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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 17 - 10.09.2016

Kinder und Smartphones


Von der Sucht, online zu sein

Medienkompetenz ist im Zeitalter von Web & Co schon längst zu einer Schlüsselkompetenz geworden – besonders für Kinder. Entscheidend dabei ist der altersentsprechende Einsatz der neuen Medien. Von Christina Schaar


Die rasante Entwicklung im Bereich der Medientechnologie stellt nicht nur Gesellschaft, Schulen und Bildungseinrichtungen auf den Prüfstand, sondern in ganz besonderer Weise auch Familien. Im Rahmen einer aktuell (2016) in Oberösterreich durchgeführten Kinder-Medien-Studie wurde das Medienverhalten der Drei- bis Zehnjährigen beobachtet. Während Spielkonsolen, MP3-Player, das Festnetz-Telefon und die Tageszeitung weniger genutzt werden, nimmt bei den Sechs- bis Zehnjährigen die Nutzung von Internet, Smartphone, aber auch Tablet zu. Laut der Studie haben mittlerweile 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Handy oder ein Smartphone (2014 waren es noch elf Prozent), in der Altersgruppe der Acht- bis Zehnjährigen besitzt die Hälfte der Kinder bereits ein eigenes Handy oder Smartphone. Drei Viertel der oberösterreichischen Kinder und Jugendlichen zwischen elf und 18 Jahren sind via Smartphone online; bei Jugendlichen steigt der Anteil auf bis zu 90 Prozent an.

Ähnliche Situation in Deutschland

Ein Blick nach Deutschland ergibt ein ähnliches Bild, bestätigt die KIM-Studie 2014 (Kinder + Medien, Computer + Internet). Dabei wurden rund 1.200 Kinder sowie ihre Haupterzieher zum Mediennutzungsverhalten befragt. 63 Prozent der Zehn- bis 13-Jährigen treffen ihre Freunde (fast) jeden Tag. Das Handy/Smartphone als wichtigstes Kommunikationsmittel zum Versenden von Nachrichten folgt unmittelbar danach. Chatten (43 Prozent) und die Community (35 Prozent) haben für zwei von fünf Kindern dieser Altersgruppe große Relevanz. Nach regelmäßigen Tätigkeiten befragt, geben die Sechs- bis 13-Jährigen in der KIM-Studie an, dass direkt nach den Schulaufgaben das Fernsehen folgt; zwei von fünf Kindern hören täglich Musik und fast genauso viele geben an, sich täglich mit dem Handy/Smartphone zu beschäftigen.

Von der stark angestiegenen Verwendung von Handys und Smartphones sind immer mehr Eltern beunruhigt, da die Kommunikation oftmals vorwiegend auf diesem Weg erfolgt. Was auch mit ein Grund dafür sein mag, dass Eltern dem Besitz eines Handys im Vorschulalter vielfach kritisch gegenüberstehen. „Ein gewisses Alter sollte nicht unterschritten werden. Ein Handy für Vorschulkinder ist nicht zweckmäßig“, betont Univ. Prof. Andreas Karwautz von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien. Die Tatsache, dass Kinder täglich ihr Handy benutzen, zeige einfach, welch hohen Stellenwert dieses für die Kinder habe. „Man soll daraus aber auch kein Drama machen“, bekräftigt der Experte. Denn schließlich müsse auch der Umgang mit Medien gelernt werden.

Neue Art der Kommunikation

Überall und jederzeit online – das wird durch den mobilen Internetzugang möglich. Egal ob es um das Checken von Nachrichten geht, den Download von Apps, das Aktualisieren des Facebook-Status oder die Nachrichtenübermittlung per WhatsApp. „Durch das Smartphone hat sich der Tagesablauf völlig verändert“, merkt Univ. Prof. Michael Musalek vom Anton Proksch Institut in Wien kritisch an. Im Grunde handle es sich bei einem Smartphone nicht mehr um ein Telefon, sondern es kämen „hauptsächlich die Zusatzfunktionen zum Einsatz“.

Da sich das Smartphone meist in Reichweite befindet, ist die Verlockung groß, sich ständig in eine Interaktion verwickeln zu lassen. „Speziell unkonzentrierte und hyperaktive Kinder sind in besonderer Weise gefährdet“, weiß Musalek. In vielen Bereichen wie etwa der Kommunikation oder bei der Recherche von schulischen Belangen seien „definierte Chatrooms sehr hilfreich“, erklärt Karwautz. Dass die Ausdrucksweise und Wortwahl in der Kommunikation via Handy/Smartphone negative Auswirkung auf die spätere Sprache haben könnte bezweifelt er, da ja die Kinder nicht ununterbrochen auf diesem Weg kommunizieren. Karwautz weiter: „Die positiven sozialen Vernetzungen durch die neuen Medien stehen im Vordergrund.“ Anders jedoch ist die Situation bei kleineren Kindern, wenn man bedenkt, dass die Entwicklung derjenigen Hirnregionen, die für das Verarbeiten von Sinnesempfindungen zuständig sind, erst etwa im Alter von fünf Jahren abgeschlossen ist.

Risiko Online-Sucht

Die Diagnose „Online-Sucht“ ist laut Karwautz „sehr schwierig“ und müsse „sehr individuell“ erfolgen. Ist man den ganzen Tag hindurch online und geht deswegen keiner anderen Beschäftigung mehr nach, könne von einem schädlichen Gebrauch gesprochen werden. „Hier ist dann dringendst zu empfehlen, strukturell einzugreifen und mit dem Kind über einen vernünftigen Gebrauch zu reden“, führt Karwautz aus.

Auch im klinischen Alltag gäbe es Situationen, in denen der Umgang mit einem Smartphone Probleme mache. „Speziell dann, wenn sich Jugendliche über pathologisches oder gefährliches Verhalten wie zum Beispiel Suizid austauschen und gegenseitig darin bestärken“, berichtet der Experte aus dem klinischen Alltag.

Musalek hingegen sieht die Problematik nicht in der Sucht nach dem Smartphone, sondern jener nach dem Online-Sein, wo es „natürlich“ Gefahrenmomente gäbe. „Hier geht es darum, dass man nicht süchtig ist nach dem Gerät, sondern süchtig danach, online zu sein.“


Tipp: „10 Medizinische Handy-Regeln“:
www.aekwien.at/aekmedia/Medizinische-Handy-Regeln.pdf



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 17 / 10.09.2016