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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 22 - 25.11.2016

Übergewicht: Prävention mit Evaluation


Übergewicht verursacht über 40 Prozent Mehrkosten für das Gesundheitssystem verglichen mit den Kosten für normalgewichtige Personen, so das Ergebnis einer US-amerikanischen Studie. Im Rahmen eines internationalen Symposiums Mitte November präsentierten Experten in Wien erfolgreiche Präventionsprojekte aus anderen Ländern. Von Marlene Weinzierl


Die steigende Prävalenz von Übergewichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen hat dramatische und epidemische Ausmaße angenommen. Diese Epidemie muss laut WHO eingedämmt werden“, erklärte Univ. Prof. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE), bei einer Pressekonferenz Mitte November in Wien.

Anlass dafür war das internationale Symposium „Prevention Models of Obesity and Cardiovascular Diseases“, das auf Initiative des ÖAIE stattgefunden hat. Übergewicht stelle laut WHO die weltweit größte gesundheitliche Herausforderung dar und sei ein wesentlicher Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes, wie Widhalm weiter ausführte.

Im Rahmen des internationalen Symposiums wurden erfolgreiche Präventionsprojekte von anderen europäischen Ländern vorgestellt, die nachweislich zu einer Verringerung von Übergewichtigkeit im Kindes- und Jugendalter beigetragen haben. „Viele europäische Nationen haben klare Konzepte, während in Österreich Prävention noch immer ein Stiefkind ist. Sie wird von der Öffentlichkeit nicht akzeptiert und im Gesundheitswesen werden nur ganz wenige Prozent des Budgets dafür ausgegeben“, kritisiert Univ. Prof. Otmar Pachinger, Präsident des Österreichischen Herzfonds. Andere EU-Staaten hingegen verfolgen mit ihren Präventionsmaßnahmen einen ganzheitlichen Ansatz. Neben Schulungen zu Ernährung und Bewegung zielt beispielsweise das Projekt EPODE in Frankreich auf die Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Umgebung für Kinder ab, indem es das private Umfeld sowie Politik und Wirtschaft miteinbezieht. Die Maßnahmen haben zu einer signifikanten Reduktion des Body-Mass-Index bei Jugendlichen und zur Verringerung von sozioökonomisch bedingten Gesundheitsproblemen beigetragen: Gesundheitliche Ungleichheiten zwischen Mittelschicht und Oberschicht etwa konnten um 50 Prozent reduziert werden.

Multidisziplinäre Schulprojekte zur Förderung von gesundem Essverhalten und körperlicher Aktivität haben zu einer Reduktion der Prävalenz von Übergewicht geführt: In Italien konnte die Prävalenz innerhalb von vier Jahren von 35,2 Prozent auf 32,3 Prozent gesenkt werden, in Spanien im Mittel um 3,2 Prozent. Italien ist durch Kooperationen mit der WHO auf vielen Ebenen aktiv und denkt etwa über eine Besteuerung von gezuckerten Getränken und eine politische Kontrolle von Fernsehwerbung nach. In Dänemark wiederum wurde in den Schule eine Stunde Aktivität pro Tag sogar gesetzlich verankert.

„Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen weltweit wie auch in Österreich die führende Todesursache dar“, betont Pachinger. „Wenn der Trend anhält und wir nicht aktiv eine Änderung herbeiführen, wird sich die Lebenserwartung in wenigen Jahren reduzieren. Es muss ein Paradigmenwechsel erfolgen – von der Therapie hin zur Prävention.“ Das Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil ist laut Univ. Doz. Ingrid Kiefer, Leiterin Risikokommunikation der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES), insgesamt gestiegen, aber: „Wissen allein reicht nicht. Wir merken, dass sich in den letzten Jahren am Verhalten der Österreicher in Richtung Gesundheitsorientierung trotz evidenzbasierter Ernährungsempfehlungen kaum etwas geändert hat.“ Ein wirksamer Mechanismus, um Konsumgewohnheiten der Menschen zu ändern, sei etwa die Regulierung von Verkaufspreisen, ergänzt Widhalm.

Erste Auswertungen des 2013 gestarteten Ernährungs- und Bewegungsprogramms EDDY zur Prävention von Übergewicht und Adipositas bei Wiener Kindern und Jugendlichen zeigten erstmals auch in Österreich, dass Interventionen bei Jugendlichen zwischen elf und 13 Jahren zu einer signifikanten Verbesserung des Ernährungswissens und des Ernährungsverhaltens führen. Während der Körperfettanteil in der Kontrollgruppe zunahm, stieg bei den Teilnehmern der Studie der altersbedingte Fettanteil weniger an. „Derartige Projekte werden allerdings nicht durch das Verteilen von Broschüren in Schulen initiiert“, betont Widhalm. „Hierzu braucht es Ärzte, Ernährungs- und Sportwissenschafter sowie Psychologen. Auch die Politik muss erkennen, dass Gesundheit etwas wert ist.“ Einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2006 zufolge verursacht Übergewichtigkeit jährlich mehr als 40 Prozent Mehrkosten für das Gesundheitssystem verglichen mit den Kosten für normalgewichtige Personen. „Dieser ökonomische Aspekt von Prävention werde in Österreich noch viel zu wenig diskutiert, resümiert Widhalm.


Empfehlungen des Weltärztebundes

Im Oktober 2016 hat die World Medical Association (WMA), der Zusammenschluss nationaler Ärzteverbände, Empfehlungen an die Politik formuliert, Maßnahmen in jedem Land zu setzen, um Übergewichtigkeit und kardiovaskulären Erkrankungen Einhalt zu gebieten. Ein Auszug:

  • Wirksame, umfangreiche Präventionsmodelle
  • Ansatz im Bildungs- und Gesundheitssystem
  • Investition in die Ernährungsbildung
  • Tägliche körperliche Aktivität muss zur Routine werden
  • Regulation des Lebensmittelkonsums über Verkaufspreise
  • Beschränkung der Werbung und Erwägung einer Besteuerung für nicht zur gesunden Ernährung beitragende Lebensmittel
  • Schulung von Ärzten, Ernährungswissenschaftlern und Gesundheitsexperten hinsichtlich Prävention und Therapie


www.wma.net




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2016