden, damit Ältere ihre Fähigkeiten einsetzen können, auch wenn das mit Kosten verbunden ist.“ Verkürzt man auf der einen Seite etwa die Arbeitszeiten für ältere Arbeitnehmer, reduzieren sich auf der anderen Seite oft die Krankenstände, wie Hochgatterer aus der Praxis weiß. „Für den Betrieb ein Gewinn, auch wenn zunächst ein Aufwand entsteht.“

Solche beeinflussbare Faktoren, die auf das Altern einwirken, sollten durch Maßnahmen im Betrieb gesteuert werden. Zum einen gilt es, präventive Schritte zu setzen; zum anderen müssten auch betriebliche Maßnahmen getroffen werden, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der älteren Beschäftigten so gut wie möglich zu erhalten und zu fördern. Auf allen Seiten - auch bei den Arbeitnehmern - sollte die Bereitschaft zu Veränderungen gefördert werden, appellierte Wechselberger. Ganz nach dem Motto „Job-Enlargement, Job-Enrichment, Job-Rotation“ gelte es, die Beschäftigung weiterzuentwickeln und auch so dem Alternsprozess Rechnung zu tragen. „Das kann auch zusätzliche Motivation für den Arbeitnehmer bringen.“ Grundsätzlich müsse man sich damit auseinandersetzen, den Prozess eines Arbeitslebens zu planen und auch Veränderungen einzubauen. Auch über Krankenstands- und Dienstmodelle müsste nachgedacht werden. Wechselberger: „Der Teilkrankenstand etwa sollte dringendst umgesetzt werden.“ Um all diese Herausforderungen im betrieblichen Umfeld zu planen, „muss die Einsatzzeit von Arbeitsmedizinern speziell für die Betreuung von älteren Mitarbeitern ausgeweitet werden – und das schon für Arbeitnehmer ab 50 Jahren“, forderte Wechselberger. Schließlich brauche es diese „Vorlaufzeit“, damit sich Betrieb und Arbeitnehmer auf den Prozess und die Veränderungen einstellen können.

Arbeitsmedizin in Studium integrieren

Braucht es nur noch genug Arbeitsmediziner, die als Experten auf dem Gebiet in den Unternehmen tätig werden können… Wechselbergers Appell: „Wir müssen uns dringendst um den arbeitsmedizinischen Nachwuchs kümmern.“ Der Universitätslehrgang Arbeitsmedizin, den die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP) seit 2014 gemeinsam mit der MedUni Graz anbietet, sei ein erster wichtiger Schritt. Aber es müsse noch mehr getan werden. „Was wir brauchen, ist ein Lehrstuhl für Arbeitsmedizin an allen Medizinischen Universitäten in Österreich mit Arbeitsmedizin als Pflichtfach.“ Hier habe Österreich noch ein großes Defizit: „Andere Länder wie etwa Deutschland sind uns da weit voraus.“ Nur an der MedUni Graz ist die Arbeitsmedizin nämlich Teil der universitären Ausbildung; an der MedUni Wien gibt es Angebote für Studenten im Fach Arbeitsmedizin. Lehrstühle für Arbeitsmedizin sind aber auch aus einem anderen Grund wichtig: um die Arbeitsmedizin schon den Medizinstudenten näherzubringen, um sie als Fachgebiet attraktiv für junge Ärzte zu machen und auch so mehr Nachwuchs zu gewinnen.

Seit 1984 hat die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention – als die größte der drei Ausbildungsstätten in Österreich – mehr als 2.500 Arbeitsmediziner ausgebildet. Etwa 1.900 seien zurzeit aktiv als Arbeitsmediziner tätig, berichtete Koth. „Wichtig ist, dass wir diesen Stand in Zeiten des Ärztemangels zumindest halten können.“

Für den ÖÄK-Präsidenten ist jedenfalls evident, dass das Thema „ältere Arbeitunternehmer im Betrieb“ wieder „mehr Schwung“ benötige, weshalb „Unternehmer und politische Entscheidungsträger noch stärker dafür sensibilisiert werden müssten, dass Arbeitsmediziner dafür die ersten und besten Ansprechpartner sind“.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2015