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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 10 - 25.05.2016

Europäischer Gesundheitsbericht


Alarmierende Zahlen

Trotz aller Fortschritte in Europa sind die nach wie vor hohen Zahlen bei Adipositas, Alkohol und Tabak „alarmierend“. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Europäische Gesundheitsbericht der WHO. Auch sind die regionalen Unterschiede innerhalb der 53 Vergleichsstaaten teilweise groß.
Von Nora Schmitt-Sausen


Die Welt hat ein Adipositas-Problem – und Europa spielt in diesem Wettrennen eine erhebliche Rolle. 59 Prozent aller Europäer sind laut dem Europäischen Gesundheitsbericht 2015 übergewichtig oder gar fettleibig. Die Prävalenz von Übergewicht – ein Body-Mass-Index von 25 und höher – liegt in den europäischen Ländern zwischen 45 und 67 Prozent. Im internationalen Vergleich landet der europäische Kontinent damit auf Platz zwei. Nur in Amerika (Nord, Mittelund Südamerika gesamt) sind die Menschen dicker. Einen Spitzenplatz nimmt in diesem Vergleich die Türkei ein: Zwei Drittel der Türken sind übergewichtig.

In einer anderen Kategorie nimmt Europa sogar den Spitzenplatz ein: beim Tabakkonsum. Nirgendwo wird mehr geraucht als in Europa. 30 Prozent der europäischen Bevölkerung greifen zu Zigarette, Pfeife und Co. Immer noch. In den vergangenen Jahren hat es zwar erhebliche Fortschritte gegeben: So ist der Tabakkonsum durch Rauchverbote, Preissteigerungen und abschreckende Bilder auf Zigarettenpackungen zurückgegangen. Doch dieser Rückgang reiche in den meisten Ländern nicht aus, um vereinbarte Reduktionsziele zu erreichen, heißt es im Bericht der WHO.

Und es gibt noch einen – wenig schmeichelhaften – Spitzenplatz: Die Europäer trinken mehr Alkohol als die Bewohner aller anderen Kontinente. Pro Jahr konsumiert ein Europäer laut WHO rein rechnerisch durchschnittlich elf Liter reinen Alkohol.

Lebenserwartung steigt, Mortalität sinkt

Die gute Nachricht: Der in weiten Teilen ungesunde Lebensstil der Europäer wirkt sich nicht auf die Lebenserwartung aus. Im Gegenteil. „Die Lebenserwartung in Europa steigt immer weiter an und die Unterschiede zwischen den Ländern mit der höchsten und der niedrigsten Lebenserwartung schrumpfen. Europa lebt immer länger und es lebt länger gesünder“, sagte Claudia Stein, Leiterin der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation des WHO-Regionalbüros für Europa, anlässlich der Vorstellung des Reports. Nirgendwo auf der Welt leben die Menschen länger als in der europäischen Region. Allerdings mit teils erheblichen regionalen Unterschieden: Eine Spanierin lebt durchschnittlich 22 Jahre länger als ein Mann in Turkmenistan oder Russland. Ein besonders hohes Lebensalter erreichten die Bewohner der Mittelmeer-Länder, in Skandinavien und der Schweiz.

Aus dem Bericht geht hervor, dass die Europäische Region auf dem bestem Weg ist, die vorzeitige Sterblichkeit um 1,5 Prozent pro Jahr bis 2020 zu reduzieren. Dies bedeutet, dass die Zahl der Menschen, deren Lebenserwartung durch Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Diabetes mellitus und chronische Atemwegserkrankungen verkürzt wird, stetig abnimmt. Erhebliche Verbesserungen konnten auch hinsichtlich der Todesraten aufgrund von äußeren Ursachen wie Straßenverkehrsunfällen und Suizid erzielt werden.

Auch beim Thema Säuglingssterblichkeit wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. „Seit 1990 ist die Säuglingssterblichkeit in den Ländern mit den höchsten Raten zurückgegangen, wodurch sich das Gefälle zwischen den Ländern innerhalb der Europäischen Region verringert hat“, heißt es im Bericht. Doch auch hier gibt es eine Schattenseite. Trotz aller Fortschritte macht es selbst innerhalb der europäischen Region weiterhin einen erheblichen Unterschied, wo ein Kind ins Leben startet. Besser als nirgendwo anders sind die Startbedingungen dem Report zufolge in Finnland. Mit zwei pro 1.000 Neugeborenen sterben in dem skandinavischen Land so wenige Säuglinge wie in keinem anderen Land der Region. In Kirgistan, das am anderen Ende der Vergleichsskala liegt, ist die Ziffer mehr als vier Mal so hoch. Hier sterben 20 von 1.000 Kindern bei der Geburt. In vielen nord- und westeuropäischen Ländern liegt die Zahl unter fünf - auch in Österreich.

