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ArchivÖÄZ 2015ÖÄZ 8 - 25.04.2015

Wirtschaft: Generika-Markt ist im Umbruch


Das lukrative Geschäft mit Medikamentenkopien zwingt etablierte Pharmagrößen zum Handeln. Die Übernahme der amerikanischen Hospira Inc. stärkt die Position von Pfizer im Generikabereich. Der gewählte Zeitpunkt ist ein kostspieliges Unterfangen.
Von Roman Steinbauer


Hospira steht für eine dynamisch wachsende Aktiengesellschaft, die erst im Jahr 2003 aus dem traditionellen Medizin-Equipment-Hersteller Abbott Laboratories abgespalten wurde. Der Schwerpunkt und die treibende Entwicklung dieses Unternehmens liegt auf generischen, injizierbaren Arzneimitteln der Erst- und Notfallversorgung. Neben der Infusionstherapie in Krankenhäusern finden sich Medikamenten-Management-Lösungen im Angebotsportfolio. Pfizers Interesse liegt vor allem an der Stärkung der „Biosimilar“-Pipeline. Hospiras Retacrit- und Nivestim-Produkte entfalten sich derzeit stark. Vielversprechend sieht auch dessen Kooperation mit dem Unternehmen Celltrion bezüglich der Kopie des Johnson & Johnson-Medikamentes Renicade, aus. Medizinische Software ergänzt im Nebensegment das Programm.

Nach Veröffentlichung des Übernahmeangebots Pfizers von 90 USD/Aktie am 2. Februar 2015 katapultierte sich der Hospira-Kurs sofort auf dieses Niveau um 40 Prozent nach oben. Der Aufschlag des Angebots ist selbst in dieser Phase der Übernahmewellen enorm. Argumentiert wird der Deal mit einer Kombination der Innovationsstärke Hospiras und der Marktstellung von Pfizer. Die Eingliederung von Hospira in die hauseigene GEPSparte (Global Etablished Products) stärkt den Generika-Anteil von Pfizer auf mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes. Das Unternehmen setzt in dieser Hinsicht besonders auf Schwellenländer. Global steigt derzeit der Generika-Umsatz jährlich um rund vier Milliarden US-Dollar und dürfte 2016 ein Volumen von 45 Milliarden US-Dollar erreichen. Ein Scheitern dieses Vorhabens sollte somit von vornherein ausgeschlossen werden. Tief sitzt noch der misslungene Merger mit Astra Zeneca im Frühling des Vorjahres. Eine teure Wiederholung würde dem Vorstand nun die Reputation kosten.

Die bisherigen Hospira-Hauptaktionäre stellen mit der Vanguard Group, Franklin Resources, State Street Corp. und Black-Rock jene Beteiligungsgesellschaften dar, die bei einer derart relativ kurzfristigen Gewinnmaximierung keine Gegenstimmen zu Protokoll geben. Der Widerstand der eigenen Pfizer-Aktionäre zu dieser Transaktion ist im derzeitigen Szenario eher gering. – Haben sie doch subjektiv das Gefühl, die Konkurrenz agiere ansonsten rascher und entschlossener.

„Fieber“haftes Streben nach Marktanteilen

Ein wirtschaftlicher Umriss dieses Übernahmeangebots an Hospira entblättert die aktuelle Gier nach einem bedeutenden Anteil der Pharma-Unternehmen im Generika-Segment: Pfizer ist bereit, für den weltweit siebtgrößten Generika-Hersteller das 3,5-Fache eines Jahresumsatzes und das 21-Fache des Gewinns vor Steuern zu bieten. – Historisch im obersten Bereich der Bewertungsmaßstäbe. Die Verbindlichkeiten der begehrten, nun zu integrierenden Gesellschaft liegen derzeit bei 3,3 Milliarden US-Dollar; der jährliche Rohgewinn entwickelte sich aber im Jahr 2014 dynamisch auf 1,5 Milliarden US-Dollar - ebenfalls expansiv.

Dem Umsatz nach ist Pfizer noch der drittgrößte Pharmakonzern weltweit. Bis 2012 führte das Unternehmen aus New York die Liste der Schwergewichte an. Das Auslaufen von mehreren Patenten vergangener Jahre auf eigene Blockbuster (Viagra, Cholesterinsenker Lipitor) und fehlende Nachfolgeprodukte gleichen kommerziellen Ranges sowie einer Veräußerung einiger Randbereiche führten 2014 zum Schrumpfen des Umsatzes auf 49,6 Milliarden USDollar - ein Kahlschlag um 27 Prozent binnen vier Jahren. Im selben Zeitraum reduzierte sich die Zahl der Mitarbeiter von 110.000 auf nun 78.000. Zugleich ermäßigten sich die Netto-Verbindlichkeiten bloß um zehn Prozent auf 94 Milliarden US-Dollar. – Eine beunruhigende Situation, die den Handlungsdruck des immer noch zu den bedeutendsten 30 US-Unternehmen zählenden Konzerns kontinuierlich erhöhte.

Fragwürdiges Langfrist-Ergebnis

Generell mag ein Übernahme-Offert im mehrstelligen Milliardenbereich medial oft spektakulär wirken. Die Zustimmung der Alt-Aktionäre des zu übernehmenden Betriebes wird oft teuer erkauft. So ist ein Angebot von bis zu 40 Prozent Aufschlag/Aktie im Vergleich zur vorangegangenen Börsennotiz keine Seltenheit. Zweifel der Alteigentümer hinsichtlich der wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit werden mit dem Lockruf des schnellen Geldes rasch ausgehebelt. Dieses Triebverhalten ist zyklisch immer wieder in Börsenphasen (meist alle sieben bis zehn Jahre) zu be-obachten. Angespornt werden die Akteure sowohl durch Rahmenbedingungen (derzeitige Niedrigzins-Phase, teilweise hohe Bargeldbestände) als auch den gleichzeitigen Druck des Finanzmarktes (Fonds, Beteiligungsunternehmen), Handlungsfähigkeit zu signalisieren. Nicht selten beeinflussen Eitelkeiten (medial präsent zu sein) und ein Geltungsdrang verantwortlicher Vorstände den Verhandlungseifer. Hinzu gesellt sich ein psychologisches, emotionales Lemminge-Verhalten „nun können wir es riskieren, ist das Ergebnis langfristig bescheiden, fällt es im Wulst der Geschehnisse nicht auf“.

Die versprochenen Synergieeffekte im Vorfeld der Fusionen erweisen sich Jahre später meist als zu rosig dargestellt und kaum messbar. Viele Einheiten der verschmolzenen Unternehmen bestehen außerdem nicht mehr eigenständig. Konnten Kosten equivalent zur Marktstärke wirklich gesenkt werden? Ergänzten sich die Produktlinien wirklich? Sind Doppelgleisigkeiten ohne Bruchstellen zusammengeführt worden? Ebenso haben Querulantentum aufgrund verschiedener Unternehmenskulturen und Ängste der persönlichen Wegrationalisierung oft zu einer Entwicklungslähmung von ganzen Geschäftseinheiten geführt (Alcatel-Lucent Technologies). Nicht Börsen-notierte, Eigentümer-geführte Pharma-Großunternehmen wie Boehringer-Ingelheim verfolgten ebenso ein kontinuierliches Wachstum, ohne sich einer zeitgeistigen Gefahr auszusetzen, vom Finanzmarkt getrieben zu werden.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2015