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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 11 - 10.06.2016

Tuberkulose: Diagnose mittels DNA-Sequenzierung


Die Zahl der Tuberkulose-Fälle mit resistenten Keimen steigt. Künftig sollen in Österreich alle positiven Erst-Isolate mittels Next-Generation-DNA-Sequenzierung untersucht werden. Wird die Therapie konsequent durchgeführt, ist sie in rund 95 Prozent der Fälle erfolgreich.
Von Marlene Weinzierl


Klagt ein Patient über neu aufgetretenen Husten, kann bei Verdacht auf einen respiratorischen Infekt zunächst einmal eine Behandlung „lege artis“ erfolgen, sagt Univ. Prof. Rosa Bellmann-Weiler von der Universitätsklinik für Innere Medizin VI der Medizinischen Universität Innsbruck. Wenn sich der Husten allerdings trotz Behandlung nach drei Wochen nicht bessert, eine allergische Genese ausgeschlossen wurde und zusätzlich klinische Symptome wie Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsabnahme oder Hämoptysen auftreten, sollte laut der Expertin nicht nur die Möglichkeit einer bösartigen Erkrankung, sondern auch Tuberkulose in Erwägung gezogen werden.

Zur raschen Abklärung soll daher ein Lungenröntgen erfolgen und bei einem auffälligen Ergebnis gezielt an den Lungenfacharzt überwiesen werden. Es komme häufig vor, dass Patienten über viele Wochen an einem hartnäckigen Husten leiden, ohne die Zuweisung zu einem Facharzt zu erhalten, sagt Rudolf Rumetshofer von der Tuberkulosestation Severin im Otto Wagner Spital in Wien. Er warnt: Auch wenn beim Auskultieren kaum etwas zu hören ist, können bereits massive Destruktionen in der Lunge vorhanden sein.

Laut Jahresbericht 2014 der Nationalen Referenzzentrale für Tuberkulose handelte es sich in 81,8 Prozent der Erkrankungsfälle um eine Tuberkulose der Atmungsorgane. Eine extrapulmonale Manifestation findet sich am häufigsten in Lymphknoten, Niere oder Skelett, sagt Univ. Prof. Wolfgang Prodinger von der Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Med Uni Innsbruck. Extrapulmonale Tuberkulose äußert sich in derselben B-Symptomatik wie beschrieben, allerdings oftmals ohne Husten, weiß Bellmann-Weiler.

Erkrankungsrisiko nach Infektion

Das Risiko, nach einer Infektion an Tuberkulose zu erkranken, beträgt etwa fünf bis zehn Prozent, berichtet Rumetshofer. Im Kontakt mit dem Patienten sei eine Abschätzung des Risikoprofils vonnöten: Personen mit einem erhöhten Risiko, an Tuberkulose zu erkranken oder diese zu reaktivieren, sind Alkoholkranke, Menschen, die an Diabetes mellitus leiden, Ältere und auch Immunsupprimierte. Weitere Faktoren, die das Risiko erhöhen, sind zum Beispiel Biologika-Therapien wegen rheumatoider Arthritis oder Morbus Crohn sowie hochdosierte Kortisontherapien. Sehr kleine Kinder hätten laut Rumetshofer ebenso ein erhöhtes Risiko. Unisono weisen die Experten darauf hin, dass die Mindestdauer einer Tuberkulose-Therapie sechs Monate beträgt und durchaus auch länger als ein Jahr dauern kann. Einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg stellt daher laut Bellmann-Weiler die Compliance des Patienten dar. Die Therapie erfordere eine Planung im Sinne des Patienten, aber auch laufende Kontrolle: zum einen, was die Disziplin des Patienten bei der Medikamenteneinnahme betrifft, zum anderen hinsichtlich der medikamentösen Nebenwirkungen und Interaktionen. „Der Patient muss kompetent geführt werden“, so die Expertin. Wird die Therapie konsequent durchgeführt, ist sie laut Rumetshofer in etwa 95 Prozent der Fälle erfolgreich. Durch frühzeitige Beendigung oder nachlässige Einnahme der Medikamente würden sich allerdings multiresistente Tuberkulosen entwickeln, die „sehr gefährlich sind“, so Rumetshofer.

