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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 18 - 25.09.2016

Standpunkt - Vize-Präs. Harald Mayer


Dokumentation: weniger ist mehr

© Zeitler

Warum auch immer man sich entschieden hat, Spitalsarzt zu werden: ganz sicher nicht deswegen, um dann einen Großteil seiner Arbeitszeit mit Dokumentation zu verbringen.

Faktum ist jedoch, dass wir Spitalsärztinnen und Spitalsärzte mit einer unglaublichen Datenflut konfrontiert sind - vermutlich wie viele andere Berufsgruppen auch. Das Spezifikum bei uns Ärzten ist jedoch, dass wir nahezu alles selbst dokumentieren müssen. Unsere jahrelangen Forderungen nach der flächendeckenden Einführung von Dokumentationsassistenten sind weitgehend ungehört verklungen und hat uns in die missliche Situation gebracht, in der wir uns jetzt befinden: Die Spitalsärztinnen und Spitalsärzte in Österreich wenden rund 40 Prozent ihrer Tätigkeit für Dokumentation auf. Dabei geht es nicht darum, dass gewisse Dinge einfach ärztlich dokumentiert werden müssen. Nein, wir reden hier etwa von der Anforderung von Konsilien, dem Einsortieren von Kurven in Befunde oder vom Abschreiben von OP-Protokollen in Entlassungsbriefe, weil es keine entsprechende EDV-Schnittstelle gibt.

Die an sich wichtige Dokumentation hat hier ein Eigenleben entwickelt, das die Medizin fast schon zweitrangig werden lässt. Sieht man sich den Arbeitsalltag eines Turnusarztes an, muss man sich mitunter schon fragen, ob er zum Arzt oder zur Schreibkraft ausgebildet wird. 50 Prozent ihrer Arbeitszeit wenden Turnusärzte für Dokumentation auf, hat die aktuelle IFES-Studie unter Spitalsärzten ergeben.

Da darf es dann eigentlich niemanden mehr wundern, wenn unsere Jungärzte unmittelbar nach Studienabschluss Österreich fluchtartig verlassen – auch wenn es jetzt eine zufriedenstellende Gehaltssituation gibt. Hier bewahrheitet sich einmal mehr: Geld ist nicht alles. Und die Jungabsolventen müssen auch nicht lange suchen: Im benachbarten deutschsprachigen Ausland sind unsere Medizin-Absolventen durchaus begehrt. Deutschland beispielsweise hat Platz für 40.000 Ärztinnen und Ärzte.

Das Problem der überbordenden Bürokratie ist nicht wirklich neu. Schon seit Jahren fordern wir in diesem Bereich Maßnahmen, die zu einer spürbaren Entlastung des Arbeitsalltags beitragen. Unsere Forderung nach der flächendeckenden Einführung von Dokumentationsassistenten bleibt aufrecht – und man wird dafür auch Geld in die Hand nehmen müssen. Es ist dringend notwendig, dass die Politik darauf reagiert und endlich die administrativen Belastungen von Spitalsärzten reduziert. Die Kurie Angestellte Ärzte hat eine Initiative zur Entbürokratisierung gestartet. Mit der E-Mail-Adresse buerokratieabbauno@sonicht.aerztekammer.at sammeln wir alle Berichte über bürokratische Hemmnisse im Spitalsalltag.

Im bin überzeugt davon, dass die Administration in den Spitälern ohne weiteres um die Hälfte reduziert werden kann – ohne Qualitätsverlust. Es müssen nur die entsprechenden Voraussetzungen von Seiten der EDV geschaffen werden. Denn die EDV in den meisten Spitälern erfüllt bei weitem nicht, was die Ärzteschaft von der EDV erwartet.

Im Zuge all dieser Maßnahmen wird sicherlich auch eine Arbeitszeit-Flexibilisierung des Personals im administrativen Bereich notwendig sein – etwa in der Nacht, am Wochenende oder an Feiertagen, so dass hier auch entsprechende administrative Unterstützung gewährleistet ist.


Harald Mayer
2. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2016