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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 7 - 10.04.2015

Niedergelassene Ärzte fordern:


Sofortiges „Aus“ für Deckelungen

Das Ende von Deckelungen und Degressionen für Leistungen fordert der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der ÖÄK, Johannes Steinhart. Denn die jetzige Situation bewirke eine Angebotsverknappung und Engpässe. Noch dazu, wo in vielen Bereichen mit Bedarfssteigerungen zu rechnen ist: In der Radiologie etwa geht die OECD von jährlich plus acht Prozent aus.
Von Agnes M. Mühlgassner


Unmissverständlich ist die Forderung, die drei Spitzenfunktionäre der ÖÄK kürzlich erhoben haben: Weg mit allen Deckelungen und Degressionen im niedergelassenen Bereich. Für eine sofortige Abschaffung sprachen sich Johannes Steinhart, Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, sowie die beiden Bundesfachgruppenobleute in der ÖÄK, Friedrich Hartl (Physikalische Medizin und Rehabilitation) und Friedrich Vorbeck (Radiologie), kürzlich bei einer Pressekonferenz in Wien aus. Denn von der Stärkung der Gesprächs- und Zuwendungsmedizin – wie sie von Politikern tagein tagaus beschworen werde – sei im jetzigen Honorarkatalog nichts zu merken. Denn genau dort, wo Gesprächsmedizin erfolge, gäbe es die meisten Einsparungen, so Steinhart.

Einige Beispiele:

  • Die therapeutische Aussprache kann maximal in 18 Prozent der Fälle/Quartal abgerechnet werden.
  • Beim psychosomatisch orientierten Diagnose- und Behandlungsgespräch liegt die Begrenzung bei maximal 20 Prozent der Fälle.
  • Bei der Anleitung zur Selbstuntersuchung der Brust für Frauen ab dem 25. Lebensjahr sind es maximal 15 Prozent.
  • Beim frauenärztlichen Beratungsgespräch für Jugendliche und Frauen zwischen dem zwölften und 18. Lebensjahr sind es maximal fünf Prozent.
  • Die Abklärung der weiblichen Harninkontinenz kann in der Gynäkologie nur in sechs Prozent der Fälle abgerechnet werden.
  • Der HPV-Abstrich und der Chlamydiennachweis sind in nur sechs Prozent der Fälle abrechenbar.
  • Das ausführliche uroonkologische Beratungsgespräch in der Urologie bei Verdacht auf ein Karzinom kann maximal in zehn Prozent der Fälle verrechnet werden.
  • Der Schnelltest auf Streptokokken A bei Kindern und Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr wird Pädiatern in maximal zwei Prozent der Fälle honoriert.


Diese Deckelungen und Degressionen bedeuten letztlich nichts Anderes als „Angebotsverknappung und Engpässe“, so der Niedergelassenen-Chef. Die in diesem Zusammenhang oft vorgebrachte betriebswirtschaftliche Argumentation, wonach die Kosten geringer sind, wenn ein Produkt in höherer Auflage erstellt wird, kann und will Steinhart nicht zustimmen. „Der 102. Patient hat das gleiche Recht auf Zuwendung und Betreuung wie der erste Patient.“ Speziell im medizinischen Bereich sei es nicht möglich, Entscheidungen anhand von Excel-Tabellen zu treffen; „einzig entscheidend ist der Bedarf“, betont der Kurienobmann.

Und all das vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, der ständig wachsenden Bevölkerung und last but not least der Tatsache, dass es in Österreich derzeit 900 Kassenplanstellen weniger gibt als im Jahr 2000. Steinhart sieht darin eine „willkürliche Begrenzung“, was für ihn „nicht nachvollziehbar“ ist angesichts des offensichtlich bestehenden Bedarfs. Um dieses System gut weiterführen zu können, müsse man „sofort“ aus diesem System der Deckelung und Degression aussteigen.

Darüber hinaus wird auch das Inkrafttreten der Novelle des KA-AZG Auswirkungen auf den niedergelassenen Bereich haben: Da sich die Krankenhäuser vermehrt auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, werden die Patienten vermehrt in die Ordinationen von niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Fachärzten kommen. Was für Steinhart grundsätzlich kein Problem darstellt, denn „dafür sind wir da und diese Aufgabe übernehmen wir auch gerne“. Allerdings benötige man auch entsprechende Möglichkeiten, dieser Aufgabe nachkommen zu können. So müssten umgehend 1.300 zusätzliche Kassenplanstellen geschaffen werden. Dass Wartezeiten in der Radiologie schon jetzt an der Tagesordnung stehen, weiß Vorbeck etwa von MRTs: Hier ist aktuell mit einer Wartezeit von bis zu zwölf Wochen zu rechnen. Laut OECD ist von einer jährlichen Steigerung des Bedarfs von acht Prozent auszugehen. Vorbeck weiter: „Mit der Deckelung im Jahr 2010, als die Zahl der MRT-Untersuchungen auf dem damaligen Stand eingefroren wurde, hat man die Zwei-Klassenmedizin geschaffen. Das ist nicht im Interesse der sozialversicherten Patientinnen und Patienten.“ Denn diejenigen, die sich eine Untersuchung in einem privaten Institut leisten könnten, „weichen auch dorthin aus“.

„Deckel“ auch in der physikalischen Medizin

Ähnlich die Situation in der Physikalischen Medizin. Auch hier gibt es einen „Deckel“: In Wien beispielsweise standen im Jahr 2014 knapp 35 Millionen Euro für Ordinationen und physikalische Institute zur Verfügung. Pro Ordination wurde dennoch ein Mehr an Leistungen im Ausmaß zwischen zehn und 20 Prozent erbracht – und trotzdem mussten die Patienten zwischen 23 und 27 Werktage auf eine Behandlung warten, wie Fachgruppenobmann Hartl aus einer Stichprobenerhebung im November 2014 weiß. Diese Wartezeit war auch für 17,5 Prozent derer, die eigentlich eine Behandlung gebraucht hätten, der Grund, diese nicht durchführen zu lassen.

Eine aktuelle Versorgungsstudie aus dem Jahr 2015, die von der Wissenschaftlichen Fachgesellschaft der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation unter fachlicher Unterstützung der GÖG erstellt wurde, konstatiert Unterversorgung im Bereich der Physikalischen Medizin. Darin heißt es: „… Unterversorgung im gesamten Bereich der Physikalischen Medizin und Rehabilitation, die zwangsweise zur Triagierung von Patienten führt, sodass notwendige Therapiemaßnahmen zum Teil unterbleiben.“ Schon allein aus demografischen Gründen ist bis 2020 eine Bedarfssteigerung von acht Prozent zu erwarten. Was passiert, wenn der Deckel bleibt? In den beiden Bereichen Radiologie und Physikalische Medizin zeichne sich die drohende Entwicklung ab, wie Steinhart erklärt: „Der Diagnose- und Behandlungsprozess wird verschleppt. Es würde einen hohen Qualitätsverlust bedeuten.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.04.2015