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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 10 - 25.05.2016

Diabetes: Auf dem Vormarsch


Bis zu neun Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden an Diabetes mellitus. Neben den bekannten Risikofaktoren erhöht laut einer aktuellen Metaanalyse auch Passivrauchen das Diabetes-Risiko um 33 Prozent. Das hat auch finanzielle Auswirkungen: Jährlich entstehen dadurch Kosten in der Höhe von 4,8 Milliarden Euro. Von Marlene Weinzierl


In Österreich stirbt alle 50 Minuten ein Mensch an den Folgen von Diabetes mellitus, sagt Univ. Prof. Hermann Toplak von der Universitätsklinik für Innere Medizin an der MedUni Graz und Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) kürzlich im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. Umgelegt auf Österreich heißt das konkret: 10.000 Menschen pro Jahr sterben an den Folgen dieser Erkrankung.

Dass die Situation in den vergangenen Jahrzehnten unterschätzt wurde, ergänzt Helmut Brath von der Diabetes-Ambulanz des GZ Süd der Wiener GKK. Denn Schätzungen der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) zufolge leidet jeder elfte Mensch weltweit an Diabetes mellitus. Neben den maßgeblichen Risikofaktoren Bewegungsmangel, falscher Ernährungsweise und Übergewicht ist bekannt, dass Rauchen eine der Hauptursachen für das weltweite Ansteigen der Erkrankung ist. Laut einer aktuellen Metaanalyse erhöht auch Passivrauchen das Diabetes- Risiko um 33 Prozent im Vergleich zur Normalbevölkerung. Die steigende Zahl der von Diabetes mellitus Betroffenen mit entsprechend hohen Kosten für eine adäquate Therapie belasten zunehmend die Gesundheitssysteme. Für Österreich betragen die direkten Kosten sowie jene für die Folgeerkrankungen 4,8 Milliarden Euro pro Jahr. Für 2030 wird dafür bereits ein Betrag in der Höhe von mehr als acht Milliarden Euro erforderlich sein. Von den Welt-Gesundheitskosten werden bereits zwölf Prozent für Diabetes mellitus aufgewendet.

Braunes Fettgewebe von Vorteil

Auch das braune Fettgewebe spielt eine Rolle bei der Entstehung von Diabetes. Babys benötigen braunes Fettgewebe – es wird durch Kältereize aktiviert –, um Temperaturschwankungen ausgleichen zu können. Einer der Gründe, wieso das braune Fettgewebe verloren geht, könnte die permanente Wohltemperierung sein. Brath dazu: „Erwachsene mit einem – wenn auch geringen – Anteil an braunem Fettgewebe haben ein deutlich geringeres Risiko für Übergewicht und Diabetes.“

Ein weiterer Faktor für die Entstehung von Diabetes mellitus ist intrauterines Hungern: Es erhöht das Risiko um bis zu 40 Prozent. Betroffen sind vor allem die Geburtsjahrgänge nach dem Ersten sowie rund um den Zweiten Weltkrieg. Schlafmangel – er beeinträchtigt die Glukosetoleranz – ist ein weiterer Risikofaktor. Er betrifft neben Stressgeplagten und Menschen, die im Schichtbetrieb arbeiten, auch ältere Personen mit chronischer Schlafapnoe.

Eine besondere Gefährdung haben Menschen mit einem geringeren Bildungsgrad und die unter sozioökonomisch schlechteren Bedingungen leben. Über eine internationale Untersuchung in sieben europäischen Ländern berichtete Univ. Prof. Alexandra Kautzky-Willer von der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Universtitätsklinik für Innere Medizin III an der MedUni Wien. Dabei konnte gezeigt werden, dass ein starker Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt des Geburtslandes und der Mortalität besteht: Je schlechter der sozioökonomische Status im Geburtsland, umso höher das Risiko, Komplikationen aufgrund des Diabetes zu erleiden oder daran zu sterben. 80 Prozent aller Menschen, die an Diabetes mellitus leiden, leben in Ländern mit niedrigem beziehungsweise mittlerem Einkommen.


Diabetes in Österreich

Schätzungen zufolge sind in Österreich rund acht bis neun Prozent der Bevölkerung (573.000 bis 645.000 Menschen) an Diabetes mellitus erkrankt. Davon sind rund 430.000 Personen diagnostiziert sowie eine geschätzte Dunkelziffer von 143.000 bis 215.000 Betroffenen.

Die Diabetes-Prävalenz beträgt sechs bis neun Prozent bei Österreichern; bei Migranten liegt sie zwischen zehn und zwölf Prozent. Auch hier geht man von einer hohen Dunkelziffer aus.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2016