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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 11 - 10.06.2017

Ausländische Medizinabsolventen


Die meisten gehen weg

Acht von zehn Deutschen, die in Österreich ihr Medizinstudium absolvieren, verlassen das Land innerhalb von drei Jahren nach Abschluss. Das gilt auch für viele Absolventen aus anderen EU-Ländern und Drittstaaten. Die Zahlen haben auch die EU-Kommission überzeugt: Die Quote für das Medizinstudium bleibt aufrecht. Von Marion Huber


Das für das Medizinstudium geltende Quotensystem ist berechtigt und angemessen, um das öffentliche Gesundheitssystem in Österreich zu schützen, und darf daher beibehalten werden“ – so entschied die EU-Kommission erst kürzlich zugunsten der Medizin-Quote in Österreich. Die Daten, die Österreich der EU-Kommission zur Entscheidungsfindung vorgelegt hat, haben auch die Brüsseler Behörde überzeugt: um einen Ärztemangel in Österreich zu verhindern, braucht Österreich die Quote. Gäbe es sie nicht, würden bis 2030 rund 3.500 Ärztestellen im österreichischen Gesundheitssystem fehlen – das zeigen Berechnungen der ÖÄK, die der jüngst zurückgetretene Wissenschaftsminister und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) für die Argumentation zitierte.

Quote gegen Ärztemangel

Die ÖÄK hat die Bemühungen zur Verlängerung der Quotenregelung stets unterstützt. „Sie ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Ärztemangel“, zeigte sich ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger über die Verlängerung erfreut. Dennoch sei es mit der Beibehaltung der Medizin- Quote allein nicht getan: „Um den Bedarf langfristig zu decken, brauchen wir mehr Studienplätze sowie attraktivere Rahmenbedingungen, damit wir gut ausgebildete junge Menschen nicht verlieren“, fügte Bundeskurienobmann der Angestellten Ärzte, Harald Mayer, hinzu.

Wie sehr Österreich von der Abwanderung von ausländischen Medizinabsolventen betroffen ist, machte der kürzlich von der Statistik Austria erstellte Bericht „Bildung in Zahlen 2015/16“ deutlich. Ganze 84 Prozent der Deutschen, die hierzulande ihren Medizin-Abschluss gemacht haben, haben Österreich in den darauffolgenden drei Jahren wieder verlassen.

Aber nicht nur die deutschen Staatsangehörigen kehren Österreich den Rücken; Auch der Großteil der Absolventen aus anderen EU-Ländern (68,6 Prozent) und aus Drittstaaten (59,6 Prozent) geht innerhalb von drei Jahren nach Abschluss ins Ausland. Das zeigt die Analyse des Abschlussjahrgangs 2010/11. Zum Vergleich: Von den österreichischen Medizin- Absolventen sind nur etwas mehr als acht Prozent innerhalb von drei Jahren weggezogen. Umgekehrt bedeutet das: Während rund 93 Prozent der österreichischen Absolventen drei Jahre nach Abschluss ihren Hauptwohnsitz in Österreich haben, sind es unter den deutschen nur knapp 17 Prozent.

Sogar innerhalb eines Jahres lag die Quote der deutschen Absolventen, die Österreich verließen, bei 80,3 Prozent (2010/11), innerhalb der ersten zwei Jahre nach Abschluss bei 81,5 Prozent. Ein nicht unbedeutender Nebenaspekt: Für den untersuchten Zeitraum von 2008/09 bis 2012/13 zeigte sich insgesamt ein steigender Trend bei den Wegzügen nach einem Jahr.

Was die Auswertung noch zeigt: Im Ausbildungsfeld Gesundheits- und Sozialwesen sind insgesamt die höchsten Wegzugsraten unter allen österreichischen Absolventen zu finden. Zu diesem Feld zählen neben Human- und Zahnmedizin auch noch Medizinische Dienste, Krankenpflege u.ä. Dazu heißt es im Bericht, dass „vor allem auch die Absolventen eines Medizinstudiums zu den hohen Wegzugsraten im Ausbildungsfeld Gesundheits- und Sozialwesen beitragen“. Im Vergleich zu anderen Studienrichtungen fällt hier auf, dass selbst die Österreicher nach einem Diplomstudium Humanmedizin relativ häufig weggehen. Innerhalb von drei Jahren nach dem Abschlussjahr 2010/11 wird mit 8,4 Prozent der höchste Wert erreicht. Dennoch ist die Zahl der deutschen Wegzüge ungeschlagen: Sie ist mehr als zehnmal so hoch wie jene der Österreicher.

Auch Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner hat kürzlich den Bedarf an Ärzten zu einer ihrer Prioritäten erklärt. Weil es von verschiedenen Stellen unterschiedliche Statistiken gebe, habe sie den Auftrag erteilt, die Datenlage zu präzisieren: Wie viele Medizin-Absolventen gibt es tatsächlich? Wie viele werden Allgemeinmediziner, wie viele Fachärzte? Wie viele gehen aus Österreich weg? Wissen will die Gesundheitsministerin etwa auch, warum Absolventen nach ihrem Studium Österreich verlassen. Einen ersten Bericht soll es bis Ende Juni dieses Jahres geben.

Diese hohen Wegzugsraten an Absolventen waren und sind vonseiten Österreichs das Argument für die Beibehaltung der Quotenregelung, die für das österreichische Medizinstudium gilt. Dadurch sind 75 Prozent der Studienplätze für Bewerber mit einem österreichischen Maturazeugnis reserviert. 20 Prozent gehen an EU-Bürger und fünf Prozent an Nicht-EU-Bürger. Die Medizin-Quote war 2006 als Maßnahme gegen den Zustrom deutscher Numerus-Clausus-Flüchtlinge eingeführt worden; wegen der Diskriminierung von EU-Bürgern hatte die EU-Kommission aber ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Bis Ende 2016 wurde ein Moratorium gewährt, um die Notwendigkeit der Regelung zu belegen. Österreich hat den Abschlussbericht Anfang Oktober 2016 an die EU-Kommission geschickt. Auch künftig wird Österreich der Kommission alle fünf Jahre darüber Bericht erstatten, ob die Beschränkungen beibehalten werden sollten. Nebenbemerkung: Für das Studium der Zahnmedizin wurden die Beschränkungen als „nicht gerechtfertigt“ zurückgewiesen, weil „kein Mangel an Zahnärzten prognostiziert ist“.


Wegzugsrate nach Studienabschluss

Abgesehen vom Bericht „Bildung in Zahlen 2015/16“ hat die Statistik Austria 2016 den Bericht „Auswertung der Wegzüge von Personen mit Abschluss eines Studiums an einer öffentlichen Universität“ veröffentlicht. Im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft wurden insgesamt 155.180 Abschlüsse der Studienjahre 2008/09 bis 2012/13 herangezogen. Ausgehend von den Bildungsabschlüssen wurde analysiert, wie viele Personen nach dem Abschluss eines Studiums an einer österreichischen öffentlichen Universität aus Österreich wegziehen.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2017