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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 4 - 25.02.2016

kurz & informativ: Medizinische Kurzmeldungen (25.02.2016)


Gehirnerschütterung verdreifacht Suizidrisiko

Nach einer Gehirnerschütterung steigt das Suizidrisiko einer kanadischen Studie zufolge um das Dreifache; das Risiko ist noch größer, wenn sich die Gehirnerschütterung an einem Wochenende ereignet. Bei Männern ist die Suizidrate demnach doppelt so hoch wie bei Frauen. Die Forscher der Universität Toronto untersuchten die Krankengeschichte von 235.110 Patienten in der kanadischen Provinz Ontario, die innerhalb von 20 Jahren eine Gehirnerschütterung erlitten. Das Durchschnittsalter betrug 41 Jahre. Die Ergebnisse bestätigen frühere Untersuchungen, wonach Gehirnerschütterungen dauerhafte physiologische Veränderungen wie eine Störung im Serotonin- Haushalt auslösen. In Kanada gibt es jährlich 400.000 Fälle von Schädel-Hirn-Trauma; in den USA vier Millionen. In beiden Ländern gehört Suizid zu den häufigsten Todesursachen: 2010 waren es in Kanada 3.951, in den USA 38.364 Fälle.
APA/Canadian Medical Association Journal


Cholera: Vermehrung blockieren

Wie sich Cholera-Erreger im menschlichen Darm ernähren, haben US-amerikanische Forscher gemeinsam mit Forschern der Uni Graz herausgefunden. Vibrio cholerae können extrazelluläre DNA aus dem Darm ihrer Wirte in Nukleotide aufspalten. Diese enthalten Phosphate, Stickstoff und Kohlenstoff – und damit wichtige organische Nährstoffe für das Bakterium. Mithilfe von drei unterschiedlichen Enzymen werden Phosphate aus den Nukleotiden gewonnen. Die gespaltenen Phosphate (Nukleotide) gelangen durch drei Nukleosidaufnahme-Systeme ins Bakterium. Hier wollen die Grazer Forscher ansetzen, indem sie die „Fresssysteme“ blockieren und so die Erreger hindern, sich zu vermehren.
APA/Molecular Microbiology


Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura: neuer Antikörper

Wissenschafter der MedUni Wien haben einen monoklonalen Antikörper gegen thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP) entwickelt. Das Medikament wird unter die Haut injiziert und blockiert gezielt die Wechselwirkung von Plättchen mit dem von-Willebrand-Faktor. Wegen der überschießenden Aktivität des von-Willebrand-Proteins kommt es zur Bildung von Blutgerinnseln und in der Folge zu Nierenversagen, zum Insult oder Myokardinfarkt. In der Akutphase ist TTP schwer behandelbar; zehn bis 20 Prozent der Patienten sterben.
APA/New England Journal of Medicine


Cholesterin reduziert allergische Reaktionen

Cholesterin drosselt die Aufnahme von Kalzium in Zellen und vermindert so allergische Reaktionen. Das haben internationale Forscher um Isabella Derler und Christoph Romanin vom Institut für Biophysik der Universität Linz herausgefunden. Sie haben chemisch das Cholesterin in den Membranen von Nieren- und Immunsystemzellen verringert und die Aktivität der Kalzium Kanäle Orai1 beobachtet. Ein niedriger Cholesterinspiegel in den Membranen führte zu einer erhöhten Aktivität der Orai1 und dadurch zu einem erhöhten Kalzium-Einstrom. Daraufhin schütten Mastzellen u.a. vermehrt Histamin aus. Damit Cholesterin den Kalzium-Einstrom hemmen kann, muss es direkten Kontakt mit dem Orai1-Kanal aufnehmen. Wird durch Mutationen an Orai1 verhindert, dass es Cholesterin binden kann, ist die Aufnahme von Kalzium ebenso erhöht. Dies könnte erklären, warum Patienten mit gestörter Cholesterinsynthese anfälliger für Allergien sind.
APA/Science Signaling


