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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 8 - 25.04.2016

Standpunkt - Vize-Präs. Karl Forstner


Nationale Strategie?

© AEK für Salzburg

Niemand sollte daran zweifeln: Das österreichische Gesundheitssystem wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vor erheblichen Herausforderungen stehen. Das sei nicht neu und schon gar nicht originell, mag man meinen, wenn man die Vergangenheit betrachtet. Zugegeben: Veränderungen, wie wir sie derzeit mit einer faszinierenden wissenschaftlichen und technologischen Dynamik erleben, sind der Medizin immanent. Und die damit einhergehende Kostenentwicklung wird seit langem von der Politik beklagt. Dennoch, ganz unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, tritt zunehmend eine seit langem absehbare, fordernde Komponente für das Gesundheitswesen in den Vordergrund. Der Zuwachs an Lebenserwartung und die Entwicklung der Geburtenrate im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts verändern den Generationenmix der Vergangenheit mit einem überwiegenden Anteil an jüngeren Menschen zugunsten einer deutlichen Vermehrung älterer Menschen. Mit dieser Entwicklung wird naturgemäß der Bedarf der Gesellschaft nach medizinischen Leistungen dramatisch steigen.

Der Ressourcenbedarf dieses Bevölkerungssegments wird unsere Gesellschaft einerseits ökonomisch massiv herausfordern, andererseits droht ein spürbarer Mangel sowohl an Ärzten als auch im Pflegebereich. Diese Entwicklungen sind im Grundsatz nicht mehr umkehrbar, sie sind aber in Grenzen gestaltbar.

Eine der zentralen Überlegungen ist hier die Komprimierung von Krankheitsereignissen in fortgeschrittene Lebensabschnitte und somit ein Zugewinn von „gesunden Lebensjahren“. Diese Modellierung soll vor allem durch Gesundheitsvorsorge, insbesondere durch einen gesundheitsfördernden Lebensstil, unterstützt und erreicht werden. Diese Zielsetzung findet selbstverständlich die volle Unterstützung der Ärztinnen und Ärzte. Aber die derzeitige Praxis zeigt auch auf diesem Sektor die grundsätzliche Schwäche unseres Gesundheitssystems: Zersplitterung von Kompetenzen, divergierende Interessenslagen, beschränkte Koordination und letztlich auch mangelnde Ressourcen - gemessen an vergleichbaren Systemen. Trotzdem: Das Bemühen ist erkennbar. So unterstützt die Sozialversicherung über 300 Projekte im Präventionsbereich. Auch mit Wohlwollen drängt sich hier schon der Vergleich mit der Gießkanne auf. Denn wo ist sie denn erkennbar, die „nationale Strategie“, wo sind die - zugegebenermaßen schwierig zu definierenden - Erfolgsparameter?

Dabei gäbe es mögliche Erfolgsgeschichten, die nahezu offen auf dem Tisch liegen könnten, hielte man sie nicht in den Schubladen bürokratischer Ignoranz zurück. Seit Jahren sammeln Österreichs Schulärztinnen und Schulärzte umfangreiche Daten über den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen. Daten, die dringend zur Entwicklung von gezielten, alters-, geschlechts- und sozialspezifischen Konzepten gefragt wären. Fehlanzeige!

Der einzige Nutzen, der aus dieser Vorgangsweise erzielt wird, ist jener, dass der überbordende Administrationsmoloch eine weitere Facette erhält, jedoch ohne dadurch einen Benefit zu erlangen oder gar Rückschlüsse auf allfällige notwendige Maßnahmen, die es zu setzen gilt, gezogen würden. In ähnlicher Weise werden bei der Vorsorge Unmengen von Daten gesammelt – ohne weitere Erkenntnisse abzuleiten. So funktioniert Österreich. Es könnte aber auch anders sein: Im Sinn der viel strapazierten Health in All Policies könnten die Vertreter der zuständigen Ministerien die Herausforderung Prävention anpacken und eine einzige – völlig ausreichende – nationale Strategie starten.


Karl Forstner
1. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2016