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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 20 - 25.10.2017

Kampagne: Ohne Ärzte geht's nicht


Die Forderungen der ÖÄK

Dass ärztliches Wissen künftig verstärkt in die Gesundheitsplanung einbezogen wird, das ist eine der Forderungen, die die Österreichische Ärztekammer im Zuge ihrer Kampagne „Ohne Ärzte geht’s nicht“ an die künftige Bundesregierung stellt. Von Michael Heinrich und Bernhard Salzer


Österreich leidet unter einem Ärztemangel, der sich in Zukunft noch verstärken wird und unser Gesundheitssystem ist in internationalen Analysen wie etwa dem Euro Health Consumer Index seit dem Jahr 2007 vom damals ersten mittlerweile auf den zehnten Platz zurück gefallen“, warnt ÖÄK-Präsident Thomas Szekeres. Mit der Kampagne ‚Ohne Ärzte geht’s nicht‘, die vor der Nationalratswahl gestartet wurde und in den kommenden Wochen fortgesetzt wird, „weisen wir genau auf diese Missstände hin und stellen gezielte Forderungen an die künftige Bundesregierung“, so Szekeres. Denn eine flächendeckende medizinische Versorgung, wie alle Österreicherinnen und Österreicher sie gewohnt sind - besonders eine gute Primärversorgung - könne nur mit genügend Ärzten aufrechterhalten werden.

Dringender Appell an Politik

„Die schwarz-gelben Plakate auf riesigen Werbeflächen sind in der heißen Phase des Wahlkampfes gut zur Geltung gekommen und die Videos mit Kabarettist und Kinderchirurg Omar Sarsam entwickelten sich zu echten Rennern auf YouTube und Facebook“, zeigt sich der Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte in der ÖÄK, Johannes Steinhart, erfreut. „Mit unserer Kampagne thematisieren wir den Ärztemangel und richten den dringenden Appell an die Politik, dass das Primärversorgungsgesetz repariert gehört. Denn in der derzeitigen Form gefährdet dieses Gesetz die wohnortnahe Versorgung einer älter werdenden Gesellschaft und es muss alltagstauglich gemacht werden“, erklärt Steinhart die Zielsetzung der Initiative. In den vergangenen Jahrzehnten gab es seitens der Politik zwar noch nie einen Mangel an Bekenntnissen zum Hausarzt und zum Ausbau der niedergelassenen ärztlichen Versorgung. Steinhart: "Ganz im Gegenteil. In so gut wie jeder Koalitionsvereinbarung waren solche Zusicherungen nachzulesen. Leider bestand allerdings immer ein Mangel in der Bereitschaft, das auch politisch umzusetzen.“

Statt brauchbare Lösungen umzusetzen, setzte man lieber auf Ideologie. „Das einzige angebliche Allheilmittel, das den politischen Verantwortlichen zu den krisenhaften Entwicklungen einfiel, waren
Primärversorgungszentren. Diese liegen zwar ideologisch im Trend, gelten als chic und sollen gleichzeitig den Ärztemangel lösen, die Ambulanzen entlasten sowie noch dazu besonders effizient sein. Die Wahrheit ist jedoch, dass man auch in diesen Zentren Ärzte brauchen wird. Jedoch sind diese dringend benötigten Mediziner nirgendwo in Sicht, und der ärztliche Nachwuchs ist rar“, kritisiert Steinhart. Dazu komme, dass Patienten nicht automatisch in Scharen in solche Zentren drängen, die außerdem auch wesentlich teurer sind als Einzel-Kassenpraxen.

