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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 3 - 10.02.2017

Wissenschafterin des Jahres: Alexandra Kautzky-Willer


Genderforschung aus Passion

Alexandra Kautzky-Willer, erste österreichische Professorin für Gendermedizin, wurde zur Wissenschafterin des Jahres 2016 gekürt: Nicht nur für ihre Exzellenz, sondern auch für die Fähigkeit, Kompliziertes einfach zu erklären.
Von Ursula Jungmeier-Scholz


Was täte Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Meduni Wien, wenn ihr alle erdenklichen finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung stünden? „Ich würde in meinem Bereich weiterforschen“, lautet ihre spontane Antwort. Ihre Arbeit ist zugleich ihre Passion. Zusätzliche finanzielle Mittel würde sie in randomisierte, kontrollierte Langzeitstudien investieren, um Geschlechtersensible Fragen zu Diabetes mellitus und Adipositas zu klären. Ein weiterer Fokus, so Kautzky-Willer, sei auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen zu legen. Möglicherweise ließen sich frauenspezifische Biomarker zur Früherkennung finden. Ebenso ortet Kautzky-Willer im psychiatrischen Bereich offene Fragen: Erst in der letzten Dekade würden beispielsweise Depressionen oder Angststörungen Gender-medizinisch wahrgenommen. Nicht immer - betont sie - stoße die Gendermedizin auf Benachteiligung von Frauen. Bei Depression, Osteoporose sowie teils in der onkologischen Behandlung gerieten auch Männer ins Hintertreffen. Bis die Gendermedizin so etabliert sei, dass es kein eigenes Fach mehr dafür brauche, könnten noch viele Jahre vergehen, so die Prognose von Kautzky-Willer.

Wunsch nach breitem Fach

Sie selbst wollte schon in der Volksschule Ärztin werden; von Gendermedizin war damals noch keine Rede. Ihre erste medizinische Ambition war es, gehörlose Kinder zu heilen. Der Vater von Kautzky-Willer arbeitete als Direktor des Wiener Gehörlosen-Instituts, die Mutter als Sonderschullehrerin – mit dem Schicksal von Menschen in einer stillen Welt kam sie daher schon früh in Berührung. „Ich hatte die naive Vorstellung, eine Entdeckung machen zu können, die diese Kinder hörend machen würde.“ Nicht nur der Arztberuf stand fest, sondern auch der Fokus auf die Forschung.

Nach der Promotion im Jahr 1988 rangierte allerdings nicht mehr die HNO an erster Stelle auf ihrer Prioritätenliste: „Ich wollte ein breites Fach machen und mich mit einer volkswirtschaftlich und gesellschaftspolitisch relevanten Krankheit beschäftigen.“ Die HNO spielt trotzdem eine wichtige Rolle in ihrem Leben – als Fach ihres Ehemannes Michael Kautzky. Ihr eigenes „breites Fach“ wurde die Innere Medizin mit dem Fokus auf Endokrinologie und Stoffwechsel. Kautzky-Willer sammelte erste wissenschaftliche Meriten als Mitarbeiterin der Diabetes-Spezialisten Univ. Prof. Guntram Schernthaner und Univ. Prof. Rudolf Prager. Mit Diabetes mellitus hat sie letztlich einen Forschungsschwerpunkt gewählt, dessen volkswirtschaftliche Relevanz nicht größer sein könnte.

Unermüdliche Lobbyarbeit

Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn begann Kautzky-Willer, die kurz nach Studienabschluss Mutter geworden war, zum Gestationsdiabetes zu forschen. „Der wurde damals nicht wirklich als Krankheit wahrgenommen. Mittlerweile kennen wir die umfassenden Auswirkungen auf Mutter und Kind, sogar abhängig davon, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist.“  Dank ihrer unermüdlichen Lobby-Arbeit beinhaltet der Mutter-Kind-Pass nun einen obligatorischen Glukosetoleranz-Test. „Dieser ist so wichtig, weil sich Schwangerschaftskomplikationen und Spätfolgen wie erhöhtes Diabetes-Typ II-Risiko vermeiden ließen – aber nur bei rechtzeitiger Diagnose, Therapie und konsequenter Nachbetreuung.“ Die Aufnahme des Zuckerbelastungstests in den Mutter-Kind-Pass wertet die Internistin daher als ihren bisher größten Erfolg als Ärztin.

