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Seurat, Signac & der Pointillismus


Punkt für Punkt

Winzige Punkte, einer neben dem anderen, Millionen davon, in ungemischten Farben – erst im Auge des Betrachters bilden sie einen Farbeffekt mit strahlender Leuchtkraft. Georges Seurat und Paul Signac haben mit dem Pointillismus die Malerei in die Moderne geführt. Von Marion Huber


Oft hat er ein Jahr oder länger für ein Gemälde gebraucht: kein Wunder, hat er doch Millionen kleinste Punkte, einen nach dem anderen, sorgfältig gesetzt. Georges Seurat hat mit dem Pointillismus einen zeitaufwendigen Stil begründet – einen Stil, der zunächst oft missbilligend beäugt wurde, schließlich aber einen Meilenstein auf dem Weg in die Moderne setzen sollte.

Punkt für Punkt – einer wissenschaftlich orientierten und logisch durchdachten Theorie folgend – näherte er sich dabei einem Gesamtkunstwerk. So, dass sich die dicht gedrängten, winzigen Tüpfelchen in ungemischten Farben auf der Netzhaut des Betrachters vermischen und einen Farbeffekt bilden, der anders nicht zu erreichen ist: ein strahlendes, anhaltendes Leuchten. Man könnte sagen, in Seurats Werken leuchten sogar die Schatten.

In der Albertina in Wien entfalten 100 Werke vor den rosa und lila Wänden der Ausstellungsräume nun diese Leuchtkraft, die ihresgleichen sucht. Dass aus den strengen Vorgaben, Farben komplett zu trennen und ausschließlich Punkte zu verwenden, etwas derart Harmonisches entstehen kann, mag man kaum glauben. Dass man sich darin irrt, beweisen die Werke eindrucksvoll.

Die Namen der Künstler sind klingend und wohlbekannt: Georges Seurat und Paul Signac – als Begründer der Stilrichtung – oder Théo van Rysselberghe. Aber auch Henri Matisse und André Derain finden ihren Platz in den Räumen: auch sie haben mit Punkten gemalt, wenn auch weiter auseinandergezogen oder unter Zuhilfenahme von Konturlinien. Damit wird auch die weitere Entwicklung vom Punkt, zum Farbtupfer, zum Strich, zum Mosaikplättchen, zum Farbfleck bis hin zur Fläche deutlich. Zugleich wird in der Ausstellung der Weg des Pointillismus in die Abstraktion nachgezeichnet.

Georges Seurat: richtungsweisend

Den Beginn und die Richtung des Pointillismus gab ein Werk Seurats vor – „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“ (1884-1886). Auch wenn er ein eigentlich impressionistisches Thema – nämlich die Momentaufnahme von Menschen bei ihrem Freizeitvergnügen – gewählt hat, richtete Seurat die einzelnen Punkte streng nach einem Raster und entlang der waagerechten und senkrechten Hauptlinien aus. Als Seurat das Bild 1887 in Brüssel ausstellte, waren zahlreiche belgische Künstler, darunter auch Théo van Rysselberghe, sofort von ihm angetan. Viele lösten sich daraufhin abrupt vom Impressionismus und wandten sich dem Pointillismus zu. Van Rysselberghe studierte die neue Maltechnik und wurde damit zu „dem“ belgischen Pointillisten. Er blieb dem Stil von 1890 bis 1910 treu. Auch einige seiner Werke – vor allem seine bekannten Frauenporträts – sind in der Ausstellung der Albertina vertreten.

Paul Signac: liberaler und freier

Als Seurat 1891 – mit gerade einmal 31 Jahren – an Diphtherie verstarb, war es vor allem sein Freund und Wegbegleiter Paul Signac, der in seine Fußstapfen trat. Er folgte aber nicht nur streng den Vorgaben Seurats, sondern entwickelte die Punkttechnik weiter. Indem er einen liberalen Ansatz schuf, befreite er die Maler von der Verpflichtung, nur Punkte zu verwenden. Der Begriff des „Divisionismus“ entstand und die Werke waren nicht mehr von winzigen, eng gesetzten Punkten, sondern von breiten, voneinander abgesetzten Farbtupfen und Pinselstrichen geprägt. Sie sollten aus gewisser Entfernung eine Farbmischung eingehen – die „Farbzerlegung“ war geboren.