Es sei an vielen Reformideen im Gesundheitswesen leider erkennbar, dass juristisch und ökonomisch gelenkte Technokraten gesundheitspolitische Entscheidungen treffen, ohne auf die Expertise der tatsächlich in diesem System agierenden, nämlich die Ärzte, zurückzugreifen. Steinhart dazu: „Ärzte müssen daher in Zukunft bei der Planung der Gesundheitspolitik mitreden und mitgestalten dürfen, denn sie sind die eigentlichen Experten des Gesundheitswesens, die bei der Reform und der Weiterentwicklung des österreichischen Gesundheitssystems ihren Input einbringen müssen.“

Reformen und Projekte, die nicht von Ärzten auf Praxistauglichkeit geprüft wurden, zeichnen sich meist nur durch hohe Kosten und bürokratische Hürden aus. „Wir haben schon einige ärztliche Disziplinen, in denen die Hälfte der Arbeitszeit für Bürokratie draufgeht! Zeit, die wir für Zuwendung, für unsere Patienten dringend brauchen. Daher fordern wir mit unserer Kampagne, das ärztliche Wissen in die Gesundheitsplanung einzubinden. Ohne Ärzte geht’s nicht, auch nicht in der Politik“, so Szekeres abschließend.

Die Forderungen der ÖÄK an die künftige Bundesregierung

Drohenden Ärztemangel beheben!
60 Prozent der Kassenärzte gehen in den nächsten 10 Jahren in Pension und es fehlt der Nachwuchs: Jeder dritte Absolvent eines Medizinstudiums will ins Ausland gehen, nur zwei von 100 Medizinstudierenden wollen Hausärzte werden.

Deshalb braucht Österreich ...
→ attraktive und vielfältige Arbeitsbedingungen für niedergelassene Ärzte (z.B. Anstellungsmöglichkeit Arzt-bei-Arzt).
→ Förderung von Praxisgründungen durch Bund, Länder und Krankenkassen.
→bessere Ausbildungsbedingungen, Ausbau und Finanzierung von Lehrpraxen.

• Das Primärversorgungsgesetz reparieren!

Zentren, wie das neue Gesetz sie vorschreibt, sind eine echte Bedrohung für die wohnortnahe Versorgung. Denn sie bedeuten nicht nur längere Wege zum Arzt, oft werden sie auch den Verlust des Vertrauensarztes und das Ende der freien Arztwahl bedeuten. Außerdem kosten Zentren mehr Geld als Arztpraxen, wie wir sie kennen – und das bei fragwürdigem Nutzen.

Deshalb braucht Österreich ...
→ echte wohnortnahe Versorgung statt Zentralisierung per Gesetz.
→ 1.300 zusätzliche Kassenarzt-Praxen zur Entlastung der Spitäler.
→ einen wirksamen Ausbau der landärztlichen Angebote.

• Mehr ärztliche Kompetenz in die Politik!
Ärzte kennen die Bedürfnisse ihrer Patienten. Sie können am besten beurteilen, ob geplante Gesundheitsreformen praxistauglich und vor allem für Patienten nützlich sind. Trotzdem bemüht sich die Politik, Ärzte aus Entscheidungsprozessen auszugrenzen. Die Folgen sind lange Wartezeiten, Leistungsdeckelungen, zeitraubende Bürokratie etc.

Deshalb braucht Österreich ...
→ mehr ärztliche Mitsprache bei gesundheitspolitischen Plänen und Entscheidungen.
→ eine patientenorientierte Medizin statt Sparkurs, Bürokratie und Zentralismus.
→ in höheres Gesundheitsbudget für eine wachsende und älter werdendeGesellschaft.

• Gesundheit ist mehr wert!
Die österreichische Politik sieht im Gesundheitswesen nur einen Kostenfaktor. Unsere Nachbarländer Deutschland und die Schweiz geben indes mehr für Gesundheit aus sichern damit die Versorgung einer größer und älter werdenden Gesellschaft.

Deshalb braucht Österreich ...

→ ein Ende des Kostendämpfungspfades und die Entkoppelung der Gesundheitsausgaben vom BIP.
→ Ende der Zwei-Klassenmedizin durch Investitionen in die „Kassenmedizin“.
→ Entrümpelung der bürokratischen Verwaltungsstrukturen und moderne IT-Unterstützung der Ärzte für mehr Zeit mit den Patienten.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 20 / 25.10.2017