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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 4 - 25.02.2016

Interview - Univ. Prof. Thomas Szekeres


„Es gibt verschiedene Engpässe“

Der Themenbogen ist weit: von der geplanten Überprüfung der ärztlichen Tätigkeit via Smartphone, dem mangelnden Interesse der Ärzte, in einem PHC zu arbeiten, über das Krankenhaus Nord bis hin zur Gerichtsmedizin. Der Präsident der Ärztekammer Wien, Univ. Prof. Thomas Szekeres, antwortet auf Fragen von Agnes M. Mühlgassner.


ÖÄZ: Die Ärztekammer Wien warnt schon seit Längerem vor Versorgungsengpässen in Wien. Was bemängeln Sie konkret?
Szekeres: Es kommt zu Personalengpässen bei Ärzten, dadurch ist eine Reihe von Nachtdiensträdern nicht besetzbar. Es gibt Engpässe bei den Anästhesien mit der Folge, dass planbare Operationen reduziert werden müssen wie zum Beispiel im Bereich der Orthopädie im Otto-Wagner-Spital, wo es zu signifikanten Reduktionen der Operationszahlen und dadurch zu längeren Wartezeiten kommt. Das haben wir natürlich auch öffentlich gemacht, wird aber durch die Generaldirektion des Krankenanstaltenverbundes einfach geleugnet.

Einige Aufregung hat es kurz vor Weihnachten gegeben nach der Ankündigung von KAV-Generaldirektor Janßen, in zwei Wiener Spitälern eine Art Smartphone einzuführen. Dabei sollten Ärzte im Nachtdienst alle 30 Minuten eingeben, was sie gerade tun. War die Ärztekammer darüber informiert?
Von den Ärzten beziehungsweise von der ärztlichen Vertretung war niemand informiert. Solche Geräte können zwar zur Anwendung kommen, aber nur mit Zustimmung der Betroffenen. Weder das Arbeitsverfassungsgesetz noch das Personalvertretungsgesetz der Stadt Wien erlaubt die Einführung und Benützung solcher Geräte ohne eine Zustimmung des Betriebsrats oder der Personalvertretung.

Große Veränderungen sind in der Krankenanstalt Rudolfstiftung geplant: Die Augenabteilung soll eine Schwerpunktabteilung für ganz Wien werden, die HNO-Abteilung wiederum angeblich ins Krankenhaus Nord übersiedeln. Unter den Ärzten herrscht große Verunsicherung.
Ja, es herrscht Verunsicherung. Wir wissen auch nur gerüchteweise, dass man die HNO zusperren und absiedeln möchte, was etwas verwundert, weil es eine sehr gut funktionierende Abteilung ist.

Es entsteht der Eindruck, dass in Wien die Gesundheitsversorgung insgesamt eher heruntergefahren als ausgebaut wird.
Ja, die Spitäler werden heruntergefahren und die Kassenverträge in Wien werden eher reduziert als vermehrt, obwohl die Stadt jedes Jahr um 30.000 Menschen wächst. All das führt natürlich zu einem Engpass und verstärkt in die Privatmedizin. Offensichtlich ist das etwas, was bis jetzt zwar offiziell nicht beabsichtigt war seitens der Stadt Wien, aber in Zukunft akzeptiert wird, weil man Geld sparen möchte. Aber dann muss man das auch sagen: Hunderttausende armutsgefährdete Wienerinnen und Wiener werden in Zukunft nicht die medizinische Versorgung bekommen, die sie bis jetzt erhalten haben.

Die Wiener Gesundheitsstadträtin hofft auf PHC-Zentren. Allerdings wurde das PHC beim Donauspital bereits zum dritten Mal ausgeschrieben – erfolglos.
Eine Schwierigkeit beim PHC Donauspital ist, dass es ausgeschrieben wurde und sich die einzelnen Partner im Rahmen dieser Ausschreibung finden sollen. Wenn ich eine Ordination gemeinsam mit Partnern eingehe, dann bin ich mit diesen noch viel mehr verbunden als im Rahmen einer Ehe und eine Trennung wäre existentiell fatal. Der sinnvollere Approach wäre, dass man zuerst Partner sucht, die gemeinsam in einer Gruppe agieren, die eine Gruppenpraxis haben und die dann zu einem PHC aufgewertet wird. Aber ganz grundsätzlich sehe ich große Probleme bei der Finanzierbarkeit von Gruppenpraxen und/oder PHCs. Die finanzielle Lage der Stadt Wien ist nicht wirklich rosig, es hat noch nie so ein hohes Defizit gegeben.

Wie ist derzeit Ihre Gesprächsbasis mit der Gesundheitsstadträtin?
Es gibt keinen Gesprächskontakt. Ich habe sie seit circa einem Jahr nicht mehr gesprochen.

