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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 23/24 - 15.12.2016

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Zukunft gestalten

© Dietmar Mathis

Wer die Zukunft gestalten will, muss die Gegenwart verändern und wer nicht selbst gestaltet, für den werden andere gestalten. Zwei Lebensweisheiten, die auch für das Arztbild der Zukunft gelten.

Was ist das Wesen des Arztberufes, das Alleinstellungsmerkmal unserer Profession und unseres Angebotes an das Individuum und an die Gesellschaft? Was kann und will die nachrückende Ärztegeneration leisten, welches Arbeitsumfeld braucht und erwartet sie dazu? Legitime und wichtige Fragen. Höchst an der Zeit, sie zu stellen und auch zu beantworten. Schließlich werden mehr als 50 Prozent der Berufsangehörigen in den nächsten zehn Jahren das Berufsfeld räumen, wird der Generationssprung eine Änderung der Geschlechterverteilung in der Ärzteschaft bringen. Zudem unterscheiden sich die Lebensentwürfe der nachrückenden Generation wesentlich von denen der Baby-Boomer. Gleichzeitig wird der Bedarf an Gesundheitsleistungen weiter steigen.

Um Zukunft gestalten zu können, gehören zu Selbst- und Bedarfsanalyse auch der kritische Blick auf das politische und gesellschaftliche Umfeld. Korreliert dieses mit den Bedürfnissen und dem Angebot der Ärzteschaft? Ist deren qualitätsvolles Angebot weiterhin gewünscht oder soll die internationale Spitzenposition unseres Gesundheitssystems zur Mittelmäßigkeit zurück gespart werden? Soll die Freiberuflichkeit der Ärzteschaft zukünftig dem Diktat einer Gesundheitsbürokratie Platz machen? Auch um den Preis einer wachsenden Kluft zwischen sozialer Krankenversorgung und freiem Markt? Um den Preis, dass das Sachleistungssystem zentralisiert und vermehrt in Krankenanstalten angeboten wird? Scheinbar liefern der Politik neben den erwarteten Einsparungen auch der zunehmende Wunsch der Ärzteschaft nach Arbeit im Team und Sicherheit im Dienstverhältnis Argumente. Dabei wären Dienstverhältnisse und Teamarbeit natürlich auch in Einzelpraxen und Gruppenpraxen möglich, wenn man politisch nur wollte. Dass das nicht gewollt ist, zeigt das Festhalten am Anstellungsverbot, wie es im Gruppenpraxen-Gesetz festgeschrieben ist. Wesentlich für einen freien Beruf ist die Entscheidungsfreiheit, wie und welche Leistungen zu erbringen sind. Ebenso wesentlich für ein die Patientenrechte achtendes Gesundheitswesen ist die Wahlfreiheit für Patientinnen und Patienten. Zentralisierung, Verknappung des Angebotes und staatliche Uniformierung der Leistungserbringung konterkarieren die politischen Sonntagsreden von der Patientenautonomie in der Wahl von Versorgungseinrichtungen oder zwischen verschiedenen Behandlungsoptionen.

Der freie Beruf, das Alleinstellungsmerkmal des Arztberufs schlechthin, fordert viel von seinen Berufsangehörigen. Eine anspruchsvolle akademische Ausbildung, der engagierte postpromotionelle Praxiserwerb und das lebenslange Lernen, um am Stand der medizinischen Wissenschaft agieren zu können, bilden die Grundlage des Vertrauens der Patienten. Deshalb ist diese Ausbildung zu Recht mit Selbstbewusstsein einzufordern, ebenso ein adäquates Berufsumfeld, um die erworbenen Qualifikationen auch leben zu können. Zur Vertrauensstellung gehört auch der Schutz des Berufsgeheimnisses und die Verantwortung für das einzelne Individuum wie auch eine ausreichende ärztliche Handlungsautonomie zur Abwehr von Fremdinteressen.

Ausgerüstet mit diesen Grundlagen für den Arztberuf müssen die Rahmenbedingungen definiert werden, unter denen es den jungen Ärztinnen und Ärzten möglich wird, das erworbene Wissen und Können im Einklang mit ihren zeitgemäßen Lebensentwürfen bestmöglich umzusetzen. Hier gilt es, mutig neue Modelle zu entwickeln und Überholtes über Bord zu werfen. Auch auf die Gefahr hin, bei manchem, der jahrzehntelang sein Berufsmodell erfolgreich gelebt hat, Unverständnis zu erwecken. Letztlich müssen das Neue und Notwendige aber gemeinsam und vehement gegenüber der Politik vertreten werden, um Entscheidungen zu verhindern, die noch mehr bürokratische Kontrolle und staatlichen Einfluss bedeuten.

Mit der Veranstaltung „Wir sind die Zukunft“ hat die Kurie angestellte Ärzte heuer wieder einen wichtigen Impuls gesetzt. Ganz unter der Prämisse, dass Zukunft von denen gestaltet werden muss, die sie dann auch zu leben haben.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2016