Gute Impfquoten

Auf sehr gute Zahlen kann die europäische Region beim Impfschutz blicken. Im Jahr 2010 lag etwa die durchschnittliche Durchimpfung für Poliomyelitis bei 94,7 Prozent. Ein Jahr später waren es 94,4 Prozent, im Jahr 2012 sogar 95,4 Prozent. Es sei jedoch „eine ständige Wachsamkeit“ erforderlich, weil infolge einer „suboptimalen“ Durchimpfung in einigen Teilen der Europäischen Region sowie Polio-Ausbrüchen in mehreren WHO-Regionen eine Bedrohung gegeben sei, wird im Bericht festgehalten.

Die durchschnittliche Impfrate für Masern zeigt in der Europäischen Region eine anhaltend steigende Tendenz: von 93,4 Prozent (2010) auf 93,7 Prozent (2011) und zuletzt 94,6 Prozent (2012). Impflücken seien nach wie vor für die anhaltende endemische Übertragung verantwortlich und hätten in der Vergangenheit zu einer Reihe von Masern- wie auch Röteln-Ausbrüchen geführt. 2015 wurden in der europäischen Region vier durch Masern bedingte Todesfälle gemeldet. Außerdem starb – erstmals seit drei Jahrzehnten – ein Kind an Diphtherie.

Die WHO schreibt der europäischen Region in ihrer Bestandsaufnahme „beeindruckende Erfolge“ zu. Die Länder hätten die dringende Notwendigkeit erkannt, den bestehenden Problemen zu begegnen und Fortschritte bei der Implementierung von politischen Schritten gemacht, um Risikofaktoren für die Gesundheit der Bevölkerung zu minimieren. Außerdem gibt es sehr erfolgreiche Bemühungen, bestehende gesundheitliche Ungleichheiten innerhalb der Region zu schließen.

Lebenserwartung könnte sinken

Gleichzeitig aber warnt die WHO: Es bestehe ein „sehr reelles Risiko“, dass die Erfolge verloren gingen, wenn etwa der Tabak- und Alkoholkonsum auf dem gegenwärtig hohen Niveau bliebe. Die damit verbundenen Risiken könnten zusammen mit der Ausbreitung der Adipositas dazu führen, dass die Lebenserwartung in künftigen Generationen wieder sinkt. Die nach wie vor hohen Zahlen bei Adipositas, Alkohol und Tabak seien trotz aller Fortschritte „alarmierend“. Ein effektives Mittel im Kampf gegen Tabak und Alkohol ist nach Ansicht der WHO die Einhebung von Steuern.

Auch an einem anderen Punkt gibt es für die Länder der europäischen Region noch etwas zu tun: bei der Beteiligung der Bevölkerung an den Gesundheitskosten. Die WHO legte diesbezüglich Zahlen vor, die nicht befriedigend sein können. Lediglich zwölf der 53 Mitgliedstaaten der Europäischen Region gaben an, dass in ihrem Land die Eigenleistungen nicht höher als 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben sind. Damit muss die Bevölkerung in 41 Ländern „teilweise ruinöse Gesundheitsausgaben“ leisten, wie es die WHO formuliert. Diese hohe Eigenbeteiligung könne Menschen im Krankheitsfall in die Armut führen.


Europäischer Gesundheitsbericht: die Details

Die WHO definiert aktuell 53 Länder als Europäische Region. Dazu gehören beispielsweise auch Russland, Israel und die Türkei. In diesem europäischen Referenzgebiet leben fast 900 Millionen Menschen.

Außerdem gilt der Bericht als Gradmesser, um die Entwicklungen innerhalb des WHO-Rahmenprogramms „Gesundheit 2020“ festzuhalten. Alle 53 Länder der Europäischen Region haben sich darin dem Erreichen von sechs Gesundheitszielen verschrieben:

  1. Senkung der vorzeitigen Mortalität
  2. Erhöhung der Lebenserwartung in der Europäischen Region
  3. Abbau gesundheitlicher Ungleichgewichte
  4. Forderung des Wohlergehens der Bevölkerung
  5. Allmähliche Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung
  6. Aufstellung nationaler Zielvorgaben in den Mitgliedstaaten


Da nicht alle Länder regelmäßig Daten über Risikofaktoren und Sterblichkeitsraten überliefern, bleibt der Bericht in manchen Teilen vage. Daher arbeitet die WHO zur Ermittlung der Ergebnisse zum Teil mit Schätzungen - etwa bei den Werten zum Tabakkonsum und zur Adipositas.

Seit 2012 bezieht die WHO in ihren Bericht auch Wohlbefinden als Indikator ein. Dieser wird mit einer Kombination aus subjektiven (Lebenszufriedenheit) und objektiven Indikatoren (Beschäftigung, sanitäre Verhältnisse, Wohnbedingungen, Grundschulbesuch) gemessen. Das Ergebnis: In weiten Teilen der europäischen Region ist die Lebenszufriedenheit hoch und die Grundhaltung positiv.

Da das Erleben von Wohlbefinden stark durch die kulturellen Rahmenbedingungen beeinflusst wird, werden künftig weitere Forschungsanstrengungen zur Untersuchung dieser Zusammenhänge gefordert werden. Die WHO möchte Gesundheit nicht mehr lediglich an den Faktoren Tod und Krankheit messen, sondern ganzheitlicher betrachten.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2016