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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 8 - 25.04.2015

Funktionelle gastrointestinale Störungen


Entscheidende Rolle: Krankheitsbewältigung

Rund ein Drittel der österreichischen Bevölkerung leidet an einer oder mehreren funktionellen gastrointestinalen Störungen. Neue Therapieansätze wie die bauchgerichtete Hypnotherapie zeigen vielversprechende Ergebnisse. Die Krankheitsbewältigung insgesamt stellt einen wichtigen Baustein für eine erfolgreiche Therapie dar.
Von Verena Isak


Die häufigsten funktionellen gastrointestinalen Störungen sind die funktionelle Dyspepsie und das Reizdarmsyndrom. Die Rom-III-Kriterien von 2006 definieren das Reizdarmsyndrom als abdominelle Beschwerden an mindestens drei Tagen im Monat während der letzten drei Monate mit Beginn insgesamt vor mehr als sechs Monaten sowie der Erfüllung von mindestens zwei der folgenden Kriterien: Besserung durch beziehungsweise nach Stuhlgang, der Beginn der Beschwerden geht einher mit einer Änderung der Stuhlfrequenz oder Stuhlkonsistenz. In Österreich sind rund 35 Prozent von einer oder mehrerer funktionellen gastrointestinalen Störungen betroffen, von welchen 62 Prozent ärztliche Hilfe aufsuchen. Rund ein Fünftel davon hat mehr als zwei Störungen.

Neben psychischen Störungen wie Angstzuständen oder Depressionen können chronischer Stress oder traumatische Erlebnisse die Ursache beziehungsweise symptomverstärkend sein. Außerdem weisen die Betroffenen im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung oft eine veränderte Darmflora auf. Diese kann u.a. durch eine vorangegangene Antibiotikatherapie oder eine akute Gastroenteritis bedingt sein. „Hier gibt es Ansätze mit auf den Darm wirksamen Antibiotika“, erklärt Univ. Prof. Gabriele Moser von der Spezialambulanz für gastroenterologische Psychosomatik der Medizinischen Universität Wien.

Die Diagnostik der funktionellen gastrointestinalen Störung erfolgt nicht allein über eine Ausschlussdiagnose, sondern vor allem nach einer Basisdiagnostik und der Symptomatik nach den Rom-Kriterien. Besonders bei Symptomen wie Gewichtsverlust, rezidivierendem Erbrechen, einer progressiven Dysphagie oder gastrointestinalen Blutungen sollten allerdings die Alarmglocken läuten, da sie auf eine organische Erkrankung hinweisen, wie Moser betont. Wichtige Laborparameter sind Blutbild, CRP, Blutsenkung, Pankreas- und Leberenzyme sowie eine Stuhluntersuchung auf okkultes Blut oder parasitäre beziehungsweise bakterielle Erreger. Sind die Ergebnisse sämtlicher Untersuchungen negativ, ist an eine funktionelle gastrointestinale Störung zu denken, diese richtig zu diagnostizieren und den Betroffenen mitzuteilen und genau zu erklären. Wird dies nicht getan, hat es sowohl für den Betroffenen, als auch für das Gesundheitswesen beträchtliche Konsequenzen. „Viele der Patienten haben ein sogenanntes ‚Doctor shopping‘ hinter sich und fühlen sich daher oft nicht verstanden“, sagt Univ. Doz. Monika Graninger von der III. Medizinischen Abteilung mit Psychosomatik am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien. Und weiter: „Daher sollte man besonders bei Patienten, die immer wieder wegen derselben Beschwerden in die Praxis kommen, auch an psychosomatische Ursachen denken.“