Laut Österreichischer Gesellschaft für Pulmologie werden immer häufiger Erkrankungen mit resistenten Keimen diagnostiziert. So wurden etwa im Otto-Wagner-Spital in Wien in den vergangenen Jahren 120 Patienten mit multiresistenter Tuberkulose bei einer Erfolgsquote von etwa 85 Prozent behandelt. Die an diesem Spital neu adaptierte Tuberkulosestation Severin bietet Therapien für alle Patienten, die an Tuberkulose leiden, an. Aufgrund der besonderen Infektionsschutzmaßnahmen auf dieser Station hat man sich allerdings auf die Behandlung von Patienten mit multiresistenten Tuberkuloseformen spezialisiert. In Österreich wurden für 2015 zwölf Patienten mit multiresistenten Keimen gemeldet. In den Jahren 2010 bis 2014 gab es insgesamt 97 Fälle, die bis auf zwei Fälle im Jahr 2013 ausschließlich bei Personen mit nicht-österreichischer Staatsangehörigkeit verzeichnet wurden.

AGES: Nationale Referenzzentrale

Die bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) angesiedelte Nationale Referenzzentrale für Tuberkulose erfasst jeden Tuberkulosefall, verfolgt ihn labordiagnostisch und epidemiologisch bis zum Therapieende. Seit 2015 bedient sich die Nationale Referenzzentrale der Next-Generation-DNA-Sequenzierung (NGS) zur raschen Analyse der gesamten Bakterien-DNA. Dadurch wird nicht nur die Ausbruchsabklärung effizienter, auch Antibiotika-Resistenzen können ohne langwierige Erreger-Anzüchtung schneller erkannt werden, so Alexander Indra, Leiter des Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene der AGES.

Für die NGS sei ein positiver Labor-Nachweis des Mycobacterium tuberculosis Voraussetzung. Man könne aufgrund der klinischen Symptome Tuberkulose auch diagnostizieren, wenn die betreffende Kultur negativ ist. Ziel sei es allerdings, eine möglichst hohe Rate an bestätigten Fällen, also Kultur-positive, zu haben, so der Experte. Nach einer Umstellungsphase werden Mitte des zweiten Quartals 2016 alle positiven Erst-Isolate mittels NGS untersucht. Die Kosten hierfür werden derzeit mit 200 Euro pro Probe veranschlagt.


Tipp: www.ages.at/service/serviceoeffentliche-gesundheit/referenzzentralen/rz-tuberkulose/


Tuberkulose in Zahlen

Weltweit erkranken jährlich etwa zehn Millionen Menschen an Tuberkulose; mehr als 1,5 Millionen Menschen sterben daran. Besonders betroffen sind Menschen in ärmeren Regionen und Flüchtlinge, die durch beschwerliche Lebensumstände und Unterbringung in Großquartieren einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. Dennoch: Die Zahlen sind weltweit rückläufig, wie die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) im Rahmen einer Pressekonferenz kürzlich berichtete.

Tuberkulose ist eine weit verbreitete, jedoch heilbare Infektionskrankheit, die in Österreich meldepflichtig ist. Während im Jahr 2005 insgesamt 1.007 Neuerkrankungen in Österreich verzeichnet wurden, waren mit Stand Ende März 2016 für das Jahr 2015 nur 583 Fälle gemeldet worden, sagt Alexander Indra, Leiter des Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene der AGES. Bei der Zahl der Neuerkrankungen verzeichnet man mit 582 gemeldeten Fällen einen leichten Anstieg gegenüber dem Jahr 2014. Die gesunkene Tuberkulose-Inzidenz von 12,3 Fällen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2005 auf 6,8 Fälle pro 100.000 Einwohner im Jahr 2014 zeugt vom Erfolg der Tuberkulose- Bekämpfung in Österreich. Die endgültigen Daten für 2015 sind laut Indra frühestens ab September dieses Jahres verfügbar (siehe Tipp).

Bei der Altersstruktur von Patienten, die an Tuberkulose leiden, sind Unterschiede in der Bevölkerung hinsichtlich der Staatsbürgerschaft erkennbar: Bei österreichischen Staatsbürgern war 2014 die höchste Inzidenz in der Altersgruppe 65plus zu verzeichnen, während die höchste Inzidenz bei Personen ohne österreichische Staatsangehörigkeit im Alter von 15 bis 24 Jahren registriert worden war. Insgesamt erkrankten im Jahr 2014 Männer 1,8-mal häufiger als Frauen.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2016