Themenwechsel: Wie ist aktuell die Situation rund um die Gerichtsmedizin?
Die hat man in Wien leider zerstört. Van Swieten hat unter Kaiserin Maria Theresia die Gerichtsmedizin in Wien gegründet. Aber so wie es im Augenblick aussieht, wird es sie in naher Zukunft nicht mehr geben. Es gibt keine Ausbildung und kaum Ressourcen. Für mich ist es vollkommen unverständlich, warum man hier so agiert. Meiner Meinung nach sollten Innenministerium, Justizministerium, Wissenschaftsministerium und auch das Gesundheitsressort Interesse an einer funktionierenden Gerichtsmedizin haben. Ich halte es für unverzeihlich, dass man die Gerichtsmedizin an die Wand fährt – wahrscheinlich auch aus Unverständnis und Ignoranz. Ich glaube, dass die Bedeutung der Gerichtsmedizin nicht verstanden wird.

Das Krankenhaus Nord droht zu einer ‚never-ending’ Baustelle zu werden. Die Kosten steigen und steigen, mit einer Eröffnung in nächster Zeit ist nicht zu rechnen.
Eine Voraussetzung für die Verlagerung von Leistungen innerhalb Wiens ist, dass das Krankenhaus Nord fertig wird. Wir werden sehen, ob und wann es wirklich fertig wird. Ganz grundsätzlich werden aber in allen Wiener Spitälern in der nächsten Zeit sicherlich hohe Investitionen in bauliche Maßnahmen notwendig sein. Das allein wird aber nicht reichen: Meiner Meinung nach wird es auch notwendig sein, Ärztinnen und Ärzte anzuziehen und sie auch zu halten. Dazu gehört neben der Bezahlung auch eine entsprechende Wertschätzung, die ich seitens der Politik im Moment sehr vermisse.

Ein thematischer Schwerpunkt der Ärztekammer Wien ist die Verfolgung von Ärztinnen und Ärzten in der NS-Zeit. Warum dieses Engagement?
Wir haben jetzt noch ein paar Zeitzeugen beziehungsweise Kinder von Zeitzeugen und dadurch die letzte Möglichkeit, authentisch zu erfahren, was passiert ist. Begonnen hat alles mit einem Buchprojekt, im Rahmen dessen aufgearbeitet wird, was mit Ärztinnen und Ärzten zwischen 1938 und 1945 geschehen ist. Dabei hat sich herausgestellt, dass die überwiegende Mehrzahl der Wiener Ärzte aufgrund der Tatsache, dass sie sehr früh ein Berufsverbot bekommen haben, Österreich verlassen konnten und dadurch mit dem Leben davongekommen sind. Allerdings ist es insbesondere auf den Universtäten und insgesamt im Gesundheitsbereich durch diese Vertreibung zu einem massiven Einbruch gekommen - sowohl bei der Routine-Versorgung als auch bei der Wissenschaft auf der medizinischen Fakultät der Universität. Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, zu schauen, was damals passiert ist, um das entsprechend aufzuarbeiten.


Ärztekammer Wien: Umfrage zum KA-AZG

Ein Jahr nach der Umsetzung der Novelle des KA-AZG im Jänner 2015 hat die Wiener Ärztekammer unter allen Wiener Spitalsärzten eine Umfrage dazu durchgeführt. Knapp 7.400 Ärzte wurden von einer unabhängigen Beratungsfirma befragt; 2.090 Ärzte nahmen daran teil (28,3 Prozent). Von Marion Huber

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 87 Prozent aller befragten Ärzte gaben an, dass sie eine Verschlechterung der Patientensituation beobachten; im KAV waren es sogar 90 Prozent.
  • Rund 80 Prozent der Ärzte gaben an, dass sich die Wartezeiten für OP-Termine und in Ambulanzen verlängert hätten. 32 Prozent der Ärzte sehen eine „deutliche Verlängerung“.


Auch auf die Arbeit der Spitalsärzte wirkt sich das neue KA-AZG aus:

  • 65 Prozent der Ärzte stellten fest, dass der administrative Aufwand in den Abteilungen zugenommen hat.
  • 74 Prozent der Befragten glauben, dass sich die Ausbildung nach Einführung des neuen KA-AZG verschlechtert hat.
  • 81 Prozent gaben an, dass der Arbeitsaufwand gestiegen ist; im KAV sind es sogar 84 Prozent.


Univ. Prof. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer Wien, zu den Ergebnissen: „Das sind höchst alarmierende Zahlen. Hier muss dringend gegengesteuert werden.“ Die Ärztekammer fordert die rasche Aufstockung des ärztlichen Personals, die Reduktion des administrativen Aufwands sowie die Umsetzung der Zentralen Notaufnahmen. Szekeres: „Die Verantwortlichen müssen jetzt reagieren.“




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 4 / 25.02.2016