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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 13/14 - 15.07.2016

Süchte: Eine kommt selten allein


Sexsucht und Pathologisches Glücksspiel treten gehäuft zusammen mit anderen Suchterkrankungen auf. Bei den Betroffenen zeigt sich darüber hinaus eine hohe Komorbidität mit Angststörungen und Depressionen. Bei Jugendlichen in der Transitionsphase stehen Angsterkrankungen und Störungen des Sozialverhaltens an der Spitze.
Von Agnes M. Mühlgassner


Die Sexsucht als Erkrankung (Diagnose: Sexuelle Sucht) finde sich weder im ICD 10 noch im DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen), erklärte Univ. Doz. Christina Raviola, klinische Psychologin und Psychotherapeutin in Wien, beim diesjährigen 6. Internationalen Suchtsymposium am Grundlsee. Grundsätzlich handle es sich bei der Sexsucht (Hypersexual Disorder, Hypersexualität, exzessives Sexualverhalten) um ein heterogenes Krankheitsbild; bei der Diagnose entscheidend sei der Leidensdruck des Patienten. Die Prävalenz der Sexsucht beträgt rund drei bis sechs Prozent der Gesamtbevölkerung mit einem Verhältnis von 5:1 zwischen Männern und Frauen, wobei „die Frauen massiv aufholen“, wie Raviola betont.

Auf neurobiologischer Ebene liegen die Ursachen für die exzessive Sexsucht „vermutlich“ (Raviola) im serotonergen (Störung der Impulskontrolle) und dopaminergen System (Verlangen, Motivation und Belohnung); weiters spielen emotional belastende Faktoren (wie Gewalt oder Missbrauch bei der Reifung des Gehirns) eine Rolle. Bedeutung haben auch andere Faktoren wie das soziale Umfeld („broken home“), Substanzmissbrauch in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, Computerabhängigkeit, Spielsucht und auch eine pathologische Paarbeziehung.

Symptome der Sexsucht sind Impulskontrollstörung mit sexuell auffälligem Verhalten, Mangel an Bindung und Intimität; Zwanghaftigkeit, Beziehungsstörung beziehungsweise Beziehungsfeindlichkeit. Bei Betroffenen zeigt sich eine hohe Komorbidität mit Angststörungen (40 Prozent) und Depressionen (40 Prozent), Substanzabhängigkeiten (30 Prozent), Essstörungen, Spielsucht und ADHS. Für die Behandlung gibt es multimodale Ansätze: kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamisch orientierte Verfahren, Rückfall-Vermeidungs-Therapie oder Pharmakotherapie. Ebenso wie bei den Anonymen Alkoholikern gibt es auch Hilfe bei den Anonymen Sexoholikern. „Die meisten ziehen jedoch eine Einzeltherapie vor“, weiß Raviola.

Cybersex: massiv im Steigen

Cyber-Sexsucht gibt es nicht nur im Erwachsenenalter, sondern schon bei Jugendlichen; bereits in der 4. Klasse Volksschule würden erstmals solche Phänomene registriert. Raviola weiter: „Rund 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen schauen mit 13 Jahren regelmäßig pornographische Darstellungen im Internet an.“ Mit dem 17. Lebensjahr haben rund 90 Prozent der Jugendlichen Pornographie im Internet gesehen.

Sucht bei Jugendlichen

„Etwa jedes fünfte, sechste Kind bis zum 18. Lebensjahr hat psychische Probleme“, erklärte Ralf Gössl vom Krankenhaus Hietzing in Wien mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel. Wobei Suchterkrankungen mit rund fünf bis sieben Prozent (ohne Nikotin) nicht zu den häufigsten zählen. An der Spitze stehen Angsterkrankungen mit zehn bis 15 Prozent, gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens mit fünf bis zwölf Prozent. Der Verlauf von psychischen Störungen im Kindes-/Jugendalter sieht wie folgt aus: Bei rund 50 Prozent kommt es innerhalb von ein bis fünf Jahren zu einer Remission; rund zehn Prozent verlaufen chronisch und „rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen, die schon in Betreuung waren, kommen dann auch in die Erwachsenenpsychiatrie“, berichtet Gössl.