Stufenmodell der Betreuung

Die Aufklärung und Beruhigung ist der erste Schritt im Stufenmodell der Behandlung von funktionellen gastrointestinalen Störungen. „Eine gute Arzt-Patient-Beziehung ist sehr wichtig. Die Patienten müssen das Gefühl haben, ernst genommen zu werden“, erklärt sie. Typische Stimuli für eine Hypersensitivität des Darms sind Stress, bestimmte Nahrungsmittel und Hormonveränderungen. Daher erfolgt als nächster Schritt eine Diät beziehungsweise eine Lebensstilmodifikation. Eine unbehandelte Laktose-Intoleranz oder Essen unter Zeitdruck etwa sind häufige Auslöser für gastrointestinale Beschwerden. „Durch eine Foodmaparme Ernährung, also das Weglassen von fermentiertem Zucker, für mindestens sechs Wochen kann bereits eine positive Wirkung erzielt werden“, erläutert Moser. „Vielen Patienten ist so schon geholfen. Tritt allerdings keine Besserung ein, ist essinnvoll, ein Tagebuch zu führen, um Auslöser zu identifizieren“, ergänzt Graninger. Außerdem kann eine Behandlung mittels Pharmakotherapie erfolgen.

Bei der funktionellen Dyspepsie kann es zu einer Verbesserung der Symptomatik durch H2-Rezeptorantagonisten, PPI oder Prokinetika kommen. Auch beim Reizdarmsyndrom können Medikamente die Beschwerden lindern - etwa Spasmolytika wie zum Beispiel Mebeverin bei Bauchkrämpfen, Loperamid oder Cholestyramin bei Durchfällen sowie osmotische Laxantien oder Linaclotid bei Obstipation. „Bei Patienten, die durch eine schwere, kaum veränderliche Schmerzsymptomatik in ihrem täglichen Leben beeinträchtigt sind, zeigen Antidepressiva eine gute Wirkung“, sagt sie.

Wenn die bisher getroffenen Maßnahmen jedoch nicht ausreichend helfen, ist oft eine gleichzeitige Psychotherapie notwendig, um so die Lebensqualität zu steigern. „Bei über 60 Prozent der Patienten mit funktionellen gastrointestinalen Störungen, die eine Spezialambulanz aufsuchen, wird eine psychische Störung festgestellt“, sagt Moser. Besonders mit bauchgerichteter Hypnose in Gruppentherapien konnten bei schweren, therapierefraktären Fällen von funktionellen gastrointestinalen Störungen bemerkenswerte Erfolge erzielt werden, wie sie in einer randomisiert kontrollierten Studie gezeigt werden konnte. Während der Kontrollgruppe zusätzlich zur symptomatischen Pharmakotherapie supportive Gespräche innerhalb von zwölf Wochen angeboten wurden, haben die Patienten der Hypnosegruppe in zehn Gruppensitzungen die bauchgerichtete Hypnose erlernt. „In der ersten und zweiten Einheit trainierten die Patienten allgemeine Entspannungstechniken. Ab der dritten Sitzung wurde mittels Suggestionen und Bildern an der Vorstellung gearbeitet, dass der Darm wieder ruhig arbeitet“, führt Moser aus. Sowohl direkt nach der Behandlung als auch ein Jahr danach konnte ein signifikant besseres Ergebnis bezüglich der physischen und psychischen Situation der Patienten aus der Hypnotherapie-Gruppe gezeigt werden. Eine kürzlich erfolgte Langzeitnachuntersuchung von über vier Jahren hat einen nachhaltigen Therapieerfolg gezeigt.

Krankheitsbewältigung: aktiver Prozess

Von großer Bedeutung ist außerdem zu lernen, wie man mit der Krankheit umgeht. „Die Krankheitsbewältigung ist wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Therapie und ein aktiver, also von jedem Menschen selbst beeinflussbarer Prozess, den man lernen und üben kann“, betont Graninger. Dazu wird in Kürze ein strukturiertes psychoedukatives individuelles Interventionsprogramm mit dem Titel „COPING SCHOOL“ angeboten und den Patienten auf tagesklinischer Basis zur Verfügung gestellt. Dieses Trainingsprogramm umfasst - nach einem diagnostischen Interview - Elemente der MBSR (mindfulness based stress reduction), Verhaltenstherapie, Emotionsregulationstherapie und das Erlernen von Entspannungstechniken. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Betroffenen soll mit einer Therapieeinheit pro Woche über acht Wochen ansteigen. „Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen hat sich die achtsamkeitsbezogene Stressreduktion bewährt. In den Langzeitergebnissen zeigten sich sowohl eine Verbesserung der Resilienzfaktoren, als auch niedrigere Entzündungsparameter“, erklärt sie.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2015