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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 23/24 - 15.12.2016

Im Gespräch: Franz Fischler


Die Gefahr des Schwarz-Weiß

Franz Fischler, Präsident des Europäischen Forums Alpbach, fordert eine neue Aufklärung und Antworten auf den Populismus der Gegenwart. Mögliche Lösungsansätze sieht er darin, Diskussionskultur zu entwickeln, Kompromisse nicht zu diskreditieren und einen systemisch-gesamthaften Denkansatz zu wählen. Das Gespräch führte Claus Reitan.


ÖÄZ: Welches Bild bietet sich Ihnen als erstes bei einem kurzen Blick auf Gesellschaft und Gegenwart? Welche Charakteristika sehen Sie?
Fischler: Es sind vor allem zwei Phänomene. Zum einen verläuft die politische Entwicklung in Österreich nicht anders als in anderen EU-Ländern, jedenfalls nicht dermaßen anders als wir uns das selbst oftmals einzureden versuchen. Wir sind Teil einer zunehmend globalisierten Welt, an den großen Schrauben wird anderswo gedreht. Österreich unterscheidet sich auch nicht von anderen Ländern, was das Ausmaß an Populismus betrifft. Davon sind nicht nur die populistischen Parteien befallen, sondern auch die traditionellen Parteien werden ständig populistischer. Das mag eine Reaktion auf Populisten sein – oder es ist ein Mangel an wirkungsvollen Konzepten gegen den Populismus. Bei uns hat das durch das Phänomen Jörg Haider nur früher begonnen. Zum anderen gibt es Umstände, in denen sich Österreich auch deutlich unterscheidet. Worin sich Österreich von anderen Ländern unterscheidet, ist unsere Tradition, Themen nicht mit 100 Prozent Einsatz anzugehen, sondern eher langsam und zögerlich. Es ist ein typisch österreichisches Phänomen, den Kompromiss bereits gefunden zu haben, noch ehe das Problem konkret benannt und präzise identifiziert ist.

Was kennzeichnet Populismus? Dass er dem Volk aufs Maul schaut, wie es heißt?
Das ist es nicht. Dem Volk aufs Maul geschaut hat auch Martin Luther, von dem dieser Satz stammt, der zwar auch ein Populist war, aber zusätzlich Großes geleistet hat. Populismus bedeutet, Probleme unserer Zeit unzulässig zu vereinfachen und Lösungen anzubieten, die zwar logisch klingen, in Wirklichkeit jedoch falsch sind oder nicht aufgehen. Das zweite und gefährlichere Charakteristikum des Populismus ist, ein für die Demokratie grundlegendes Prinzip zu ignorieren, nämlich das Bemühen der wesentlichen gesellschaftlichen Kräfte um einen Kompromiss. Das wird rasch als kompromisslerisch abgetan. Das Ringen um gemeinsame Lösungen wird nicht mehr als wesentliches Element unserer Demokratie begriffen. Es erfolgen keine Abwägungen, sondern rasche Abstimmungen. Für Minderheiten, Andersdenkende und differenzierte Fragen ist da kein Platz mehr. Es gibt nur noch Ja-Nein-Situationen, und das ist das Gefährliche am Populismus. Es war ein schwerer Fehler, die öffentliche Abwertung von Kompromissen zuzulassen.

Haben die Eliten versagt?
Es ist insofern ein Elitenversagen, als sich in der Vergangenheit die Eliten Nase rümpfend zurückgezogen haben und nicht in der Arena erschienen sind, in der die jeweiligen Auseinandersetzungen geführt wurden. Das ist etwa in Deutschland anders. Man geht dort stärker direkt aufeinander zu, führt mehr intellektuelle Auseinandersetzungen und eine stärker von Ethik angetriebene Diskussion, was mit dem deutschen Protestantismus zusammenhängt und mit dem Hanseatentum.

Die Ursache für den Mangel an Diskussionskultur vermuten manche in der Herrschaft der Habsburger, der Stellung der katholischen Kirche und im späten Einsetzen der Aufklärung.
Das ist eine zu sehr vereinfachende Darstellung. Österreich ist sicher eines der Länder der Gegenreformation, deren Wirkung teils bis heute anhält. Die Doktrin des Fürsten Metternich (1773-1859, Anm.), alles für das Volk aber nichts durch das Volk, ließ die Aufklärung im Volk tatsächlich zu kurz kommen und hat einen Überwachungsstaat hervorgebracht. Es gab jedoch auch eine sehr aufgeklärte Schicht, die zur intellektuellen Spitze Europas gehörte. Ich bin überzeugt davon, dass wir in der Demokratie angekommen sind, aber deren Kultur sowie jene der Auseinandersetzung weiterentwickeln müssen.

