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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 10 - 25.05.2017

Primärversorgung: Der holländische Patient


Das niederländische Gesundheitssystem mit seiner starken Betonung der hausärzlichen Primärversorgung gilt vielen als Vorbild für Österreich. Die Topografie macht dort aber vieles leichter, die Kosten für die Gesundheitsversorgung sind höher als in Österreich und der Output ist ähnlich. Eindrücke einer Studienreise. Von Martin Novak


Den höchsten Berg des Königreichs der Niederlande kennen wohl nur wenige Holländer. Er liegt gut 8.700 Kilometer von Amsterdam entfernt auf der Karibikinsel Saba und ist auch nur 877 Meter hoch. Da ist der 3.798 Meter hohe Großglockner den Niederländern um ein Vielfaches näher – fast 1,9 Millionen niederländische Touristen wählten laut Statistik Austria im letzten Jahr Österreich als Urlaubsziel. Nach den deutschen Gästen bilden sie damit die zweitgrößte Gruppe.

Eine steirische Delegation, die rund 20 Vertreter aus Politik, Gesundheitsverwaltung, Ärztekammer, Sozialversicherung und Medien umfasste, sorgte für ein wenig Ausgleich in der Tourismusbilanz. Sie befasste sich aber nicht mit den landschaftlichen Schönheiten der Niederlande, sondern mit seiner Gesundheitsversorgung. Die ist im weitgehend urbanen, flachen und dichtest besiedelten Land Europas recht einfach zu organisieren. Rund 100 Einrichtungen („Huisartsenposten“), die ähnlich organisiert sind wie der Wiener Ärztefunkdienst und der Ärztenotdienst in Graz, reichen aus, um die bereitschaftsärztliche Versorgung in der Nacht weitgehend flächendeckend sicherzustellen.

Das tun sie von 17 Uhr weg bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr. Ab fünf Uhr nachmittags haben die 5.000 allgemeinmedizinischen Praxen (nach Angaben des Dutch College of General Practitioners NHG 50 Prozent Einzelpraxen, 35 Prozent Zwei-Ärzte-Ordinationen und 15 Prozent mit drei oder mehr Ärzten) geschlossen.

Ohne Überweisung geht nichts

Was aber nichts daran ändert, dass die gesamte niederländische Gesundheitsversorgung strikt über Hausärzte organisiert ist. Ohne Überweisung vom „huisarts“ geht - außer im lebensbedrohlichen Notfall - nämlich gar nichts. Und auch in diesem Fall läuft die Entscheidung für eine etwaige Krankenhauseinweisung über die hausärztliche Telefon-Triage.

Billig ist dieses niederländische Gesundheitssystem dennoch nicht. Die gesamten Gesundheitsausgaben machen 10,8 Prozent des BIP aus, die öffentlichen 8,5 Prozent. In Österreich sind es zum Vergleich 10,4 beziehungsweise 7,9 Prozent (Zahlen aus „Health at a Glance 2016“/OECD). Auch der Patient muss in den Niederlanden wenig überraschend tiefer in die Tasche greifen als in Österreich. Der Beitrag für die staatlich regulierte Grundversorgung, die in den Niederlanden über jährlich wechselbare private Krankenversicherungen läuft, ist etwa deutlich höher als in Österreich. Dazu kommt ein monatlicher Fixbetrag von rund 90 bis etwa 240 Euro – je mehr bezahlt wird, desto größer sind die Wahlmöglichkeiten und desto geringer die spezifischen Selbstbehalte. Und dann gibt es noch den allgemeinen Selbstbehalt von 385 Euro pro Jahr, der fällig wird, wenn ein Patient fachärztliche oder Spitalsbetreuung in Anspruch nimmt.

Aber die Holländer lieben offenbar ihre Gesundheitsversorgung: Seit 2008 liegen die Niederlande unangefochten an der Spitze des European Health Consumer Index, während Österreich seine Spitzenposition aus dem Jahr 2007 dort verloren hat. Die Verantwortlichen für den Report erklären den Erfolg der Niederlande damit, dass „Politiker und Bürokraten“ in den Niederlanden „weiter von operativen Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung entfernt scheinen als in fast jedem anderen europäischen Land“.

Lebenserwartung annähernd gleich

Die Output-Zahlen der OECD zeigen ein weit weniger klares Bild: Die Lebenserwartung der Niederländer ist etwa gleich hoch wie die der Österreicher. Die Zahl der per Befragung erhobenen gesunden Lebensjahre (Healthy Life Years/HLE) ist zwar etwas höher als die in Österreich, die beiden Länder liegen aber in der gleichen Gruppe, wie der Arzt und Public-Health-Experte Franz Piribauer betont, der die steirische Delegationsreise in die Niederlande fachlich betreut hat.

Dass die Niederländer durchgehend gesundheitsbewusst leben, kann man auch nicht behaupten, wie die Public-Health-Daten eines Gesundheitszentrums in der 60.000-Einwohner-Stadt Nieuwegein zeigen: Demnach sind 76 Prozent der Einwohner nicht fit genug, 53 Prozent haben Übergewicht, 24 Prozent rauchen, 46 Prozent haben ein hohes Risiko, eine Depression oder Angststörung zu entwickeln. Jan Joost Meijs, Inhaber des Zentrums, beklagt auch, dass seine Einrichtung mehr ein Krankheitsals ein Gesundheitszentrum sei.

Auch wenn Gesundheitsförderung und Prävention kaum Bestandteil der Grundversorgung ist, gibt es doch eine Vielzahl von Programmen, die als Projekte öffentlich finanziert werden. Was aber auffällt: Das Teamwork zwischen Hausärzten, Pflege und anderen Gesundheitsberufen geht sehr unkompliziert vonstatten, auch wenn der Zugang zu Physiotherapie und anderen Gesundheitsleistungen versicherungsmäßig begrenzt ist.

Die Organisationsformen für Gesundheits- und Hausarztzentren sind wenig reglementiert – es gibt unterschiedlichste Formen der strukturellen Zusammenarbeit. So ist jedes der fünf Zentren in Nieuwegein anders strukturiert. Alle befinden sich aber in privaten Händen, nicht nur aber vorwiegend von Ärzten, die in den Zentren selbst tätig sind. Generell ist die Bereitschaft zur Selbstorganisation groß. Übergeordnete Organisationen auf regionaler und nationaler Ebene werden von den Ärzten selbst getragen.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2017