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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 22 - 25.11.2016

Spitäler in Norwegen


Fünf Wochen Ärztestreik

Der Plan, dass in Zukunft jeder einzelne Arzt mit dem Arbeitgeber seine Dienstzeiten ausverhandeln sollte, war der Anlass für einen fünfwöchigen Ärztestreik in den norwegischen Spitälern. Schließlich beendete das staatliche Krankenhausmanagement von sich aus alle Maßnahmen, die zum Ausstand geführt hatten. Ob die Protestmaßnahmen erfolgreich waren, wird sich erst herausstellen.


Es hat sich um einen Streit gehandelt, der einem aus österreichischer Sicht durchaus bekannt vorkommen könnte: Vom 7. September bis zum 11. Oktober dieses Jahres gab es in den Krankenhäusern Norwegens den bisher längsten Streik der Ärzte. Der Grund lag in geplanten Änderungen bei den Dienstzeitenregelungen.

„Wir haben in Norwegen 39 öffentliche Spitäler. Dazu kommen noch einige kleine Privatkrankenhäuser, die sich auf bestimmte Fachgebiete wie Pulmologie oder Kardiologie spezialisiert haben. Die öffentlichen Spitäler werden alle vom Staat betrieben“, sagt Clara Sofie Bratholm vom norwegischen Ärzteverband, der innerhalb der größeren Gewerkschaft „Akademikerne“ den Ärztestand vertritt. Bratholm ist auch Vorstandsmitglied der Vereinigung der norwegischen Jungärzte (Norwegian Junior Doctors) und Vizepräsidentin der European Junior Doctors. Sie selbst arbeitet an der Kinderabteilung des Krankenhauses in Drammen in der Nähe von Oslo. Der Streit zwischen den norwegischen Spitalsärzten und dem staatlichen Krankenhausmanagement „Spekter“ entstand als Folge von neuen Plänen zur Regelung von Ärztedienstzeiten. Bisher gab es ein kollektiv ausverhandeltes Arbeitszeitmodell; in Zukunft sollte jeder einzelne Arzt mit dem Dienstgeber seine Dienstzeiten ausverhandeln. „Bisher haben die Standesvertreter der Ärzte die Dienstzeiten mit dem Dienstgeber für alle Ärzte ident ausverhandelt. Doch das sollte geändert werden. Man wollte Einzelverträge für jeden Arzt schaffen. Die Ärztedienstzeiten sollten darüber hinaus über einen Zeitraum von einem Jahr durchgerechnet werden“, erzählt Bratholm.

Das wäre eine massive Schlechterstellung der norwegischen Spitalsärzte gewesen: Das Verhandeln von Einzelverträgen hätte die rechtliche Position der Ärzte im Vergleich zu Kollektivverträgen deutlich verschlechtert. „Und die Durchrechnungszeit hätte darüber hinaus den Spitälern Geld erspart“, führt die streitbare Kinderärztin aus.

Bisher sind alle Spitalsärzte in Norwegen in einem gleich strukturierten Dienstturnus über acht bis zehn Woche hinweg tätig. Man steigt mit einer Woche Tagdienst (60 Stunden) ein, wechselt dann in ein anderes Tagdienstrad mit weniger Stunden. Dann folgen Nachtdienst-Wochen etc.

Der Konflikt schwelte lange dahin. Im September dieses Jahres schlug ein Mediationsversuch fehl. Daraufhin begannen die norwegischen Spitalsärzte mit ihrem Ausstand. Die Streikmaßnahmen starteten zunächst nur in einigen Spitälern, so zum Beispiel auch an der Universitätsklinik in Oslo, wurden dann aber Woche für Woche ausgeweitet. „Ausgenommen waren die Pädiatrie, die Notfallmedizin und die Onkologie. Der Streik begann in der ersten Woche des Dienstturnus, um dann mit dem Wechsel der Dienste nach jeweils einer Woche weiterzugehen“, erläutert Bratholm. Da in der Akademiker-Gewerkschaft neben den Spitalsärzten auch noch andere Berufe organisiert sind, beteiligten sich diese ebenfalls: zum Beispiel Physiotherapeuten oder auch Angehörige des Spitalsmanagements. „Schließlich waren 628 Beschäftigte im Streik. Er breitete sich auf 15 Krankenhäuser aus“, schildert die Ärztin. Erst zu diesem Zeitpunkt beendete „Spekter“ von sich aus alle Maßnahmen, die zum Ausstand geführt hatten. „Das bedeutet, dass jetzt wieder alles so wie vorher ist. Allerdings wird sich erst herausstellen, ob die Verantwortlichen wirklich endgültig von ihren Plänen für die Einzeldienstverträge abrücken. Es muss wieder verhandelt werden.“

Klärung erst 2017

Somit wird sich erst im kommenden Jahr bei den nächsten Kollektivvertragsverhandlungen herausstellen, wie die Diskussion rund um die Dienstzeitenregelungen in den norwegischen Spitälern ausgeht. Vorerst wurden die Attacken jedenfalls durch solidarisches Handeln abgewehrt. „Der Spitalserhalter hat zurückgezogen, als ein Risiko für die Patientenversorgung entstand“, berichtet Bratholm.

Für Norwegen jedenfalls war der Ärztestreik in den Kliniken eine neue Erfahrung: Zuletzt hatte es dort im Jahr 2008 einen kleinen und nur einige Tage dauernden Ausstand gegeben.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2016