Die „Transition“, die Übergangsphase vom Jugendalter ins Erwachsenenalter, liegt etwa zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr und stellt eine „Zeitphase mit vielen psychosozialen Herausforderungen dar“, so Gössl. Eine Reihe von strukturellen Anforderungen werden an die „Reife“, die mit Volljährigkeit verbunden wird, gestellt: Selbstständigkeit, Verlässlichkeit, Kompetenz, Integration in die soziale Gruppe, Rollenübernahme, Selbststrukturiertheit, Verantwortlichkeit, Motivation, Vernunft; Voraussetzung ist aber auch die Haltung der Angehörigen.

In dieser Transitionsphase kommt es zu neurobiologischen Veränderungen, vor allem zu qualitativen Umbauprozessen im Gehirn: Das maximale Hirnvolumen ist in der frühen Adoleszenz vorhanden. Ab der Adoleszenz kommt es zu einem quantitativen Abbau von grauer Substanz, der Elimination von überflüssigen synaptischen Verbindungen und zur Zunahme der weißen Substanz. Dieser qualitative Umbau und die komplexe Reifung führten zu passageren neurokognitiven Defiziten, erhöhter Impulsivität, geringerer Frustrationstoleranz, erhöhter Anfälligkeit für Sucht und vermehrter Anfälligkeit für Affekt-getragene Handlungen. In dieser Umbauphase herrscht ein „Mangel an hemmenden Neurotransmittern“, so Gössl weiter. Zusätzlich zu diesen internen Faktoren stellen in der Transitionsphase noch externe Faktoren wie unstete Situation bei Bildung, Arbeit und Beziehung eine weitere Herausforderung dar.

Förderung der Entwicklung

Psychische Erkrankungen haben immer einen Einfluss auf die psychoemotionale Reifung, sagt Ralf Gössl. Und weiter: „Bei Jugendlichen ist die Behandlung immer auch ein Stück Entwicklungsförderung, nicht nur Symptombehandlung.“ Die Übergänge von der Kinder und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie selbst bezeichnet Gössl als „schwierig“. Die Folge dieser Schnittstellenproblematik: „Wir verlieren viele Jugendliche. Zwischen 40 bis 70 Prozent setzen die Therapie ab.“ Dies wiederum habe Rückfälle, Aggravierung, Chronifizierung, Einschränkungen, Leid und erhöhte Kosten zur Folge. Die Transitionspsychiatrie suche hier Optimierung; sie wolle laut Gössl strukturierte Veränderungen und Kooperation.

Pathologisches Glücksspiel

Pathologisches Glücksspiel – wer kommt in Behandlung? Mit dieser Frage beschäftigte sich Prof. Ludwig Kraus vom Institut für Therapieforschung München. In den Einrichtungen der ambulanten Suchthilfe wurde im Rahmen einer Versorgungsstudie zwischen 2009 und 2011 eine Stichprobe von 446 Klienten aus 36 ambulanten Suchthilfeeinrichtungen in Bayern gezogen. Die Charakteristik der Behandelten: in 88,8 Prozent handelt es sich um Männer mit einem Durchschnittsalter von 36 Jahren. Das Spielen an Geldspielautomaten hatte die höchste Prävalenz (81,4 Prozent) und Präferenz (74,7 Prozent). 93 Prozent der Klienten hatten die Diagnose Pathologisches Glücksspiel; 50,5 Prozent eine hohe psychische Belastung und 47,4 Prozent wiesen depressive Symptome auf. Auch zeigte sich eine hohe Rate an Komorbiditäten wie affektive Störungen, Angststörungen und Suchtstörungen. Nur 50 Prozent kamen häufiger als sechs Mal zur Behandlung; 70 Prozent beendeten die Therapie vorzeitig.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2016