Antibiotika-Resistenzen nehmen weiter zu

Die Resistenzraten von Bakterien gegen Antibiotika nehmen in der EU weiter zu. Das bestätigt ein neuer Bericht des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle (ECDC) und der Europäischen Behörde für Ernährungssicherheit (EFSA). Am häufigsten rufen Campylobacter-Keime – vor allem von Geflügel, anderem Fleisch und daraus hergestellten Produkten – nahrungsmittelbedingte Infektionen hervor. In Masthühnern wurden Resistenzraten gegen Ciprofloxacin von knapp 70 Prozent festgestellt, in Proben von Menschen Raten von bis zu 60 Prozent. Bei Salmonellosen wurden bei Patienten Resistenzraten von rund 30 Prozent gegen Tetrazykline, Sulfonamide und Ampicillin festgestellt – ähnlich hoch wie bei Proben aus Geflügel. Auch multiresistente Salmonellen traten bei etwa einem Viertel der Patienten und bis zu 30 Prozent bei Masthühnern und Truthähnen auf. Ein weiteres, im Bericht thematisiertes Problem: Resistenzen von E. coli gegen Colistin sowie von Salmonellen und E. coli gegen Cephalosporine der dritten Generation und Carbapeneme.
APA


Drei Monate postoperativ: jeder Vierte hat Schmerzen

Rund 25 Prozent der Patienten entwickeln postoperativ chronische Schmerzen. Das zeigt eine aktuelle Studie von Univ. Prof. Burkhard Gustorff von der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin des Wiener Wilhelminenspitals. Befragt wurden mehr als 300 Patienten mit geplanten allgemeinchirurgischen Eingriffen in Vollnarkose vor der Operation, unmittelbar nach dem Eingriff im Aufwachraum und drei Monate danach. Insgesamt hatten etwa ein Drittel der Patienten schon vor der Operation Schmerzen, 25 Prozent bereits länger als drei Monate. Im Aufwachraum litten 84 Prozent der Patienten unter Schmerzen; am ersten Tag nach der Operation waren es 58,9 Prozent. Mehr als 25 Prozent der Patienten hatten auch noch drei Monate nach dem Eingriff Schmerzen im Operationsgebiet, davon etwa die Hälfte moderate bis starke Symptome.
APA


Borreliose: Zecken-Genom entschlüsselt

Ein internationales Forscherteam hat in Zusammenarbeit mit Forschern des Swiss Institute of Bioinformatics das Genom der Hirschzecke (Ixodes scapularis) entschlüsselt und dabei Proteine identifiziert, die Angriffspunkte zur Bekämpfung von Krankheiten wie Borreliose sein könnten. Diese Proteine sind an der Interaktion zwischen Hirschzecke und Borrelia burgdorferi sowie anderen Krankheitserregern beteiligt. So erfolgt die Infektion, indem die Zecke beim Biss mit ihrem Speichel Krankheitserreger in die offene Wunde überträgt. Die Hirschzecke ist in den USA der Hauptüberträger der Borreliose; in Europa ist es der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus). Die Grundprinzipien der Übertragung dürften aber ähnlich sein.
APA/Nature Communications


Schädliche Dämpfe in Flugzeugkabinen

Neben den bereits bekannten Organophosphaten könnten flüchtige organische Verbindungen sowie deren Abbauprodukte in der Luft von Flugzeugkabinen das Nervensystem sowie das Herz-Kreislauf-System angreifen. Das haben Forscher der Universität Göttingen herausgefunden. Fast drei Jahre lang wurden Blut- und Urinproben von mehr als 140 Patienten – die meisten davon Flugpersonal –, die über Beschwerden klagten, unmittelbar nach Flügen untersucht. Flüchtige organische Verbindungen könnten in den Turbinen bei starker Hitze aus Kerosin, Ölen oder Enteisungsmitteln freigesetzt werden und über undichte Stellen im Triebwerk in die Zapfluft gelangen. In fast allen Passagierflugzeugen wird die Kabinenluft aus den Triebwerken abgezapft. Mit den neuen Erkenntnissen soll das Krankheitsbild des bisher umstrittenen aerotoxischen Syndroms genauer umrissen werden. Sogenannte „Fume Events“ sind bereits seit den 1950er-Jahren beschrieben. So gab es etwa 2010 einen Zwischenfall, bei dem Pilot und Co-Pilot während der Landung Sauerstoffmasken aufsetzen mussten, weil ihnen von scharfem Brandgeruch übel geworden war.
APA



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 4 / 25.02.2016