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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 23/24 - 15.12.2017

Österreichischer Gesundheitsgipfel: Medizinisch & menschlich


Kann Gesundheitspolitik, die auf Finanzlogik setzt und menschliche Werte und Zeit wegrationalisiert, eine gute Gesundheitspolitik sein? Über das Sparen in der Gesundheitspolitik – an finanziellen Mitteln, (Personal-) Ressourcen und Zeit – diskutierten hochkarätige Experten aus dem In- und Ausland kürzlich beim „Österreichischen Gesundheitsgipfel“ in Wien. Von Marion Huber


In Zeiten, in denen die Bevölkerung mehr und älter wird, ist Sparen im Gesundheitswesen nicht möglich“, warnte Univ. Prof. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen und Wiener Ärztekammer, Anfang Dezember beim „Österreichischen Gesundheitsgipfel“ in Wien. Man könne und müsse dafür sorgen, dass die Kosten und das Wachstum nicht explodieren – „und das ist nicht passiert“, so Szekeres. Dem pflichtete ÖÄK-Vizepräsident Johannes Steinhart bei: „Wenn wir das Niveau in Österreich halten oder sogar ausbauen wollen, werden künftig mehr Mittel nötig sein, nicht weniger.“ Die Medizin sei am Bedarf zu orientieren und nicht am BIP – schon gar nicht, wenn wir das solidarische Gesundheitssystem erhalten wollen und „dafür stehen wir ein“, stellte Steinhart klar. Und weiter: „Die Medizin darf nicht vom Spardenken beherrscht werden.“


Wie finanziert und organisiert man in Zeiten des demographischen Wandels und des ökonomischen Drucks das Gesundheitssystem eines Sozialstaates? Prof. Dietrich Grönemeyer, Professor für Gesundheitswirtschaft an der Steinbeis Hochschule in Berlin, forderte in seiner Eröffnungsrede „Gesundheitspolitik statt Krankheitsintervention“. Dass die Menschen immer mehr und älter werden, hat große Folgen – nicht nur gesundheitlich gesehen, aber auch: Chronische Krankheiten, Zivilisationskrankheiten, funktionelle Störungen etc. nehmen ebenso zu. Umso weniger könne man sich künftig nur auf die Reparaturmedizin verlassen.

Vorsorge, Prävention, Prophylaxe müssten mehr in den Vordergrund treten. Das Motto von Grönemeyer: „Vorbeugen statt Heilen. Und dennoch: Heilen statt Kranksparen.“ Doch die Politik habe das gigantische Potential der Vorsorge noch nicht verstanden. Anstatt durch Investitionen in die Vorsorge Sparpotential zu heben, seien die politisch Verantwortlichen drauf und dran, Ärzte zu reinen Funktionsmedizinern zu degradieren, die ihre Patienten günstig behandeln sollen. „Dieser Weg ist weltweit zu 100 Prozent der falsche“, ist Grönemeyer überzeugt.

Man dürfe Investitionen ins System nicht nur als Kosten betrachten, sondern deren Nutzen in den Vordergrund stellen. Medizin steht für Lebensqualität, nicht für ökonomischen Erfolg. Was ist uns unsere Gesundheit wert? – „Das kann man sich nicht von Ökonomen sagen lassen, das kann nur die Medizin beurteilen.“ Ergo: Die Medizin müsse in der Gesundheitspolitik ernst genommen werden. Nur Hand in Hand könne man den Fortbestand der humanen Humanmedizin sichern. Für Grönemeyer kommt es mehr denn je darauf an, High-Tech-Medizin und Komplementärmedizin zu vereinen und eine integrative Kultur-übergreifende Medizin zu schaffen. Dabei sieht er keinen Widerspruch darin, medizinisch effizient und zugleich fürsorglich und menschlich zu handeln. Qualitativ hochwertige Medizin und soziale Werte sind beides grundlegende Prämissen des ärztlichen Handelns – „eines so wichtig wie das andere“.

Dass man die Identität der Medizin – das Menschliche, Soziale und Fürsorgliche – auslöscht, indem man Sparansätze und Finanzlogik voranstellt, davor warnte Medizinethiker Univ. Prof. Giovanni Maio von der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg. Durch diese falsche Vorstellung – politisch herbeigeführt und gesteuert – hätten sich die Arbeitsbedingungen der Gesundheitsberufe verschlechtert. Derart verschlechtert, dass Maio sich wundert, weshalb die Heilberufe nicht viel öfter auf die Straße gingen und sich wehrten. „Medizin ist nun einmal kein Dienstleistungssektor, ein Arzt kein Gesundheitsdiensteanbieter und ein Patient kein Kunde“, betonte der Medizinethiker.

Medizin lebt von sozialen Werten, die ökonomisch nicht messbar sind, so Maio. „Ja, ein Arzt darf nicht verschwenden. Dennoch ist er kein Wirtschaftsunternehmen im klassischen Sinn, kein austauschbarer Dienstleister, bei dem nur die Zahlen zählen.“ Heute verdienen jene gut, die zahlenmäßig viel machen – jene, die reflektiert handeln und bewusst Handlungen unterlassen, die zuhören und beraten, verdienen wenig. Dabei gehe es in der Medizin um das angemessene, situationsbezogene Handeln. Es gehe darum, eine Aktion zu setzen oder eben diese bewusst zu unterlassen. Der „pay for performance“-Ansatz scheitere genau daran. Außenstehende könnten nicht (er-)messen, was konkret für den einzelnen Patienten das Beste ist. Maio weiter: „Therapie ist kein planbarer Prozess: produktionstechnische Werte zählen hier nicht, das Abspulen von fixen Programmen und das sture Anwenden von Algorithmen funktionieren nicht.“ Dennoch werde heute zu viel in Prozesse investiert, zu wenig in Beziehungen. „Dank der High-Tech-Medizin kann man heute kleinste Details erkennen, man sieht aber zu oft den Menschen als Ganzes nicht mehr“, gab der Medizinethiker zu bedenken. Zu oft reduziere man auf das Faktenwissen, betrachte den Patienten herausgelöst aus seiner Geschichte, seinem Umfeld und verlerne dadurch andere Wissensformen wie die Erfahrung. Die eigentlichen Werte, weshalb Gesundheitsberufe ihren Dienst angetreten haben – Fürsorge, Sorgfalt, Achtsamkeit –, dürften nicht durch reine Finanzlogik gestrichen werden. „Eine Gesundheitspolitik, die die Zeit wegrationalisiert, wird keine gute Gesundheitspolitik sein“, resümierte Maio. Die Medizin diene nämlich nicht der Gewinnmaximierung. „Sie ist eine soziale Praxis.“ Das Soziale, die Beziehung, die Zeit stehen für Maio im Mittelpunkt, Prosperität ist sekundär.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2017