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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 21 - 10.11.2016

Gesundheitssystem: Der Hausarzt bleibt modern


Ungebrochen ist die Unterstützung und das Vertrauen der Österreicher in ihren Hausarzt: 95 Prozent sind der Ansicht, dass er unbedingt erhalten bleiben muss. Weniger Vertrauen haben die Befragten in das Gesundheitssystem: 41 Prozent sehen eine negative Entwicklung, was laut Meinungsforschern ein „Alarmsignal“ ist. Von Marion Huber


Es gibt eine riesige Kluft zwischen den Vorstellungen und Konzepten der Politik und dem, was sich die Menschen wünschen“, wundert sich der Bundeskurienobmann der Niedergelassenen Ärzte, Johannes Steinhart, über die „Ignoranz der Politik“. Denn: Ganze 41 Prozent der Österreicher finden laut einer aktuellen Befragung, dass sich das Gesundheitssystem in eine falsche Richtung entwickelt. „Für ein so anerkanntes Gesundheitssystem wie in Österreich ist das ein Alarmsignal“, urteilt der Meinungsforscher Peter Hajek. Dass die Patienten sehr wohl merken, dass das Gesundheitssystem heruntergefahren wird, unterstreicht eine weitere Zahl: Drei von vier Befragten (72 Prozent) zeigen Verständnis für die zuletzt durchgeführten Protestmaßnahmen und teilen die Sorgen der Ärzte – „klarerweise vor allem jene Menschen, die finden, dass das Gesundheitssystem in die falsche Richtung läuft“, konkretisiert Hajek. „Der klassische Hausarzt in Österreich hat sich gut bewährt und sollte unbedingt erhalten bleiben.“ Konfrontiert mit dieser Aussage, sagten 85 Prozent, sie würden dem „sehr zustimmen“.

Bei der letzten Umfrage im März dieses Jahres waren es noch 79 Prozent. Insgesamt sind es – wie bei der letzten Umfrage – sogar 95 Prozent, die wollen, dass der klassische Hausarzt erhalten bleibt. Hajek: „Let’s face it – der Hausarzt ist und bleibt eine Institution.“ Auch für Steinhart ist damit einmal mehr bestätigt, dass der Hausarzt „unumstritten“ die Basis der Versorgung ist: „Das sollten sich alle Politiker zu Gemüte führen, die von einem Auslaufmodell sprechen und von PHC-Zentren schwärmen.“

Apropos PHC-Zentren: Noch immer können 60 Prozent der Befragten mit dem Begriff nicht einmal etwas anfangen. Von den gerade einmal 40 Prozent, die den Begriff PHC schon einmal gehört haben, vertrauen in dieser Frage ganze 51 Prozent der Ärztekammer – deutlich mehr als dem Gesundheitsministerium (nur 22 Prozent). Dass das Ergebnis derart klar ist, ist selbst für Hajek „sehr spannend“. „Wozu dann ein solches theoretisches Konstrukt, wenn wir unsere bewährten Hausärzte haben?“, fragt Steinhart. „Die Vorstellung der Patienten ist überraschend deutlich und klar“ (Hajek): 70 Prozent der Befragten meinen, dass es sogar „viel mehr“ praktische Ärzte und Hausärzte geben sollte; 72 Prozent forderten auch „viel mehr“ Fachärzte. Damit sind auch die langjährigen Forderungen der Ärztekammer nach zusätzlichen Kassenstellen bestätigt. „Wir brauchen eine Entwicklung, nicht eine Zerstörung des niedergelassenen Bereichs“, fordert Steinhart und verweist auf das Konzept der Ärztekammer zur „Primärversorgung 2020“, das seit Februar 2016 vorliegt. Der Verzicht der Politik auf die ärztliche Expertise in Fragen des Gesundheitswesens ist für Steinhart „völlig unverständlich“, denn: „Eine Entwicklung in der Qualität des Gesundheitssystems kann ohne Ärzte nicht funktionieren.“ Übrigens: Die Patienten scheinen das ähnlich zu sehen: die Mehrheit der Befragten – nämlich 56 Prozent – finden, dass die Gesundheitspolitik zu wenig auf die Meinung der Ärzte hört.

Gesundheitsbarometer 2016

Das „Gesundheitsbarometer“ wurde vom Institut „Public Opinion Strategies“ von Peter Hajek im Auftrag der Ärztekammer Wien durchgeführt. Dabei wurden 1.000 Österreicher ab 16 Jahren von 20. September bis 4. Oktober dieses Jahres telefonisch befragt.

Weitere Ergebnisse:

  • 53 Prozent sehen, dass der Verwaltungsaufwand in Ordinationen zu groß ist.
  • In Sachen Wartezeiten waren beim Facharzt 55 Prozent zufrieden, bei praktischen Ärzten 66 Prozent.
  • Mit den Öffnungszeiten der Hausärzte waren 86 Prozent zufrieden, bei den Fachärzten 75 Prozent.
  • 82 Prozent glauben, dass die Krankenkasse „viel mehr Leistungen“ bei Prävention und Vorsorge übernehmen sollte.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21 / 10.11.2016