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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 22 - 25.11.2017

Klimawandel: Auch Österreich muss handeln


Die meisten Staaten wollen den Klimawandel bekämpfen, doch kein Staat setzt dafür ausreichende Maßnahmen. Das zeigten die Berichte von UN-Organisationen und die Debatten von 25.000 Teilnehmern der 23. Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen im November in Bonn, dem Sitz des UN-Klimasekretariats. Von Claus Reitan

Bereits 169 der 195 teilnehmenden Staaten haben das Klimaschutz-Abkommen 2015 von Paris ratifiziert. Die von den einzelnen Regierungen selbst festgelegten nationalen Klimaziele und Aktionspläne – Nationally Determined Contributions (NDCs) – reichen nicht aus, um den Anstieg der Erdtemperatur wie vorgesehen auf unter zwei Grad im Vergleich zu Beginn der Industrialisierung (circa 1850) einzudämmen. Die nationalen Zusagen würden lediglich ein Drittel der erforderlichen Verminderung an Emission vorsehen, errechnete das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). Das Jahr 2016 war laut UN-Meteorologen (WMO) das wärmste seit 1880, als die systematischen Messungen aufgenommenwurden: Es war um 1,1 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit. Und die Temperaturen steigen weiter an. Ohne Maßnahmen gegen den vom Menschen ausgelösten Klimawandel bis zum Jahr 2100 um drei bis fünf Grad.

Erderwärmung stoppen


Diese Erderwärmung muss gestoppt werden, um laut UN-Klimarahmenkonvention von 1992 „eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems“ zu verhindern. Genau diese ist jedoch bereits eingetreten. Die Folgen des Klimawandels sind eine regional unterschiedlich starke Zunahme von extremen Wetterereignissen (Starkregen, Stürme, Hitze), die zu Wüstenbildung,Schmelze von Polar-und von Gletschereis, Überschwemmungen, einem Anstieg des Meeresspiegels und zu Naturkatastrophen führen. Damit steige auch die Wahrscheinlichkeit von umfangreichen Wanderungsbewegungen an, sagte im Oktober 2017 Laurent Fabius in Wien; er ist derzeit Präsident des französischen Verfassungsgerichtshofs. Der frühere Außenminister und Leiter der 21. Weltklimakonferenz 2015 in Paris erwartet bei anhaltenden Folgen des Klimawandels „Dutzende Millionen“ an Migranten. Ursache für den Klimawandel sind unter anderem Treibhausgase, darunter zu 75 Prozent Kohlenstoffdioxid, welches zu drei Viertel aus der Verbrennung von fossilen Rohstoffen kommt. Um das Klimaziel zu erreichen, müssten die weltweiten Emissionen an Kohlenstoffdioxid bis 2050 um 85 Prozent vermindert und bis 2060 auf Null reduziert werden.

Während die Vertreter aller UN-Mitglieder (inklusive der USA, deren Präsident Donald Trump aus dem Klimaabkommen aussteigen will) und von rund 500 Nicht-Regierungs-Organisationen in Bonn zwölf Tage lang konkrete Maßnahmen gegen Klimawandel berieten, präsentierte in Wien die Organisation Erdöl-exportierender Länder (OPEC) ihren aktuellen „World Oil Outlook“. Die OPEC erwartet bis zum Jahr 2040 einen Anstieg der Weltbevölkerung um 1,8 Milliarden auf 9,2 Milliarden Menschen und eine Erhöhung des Aufwands an Primärenergie um ein Drittel. Mehr als die Hälfte der weltweit verbrauchten Energie werde 2040 aus Öl und Gas kommen. Der tägliche Bedarf an Rohöl wird laut OPEC von aktuell 95,4 Millionen Barrel bis 2040 auf 111,1 Millionen Barrel pro Tag ansteigen. Das ist im Wesentlichen auf die Entwicklung in China und in Indien zurückzuführen; für Europa erwartet die OPEC eine Verminderung des Bedarfs an Rohöl. Sie errechnet jedoch eine Verdoppelung der Anzahl der zugelassenen Autos bis 2040 auf knapp zwei Milliarden Stück. Obwohl in den wohlhabenden Ländern alternative Antriebe an Bedeutung gewinnen würden, würden 85 Prozent dieser Fahrzeugemit klassischen Verbrennungsmotoren betrieben werden. Zum kontinuierlichen Anstieg der Anzahl an Kraftfahrzeugen, an Ressourcen- und an Energieverbrauch passt – als Bestätigung – eine ebenfalls im November 2017 ergangene Mitteilung der UN-Meteorologen: Das Jahr 2017 wird wahrscheinlich eines der drei heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen sein.

Und Österreich?


Was hier zu tun ist, ergibt sich – unter anderem, aber aktuell errechnet – aus einem wissenschaftlichen Bericht des Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz. Die Studienautoren Lukas Meyer und Karl Steininger erklären darin: Um seinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, müsste Österreich „in den kommenden drei Dekaden eine umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft so gestalten, dass auch die österreichischen Emissionen an Treibhausgasen in diesem Zeitfenster auf nahe Null reduziert werden“. Die beiden Wissenschafter zitieren in der im Oktober 2017 vorgelegten Studie eine Antwort auf die Frage, was in Österreich passiert, sollte die Welt die Klimaziele nicht erreichen. „Eine Erhöhung im globalen Schnitt um zwei Grad bedeutet für Österreich eine Temperaturerhöhung im Bereich von 4,5 bis 6,6 Grad.“ Die Europäische Kommission hat den Mitgliedsstaaten im Juli 2017 nationale Ziele zur Verminderung der Treibhausgase vorgegeben. Österreich soll eine Minderung um 36 Prozent erreichen. In der EU haben nun Rat und Parlament den Vorschlag zu beraten; in Österreich wurde ein Konsultationsverfahren eingeleitet.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2017