Kants Definition der Aufklärung könnte für die Ära der Digitalisierung und der Vernetzung doch lauten, den Mut zu haben, sich seines Verstandes ohne Anleitung aus dem Internet zu bedienen?
Das ist eine korrekte Beobachtung. Doch man bedient sich nicht nur aus dem Internet, sondern die Entscheidungsträger – für die unabhängiges Denken besonders bedeutsam wäre – bedienen sich auch der Berater, um nicht denken zu müssen. Der Unfug der Politik- und der Medienberatung ist ein Problem, ebenso dass sich die Politik weiters auf Umfragen beruft, um sich das Denken zu ersparen.

Daher das Gespräch des Europäischen Forums Alpbach 2016 über die ausdrücklich „neue“ Aufklärung?
Ja, wir haben bewusst eine „NEUE“ Aufklärung zum Thema gemacht, weil neue Ansätze erforderlich sind aufgrund der schon angesprochenen Umstände. Was bedeuten Digitalisierung und Internet für das selbstständige Denken? Welche neuen Denkansätzen benötigen wir in einer globalisierten Welt? Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass ein wesentlicher Teil der Welt sich heute als anti-aufklärerisch zeigt oder die Aufklärung zur Gänze ablehnt wie die Fundamentalisten im Nahen und im Mittleren Osten, aber auch manche Aussagen von Donald Trump und seinen Begleitern? Es wird nicht möglich sein, diese Haltungen einfach zu ignorieren, man muss dafür einen Modus vivendi entwickeln. Ein zusätzlicher Aspekt, der mit neuer Aufklärung verbunden ist, ist der Umgang mit Komplexität. Darin liegt eine Herausforderung ersten Ranges für das 21. Jahrhundert. Wie entrinnen wir dem Silo-Denken, dem Denken in vertikal angelegten Strukturen? Die Interdisziplinarität ist in der Wissenschaft unterentwickelt. Es bedarf zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik mehr an Transdisziplinarität. Systemische Denkansätze sind höchst notwendig.

Sollte die Medizin einen etwas mehr gesamthaften Blick auf den Menschen richten? Andersrum: Wie sehen Sie unser Gesundheitswesen?
Die Notwendigkeit des gesamthaften Blickes ist aus medizinischer Sicht nicht neu. Ganzheitsmedizin war bereits in der historischen Heilkunst und Heilkunde ein wesentliches Prinzip. Die medizinische Qualität des Gesundheitswesens ist aus meiner Sicht als Konsument sehr gut. Allerdings hält die Gesundheitspolitik noch zu sehr an der Reparaturmedizin fest und ist nicht darauf angelegt, Krankheiten erst gar nicht entstehen zu lassen. Hier fehlt es an einer gesamthaften Betrachtungsweise, beispielsweise in der Verbindung von medizinischer Betreuung und Ernährung oder mit dem Freizeitverhalten. Da lägen noch große Felder für das Kranken- und das Versicherungswesen brach. Meiner Ansicht nach sollten die nach Lebensweise unterschiedlichen Risiken im Versicherungswesen stärker berücksichtigt werden, nicht nur über den Preis von Zigaretten.

Direkt und dennoch diskret gefragt: Was ist das Gesündeste an Ihrem Leben?
Das Gesündeste? Ich gehöre zur Klasse der Politiker, die nicht im Rufe steht, besonders gesund zu leben, sonst müsste ich nicht ständig mit Gewichtsproblemen kämpfen. Für mich ist das Gesündeste, eine positive und optimistische Einstellung zum Leben und zur Welt zu haben.

Wie stand es darum während der Arbeitsjahre in Brüssel?
Da fing das Problem mit der Gesundheit schon an. Sie werden dort nicht gefragt, wie viele Jahre Sie schon in Brüssel sind, sondern wie viele Kilo.

Sie sagten damals, Sie ließen sich Ihren Schlaf nicht nehmen.
Das ist heute noch so. Gesunder Schlaf ist mir wichtig.


Zur Person

Franz Fischler promovierte 1978 an der Universität für Bodenkultur, Wien. Nach Lehrtätigkeit an der Universität Innsbruck wurde er Direktor der Landwirtschaftskammer Tirol (1985-1989), Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft (1989-1994), Mitglied der Europäischen Kommission von 1995-1999 und von 1999-2004 Präsident und Ehrenpräsident des Ökosozialen Forums. Seit 2012 ist er Präsident des Europäischen Forums Alpbach. Zahlreiche Publikationen, Vorträge sowie Ehrendoktorate und Auszeichnungen.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2016