Aus der geschlechterspezifischen Betrachtung des Diabetes entwickelte sich ihr Fokus auf die Gendermedizin; dass Frauen mit Diabetes ein besonders hohes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall haben und bei ihnen ein Herzinfarkt weniger oft erkannt wird, verstärkte diese Entwicklung. Im Jahr 2010 wurde Kautzky-Willer dann an der Wiener MedUni zur ersten österreichischen Professorin für Gendermedizin ernannt.

Dass Kautzky-Willer vor kurzem vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur Wissenschafterin des Jahres 2016 gekürt wurde, sieht sie als Signal dafür, dass die Zeit nun reif ist für eine Geschlechter-sensible Medizin. „Immer mehr Menschen befassen sich mit der Thematik – und nicht nur Frauen. Das werte ich als gutes Zeichen, weil Männer selten auf etwas aufspringen, das auf verlorenem Posten steht“, erklärt sie und lacht. Auch sie hat im Zuge ihrer Karriere erlebt, dass Frauen an die gläserne Decke stoßen: „Es dauert einfach, bis eine kritische Masse an gut qualifizierten Frauen erreicht ist, die den Druck nach oben erhöhen und den Durchbruch erleichtern.“

Wissenschafterin des Jahres wurde Kautzky-Willer aber nicht nur aufgrund ihrer Exzellenz, sondern insbesondere in Anerkennung ihrer engagierten Vermittlungstätigkeit – wobei hier möglicherweise das Erbe des doppelten Lehrerkindes durchschlägt … Was für sie im Umgang mit Laien zählt, ist – neben umfassender, auch populärwissenschaftlicher Publikationstätigkeit – der direkte Kontakt mit den Menschen. Möglichst noch, bevor diese zu Patienten werden. „Ich engagiere mich bei Minimed, weil hier ausgewiesene Expertinnen und Experten neutral und Produkt-unabhängig informieren.“ Auch für Einzelgespräche im Anschluss an die Veranstaltungen nimmt sie sich bewusst Zeit: „In diesem Rahmen lässt sich Gesundheitskompetenz oft auf eine entspannte Art vermitteln, oft leiden Patienten und Patientinnen schon lange an einem Problem, das gemeinsam gelöst werden kann.“

Wissen und Mündigkeit der Patienten hält die engagierte Vortragende für die wichtigsten Grundvoraussetzungen für Compliance. „Nach einer Diagnose müssen Menschen ihr Verhalten und ihre Ernährung oft grundlegend ändern und dazu sind sie nur bereit, wenn sie die Zusammenhänge verstehen.“ Das kann Kautzky-Willer nachvollziehen, auch wenn sie persönlich mit enormer Selbstdisziplin durchs Leben geht. Primär treibt sie der Ehrgeiz an. Gerne sähe sie die Gendermedizin stabiler im klinischen Bereich verankert. Aber dafür fehlen noch breit angelegte Studien, um Evidenz-basierte Aussagen treffen zu können und Forschungsarbeiten, an denen sie mitwirken möchte.

Privat nennt sie nur ein Lebensziel, nämlich, ihre Familie möge gesund bleiben und wie bisher zusammenhalten. So ganz lässt sich im Hause Kautzky-Willer das Private aber gar nicht vom Medizinischen trennen: Selbst die Reptilienhaltung ihres Sohnes betrachtet sie aus der Gender-Perspektive und am Familientisch mit ihrem Mann und dem Sohn, der gerade eine Ausbildung zum Psychiater absolviert, werden durchaus neue Forschungsideen diskutiert.


Zur Person

Geboren 1962 in Wien, Medizinstudium an der Universität Wien, das sie 1988 mit Auszeichnung abschloss. Facharzt-Ausbildung für Innere Medizin, anschließend Zusatzfach für Endokrinologie und Stoffwechsel. Habilitation 1997. Seit Beginn der 1990er Jahre ist sie an der Universitätsklinik für Innere Medizin III am AKH Wien tätig. 2007 wurde sie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der neu gegründeten Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin, dessen Obfrau sie seit 2013 ist. Anfang 2010 wurde sie Österreichs erste Professorin für Gendermedizin an der Medizin-Uni Wien, wo sie die „Gender-Medicine Unit“ gründete und im gleichen Jahr die Leitung des ersten post-gradualen Uni-Lehrgangs für Gendermedizin in Europa übernahm. Kautzky-Willer ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2017