Signacs Bilder sind vor allem von Landschaften in hellen, leuchtenden Farben geprägt. Auch ihn verschlug es – wie Seurat – besonders oft ans Meer, in die Häfen: in harmonischen Rosa-, Blau- und Gelbtönen erstrahlen Segelschiffe auf der Leinwand. So reiste Signac etwa 1904 nach Venedig und nahm von seiner Reise mehr als 200 kleine Aquarellskizzen mit. Noch im Laufe desselben Jahres schuf er daraus elf Ölbilder. Die liberale Entwicklung, die Signac angestoßen hatte, wurde gerade von der jüngeren Generation, der u.a. Henri Matisse angehörte, wohlwollend angenommen. Langsam näherte sie sich dem neuen, dynamischeren Stil. Matisse etwa setzte die Tupfen weiter auseinander, setzte Konturen und hielt sich nicht mehr streng an die Theorie der Komplementärfarben. Es war 1905 als sich Matisse – gemeinsam mit André Derain – schließlich von festen Regeln und Gesetzen lossagte und damit den „Fauvismus“ begründete. Es war der Beginn der Klassischen Moderne und Matisse einer ihrer bedeutendsten Vertreter.


Seurat, Signac, Van Gogh: Wege des Pointillismus

Bis 8. Jänner 2017

Albertina/Albertinaplatz 1
1010 Wien
www.albertina.at



Georges Seurat und die Kunstwelt

1859 in Paris geboren und in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, wird Seurat früh in die Kunst und Malerei eingeführt. 1878 wird er an der École des Beaux-Arts angenommen, die u.a. auch Henri Matisse besuchte. Nachdem er eine Ausstellung der Impressionisten besucht hat, verlässt er die Einrichtung und setzt sich von da an mit Geometrie, Farbtheorien, dem Simultankontrast der Farben und dem Farbkreis auseinander. 1883 ist er zum ersten und einzigen Mal im Pariser Salon vertreten – mit einer Zeichnung, dem „Porträt von Aman-Jean“. 1884 wird sein erstes großes Gemälde – „Eine Badestelle bei Asnières“ – abgelehnt; dafür wird es in der Ausstellung der Societé des Artistes Indépendants präsentiert. Es ist niemand geringeres als Paul Signac, den er dort kennenlernt und mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verbindet. Mit ihm zusammen nimmt er 1887 an der Eröffnung der Ausstellung der Künstlervereinigung „Les Vingt“ teil. Zu deren Ausstellungen sind in Jahren zuvor und danach viele klingende Namen wie Auguste Rodin, Camille Pissarro, Henri de Toulouse-Lautrec und Vincent van Gogh eingeladen. Kurz nachdem Seurat 1891 zum dritten Mal an der Ausstellung teilnimmt, verstirbt er mit gerade einmal 31 Jahren an Diphtherie.

Seurats Werke hängen heute in den namhaftesten Museen der Welt: dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée d’Orsay in Paris oder der National Gallery und der Tate Gallery in London. „Das“ Werk des Pointillismus – Seurats „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“ hängt heute im Art Institute of Chicago, dem es 1926 als Geschenk zukam. Bei Auktionen erreichen seine Bilder Verkaufspreise in teils unerwarteten Höhen: 2008 wurde seine Zeichnung „Au divan japonais“ bei einer Auktion von Sotheby’s um umgerechnet fast fünf Millionen Euro verkauft. Sein Werk „La Promenade“ kam 2010 bei Christie’s auf einen Preis von knapp drei Millionen Euro.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21 / 10.11.2016