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ArchivÖÄZ 2016ÖÄZ 9 - 10.05.2016

Leserbrief


Hausapotheken: „Medizin aus einer Hand“

Zu den Aussagen von Thomas Czypionka, Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), wonach „Überverordnungen“ der Hausapotheken-führenden Ärzte die öffentliche Hand belasten könnten, ist folgender Leserbrief eingelangt.


Als ein Betroffener – sowohl als Hausapotheken-führender Allgemeinmediziner, als auch als zuständiger Funktionär der ÖÄK – möchte ich Stellung dazu nehmen, nicht auf hochwissenschaftlicher Studienebene, sondern leider nur aus täglicher praktischer Sicht seit nahezu 35 Jahren landärztlicher Tätigkeit. Ich empfinde es schon als eine Unterstellung, dass Hausapotheken-führende Ärztinnen und Ärzte grundsätzlich „überverordnen“ und somit die öffentliche Hand schädigen. Soweit mir bekannt ist, verordnen Hausapotheker, die ja wie alle anderen niedergelassenen Ärzten zu einer von der Sozialversicherung kontrollierten „Medikamenten-Ökonomie“ verpflichtet sind, nicht teurer als Nicht-Hausapotheker - dies stellt auch der Hauptverband der Sozialversicherungsträger fest. Vergleiche mit der nicht vergleichbaren Schweizer Versorgungssituation halte ich für wissenschaftlich unhaltbar und tendenziös.

Natürlich hat ein Hausapotheker kein Vollsortiment auch mit Kosmetika, allerlei Natur- und Alternativheilmitteln, Babynahrung bis hin zu Photoartikeln. Dafür erhalten die Patientinnen und Patienten die Medikamente, die sie wirklich benötigen mit der entsprechenden medizinischen Expertise - „Medizin aus einer Hand“ auch im Sinne von one-stop one-shop. Teure und/oder seltene Arzneimittel werden ebenso besorgt wie auch in einer öffentlichen Apotheke und werden - falls erforderlich - auch zugestellt. Von einer Verschiebung zu Gunsten der Hausapotheken kann auch nicht gesprochen werden. Wie Herr Czypionka sicherlich weiß und bei seiner Versorgungsstudie berücksichtigt hat, sind in den letzten Jahren deutlich mehr als 100 Hausapotheken durch Neu-Eröffnung von öffentlichen Apotheken geschlossen worden. Dass damit die Diskussion um die landmedizinische Versorgung sehr verschärft wurde, ist wohl evident. Und dass ausgerechnet diese öffentlichen Apotheken in ländlichen Gebieten ökonomische Probleme haben, erklärt die Apothekerkammer neuerdings verstärkt.

Zuletzt würde ich mir auch eine derartig eindeutige IHS-Studie wünschen, die auf die äußerst problematische Lage der erwähnten Landmedizin hinweist - und die auch deren Ursachen und eventuelle Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.


Dr. Gert Wiegele
Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin in der ÖÄK
Referent für Hausapotheken und Landmedizin der ÖÄK



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2016