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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 23/24 - 15.12.2015

Im Gespräch: Elisabeth Pittermann


PHC: zuerst Pilotprojekte

Die ÖÄZ lädt Persönlichkeiten zum Interview – beginnend mit Elisabeth Pittermann. Sie erklärt, warum es bei PHC-Zentren keine branchenfremden Investoren geben darf, welchen Stellenwert der Hausarzt hat und spricht über die Schnelllebigkeit und den Druck unserer Zeit. Das Gespräch führte Claus Reitan.


ÖÄZ: In Gesprächen über Gesellschaft und Gegenwart ist gelegentlich die Meinung zu hören, unsere Zeit sei irgendwie krank ...
Pittermann: Ich würde nicht sagen, dass sie krank ist, aber sie überfordert den Menschen. Sie ist zu schnelllebig, sie erfordert zu viel an rascher Umstellung. Dem Einzelnen wird vieles zugewiesen und die öffentliche Hand zieht sich aus ihrer Verantwortung zurück. Wie sollen denn etwa berufstägige Frauen untertags ihre Kinder am Weg zwischen Hort und Schule begleiten, dann noch mit ihnen Schulaufgaben erledigen? Man setzt die Menschen ständig unter Druck. Es sind die Umstände unserer Zeit, die krank machen.

Sie meinen, dem Einzelnen wird in der Bewältigung des Alltags zu viel aufgebürdet?
Ja! Es gibt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, jedenfalls zu wenig Ganztagsschulen. Ein anderes Thema ist die Pflegebedürftigkeit, eigentlich ein Risiko wie Krankheit, jedoch wird die Pflege nicht durch eine primär öffentliche Leistung, sondern durch eine Sozialhilfeleistung finanziert. Dies ist eine Herausforderung für den Mittelstand. Der Betroffene und meist auch die gesamte Familie verlieren häufig alles, was sie sich ein Leben lang und generationsüberschreitend erspart haben. Von den Ländern und ihren Institutionen werden die häufig hohen Kosten von Tausenden Euro monatlich verlangt und eingetrieben. Daher übernehmen viele Frauen die Pflege Angehöriger, damit nicht Haus oder Garten der Familie verkauft oder versteigert werden müssen beziehungsweise der Sozialhilfeträger sofort im Grundbuch eingetragen wird und denn Zugriff hat. Daraus ergeben sich zwei Folgen: Einerseits bleiben Plätze in Pflegeheimen ungenutzt, das kann zu Personalabbau führen und damit verbunden zu Arbeitsplatzverlust. Andererseits droht diesen pflegenden Frauen der Familie drastische Altersarmut, denn nach dem Ableben des Angehörigen entfällt für sie die Sozialversicherung. Zugleich ist es für diese Frauen schwierig, nach einiger Zeit der Pflege – und selbst schon im mittleren Alter – wieder eine Arbeit zu finden, nachdem sie drei, vier Jahre oder noch länger nicht mehr berufstätig waren.

Am Gesundheitssystem wird kritisiert, es verbrauche viel an finanziellen Mitteln. Wobei zu klären wäre, was ist viel?
Das Schwierige am System ist, dass nicht aus einer Hand gezahlt wird. Also werden früher ambulant behandelte Patienten stationär oder tagesklinisch aufgenommen und verrechnet, sonst bleibt das Krankenhaus auf den Kosten sitzen. Natürlich wundern sich die Patienten, wenn sie wegen einer Injektion vier Stunden oder länger bleiben müssen und ein Tagsatz zu bezahlen ist. Es handelt sich fallweise um teure Medikamente und kein Spital kann deren Verabreichung zu derart niedrigen Tarifen vornehmen. Auf der anderen Seite trachten die Spitalsträger entgegen der damaligen 15a-Vereinbarung danach, die Leistungen massiv einzuschränken, mit allen negativen Konsequenzen für die Bevölkerung. Kommen Patienten zu Schaden wird man die Gesundheitsdienstleister schuldig werden lassen und nicht die strukturellen Defizite. Die Kosten sind vor allem durch hohen Personaleinsatz hoch, Menschen haben jedoch Arbeit und deren verdientes Geld geht wieder in den Wirtschaftskreislauf. Diese Umwegrentabilität sieht man bei Bällen und anderen Events offensichtlich, bei der lebensnotwendigen Versorgung der Bürger nicht.

Wäre die Finanzierung von Spitals- und Gesundheitskosten in einer Hand besser aufgehoben?
Wenn alles beim Staat zentral vorgenommen wird, fehlt ein Gegengewicht. Man soll nicht sämtliche Macht bei einer öffentlichen Stelle konzentrieren. Daher bin ich für das System der Sozialversicherung-Pflichtversicherung. Man könnte mehrere Versicherungsträger zusammenlegen und viel straffer überprüfen wie die optimale Gesundheitsversorgung der Bevölkerung aussieht und nicht wie man die Kosten im System verschiebt.

Unbestritten sind die Hausärztin, der Hausarzt ...
... für die Menschen von eminentem Wert. Vor allem für die Einsamen, für die alten Menschen. Die Hausärzte kennen Lebenswege und Lebensgewohnheiten. Sie sind lebenslange Begleiter.

Aber deren berufliche und ökonomische Situation gilt – vorsichtig
formuliert – als nicht einfach.

Ohne eine ausreichend hohe Anzahl an Patienten kommt man nicht auf ein Einkommen, mit dem man überlebensfähig ist. Das muss gesagt werden. Die Ordination zu erhalten, Angestellte zu bezahlen – das ist bei schwacher Honorierung schwierig, daher gibt es sehr viele Patienten pro Tag in den Ordinationen und die Zeit für den einzelnen Patientenkontakt ist kurz bemessen.

Kritische Stimmen befürchten, die geplanten Zentren für Primary Health Care (PHC) würden die Lage für Niedergelassene noch schwieriger machen. Ist das so? Wie sehen Sie diese Zentren?
Bei einer wöchentlichen Öffnungszeit von 60 Stunden sowie Nacht- und Wochenendbereitschaftsdiensten einerseits und einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit für Gesundheitsberufe von 48 Stunden andererseits werden pro PHC mehr Ärzte (für die es als Selbstständige kein Arbeitszeitlimit gibt) aber auch mehr nicht-ärztliche Mitarbeiter benötigt. Dazu soll noch weiteres Personal, Ernährungsberatung, psychologische Beratung etc. kommen, für die Arbeitnehmer-Schutzbestimmungen sowie Urlaube, Krankenstände u.a.m. zu berücksichtigen sind. Unter diesen Umständen sind die PHCs kaum kostengünstiger zu führen als Krankenhausambulanzen oder Kassen-Ambulatorien. Die GPA wird sich dagegen wehren, dass jene, die bei Ärzten angestellt sind, ein niedrigeres Einkommen beziehen. Die Ärzte ihrerseits können in einem solchen Zentrum nur ausgeben, was sie dort einnehmen. Daher sehe ich nicht, wie das unter den gegenwärtigen Bedingungen finanziell gestaltet werden kann. Es wäre eine sachgerechtere Vorgangsweise, dass die öffentliche Hand zuerst Pilotprojekte startet, denn noch kennt keiner die realen Kosten. Der nächste sinnvolle Schritt auf dem Weg von Einzelpraxen zu PHC-Zentren besteht übrigens im Ausbau der Gruppenpraxen.

Die Ärztevertreter befürchten außerdem, Einzelverträge mit Ärzten an den jeweiligen Standorten könnten den Gesamtvertrag aushebeln.
Wir haben in Österreich die Kammern, die ihre Mitglieder vertreten, das ist gut so. Lautstarkes Auftreten gegen die Ärztekammer ist daher unpassend, sie hat sich als Interessenvertretung ihrer Mitglieder und als Verhandlungspartner bewährt. Jede Gewerkschaft würde sich dagegen wehren, sollte plötzlich mit einzelnen Arbeitnehmern Dienstrechtliches verhandelt beziehungsweise Kollektivverträge abgeschlossen werden. Das müssten die von den Kammern entsandten Funktionäre der Sozialversicherung – die Selbstverwaltung – eigentlich verstehen.

Und es gibt Vermutungen, auch branchenfremde Kapitalgesellschaften könnten Rechtsträger eines PHC-Zentrums sein.
Das ist es, was ich befürchte. Es muss abgesichert werden, dass das niemals sein kann. Es darf keine branchenfremden Investoren geben. Sollte ein PHC-Zentrum nicht von Ärzten gegründet und geführt werden, dann von der Sozialversicherung oder von den Ländern.

Eine persönliche Frage: Was ist das Gesündeste in Ihrem Leben?
Das Gesündeste ist meine wunderbare Familie. Ich hatte die besten Eltern der Welt, die sehr verständnisvoll waren. Sie haben mich als Kind ernst genommen, mir wurde immer alles erklärt. Ich habe einen wunderbaren, geistreichen, humorvollen Mann, Kinder, die mir alles bedeuten und entzückende Enkelkinder. Diese Familie – das ist es, was für mich das Leben schön macht, und, dass ich meinen Traumberuf studieren und ausüben konnte.

Ein geflügeltes Wort lautet, die Zeit heilt alle Wunden. Würden Sie das so sagen?
Man muss sich mit Wunden abfinden, sonst geht man zugrunde. Man darf sich nicht ständig mit jenen Vorgängen befassen, die persönlich ungerecht, ärgerlich oder kränkend waren. Mein Vater wurde aus politischen Gründen verfolgt, meine Mutter erst aus politischen, dann aus sogenannten rassischen. Nach der Befreiung vom Nazi-Joch gab es für meine Eltern einen neuen Anfang. Wissend, dass sie auch auf jene treffen werden, die an ihrem Leid Mitschuld trugen. Es gab aber auch wunderbare mutige Menschen, die trotz aller Risiken Bedrängten und Verfolgten halfen. Wenn es keinen Weg gibt, Verwundungen hinter sich zu lassen, obwohl man sie nie vergessen kann, dann gibt es keinen Frieden.


Zur Person

Elisabeth Pittermann wurde in eine prominente sozialdemokratische Familie in Wien hineingeboren. Sie promovierte 1971 sub auspiciis und begann noch im gleichen Jahr ihre ärztliche Tätigkeit am Hanusch-Krankenhaus in Wien, wo sie ihre Ausbildung zur Fachärztin für Innere Medizin absolvierte. Später spezialisierte sie sich auf Hämatologie und internistische Onkologie. 1991 wurde sie Primaria der 3. Medizinischen Abteilung im Hanusch-Krankenhaus.

Ihre politische Tätigkeit begann Pittermann bei der Ärztevereinigung der SPÖ. Von 1982 bis 1994 war sie Bezirksrätin in Wien/Meidling. Von 1994 bis 2000 war sie Abgeordnete zum Nationalrat; von 2000 bis 2004 Amtsführende Stadträtin von Wien. Als Kammerrätin war sie auch in der Ärztekammer Wien tätig, Mitglied des Vorstandes. Pittermann war von 1999 bis 2004 Präsidentin des Arbeiter-Samariter-Bundes Österreich. Ehrenamtlich ist sie als Gesundheitssprecherin des Pensionistenverbandes Österreichs tätig.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2015