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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 6 - 25.03.2017

Chronische Erkrankungen in Europa


Situation desaströs

Der aktuelle OECD-Gesundheitsbericht „Health at a Glance“ legt offen, wie desaströs die chronischen Erkrankungen geworden sind – mit viel Aufholpotential Österreichs im Vergleich vor allem zu südeuropäischen und skandinavischen Ländern. Von Wolfgang Wagner


Im Jahr 2013 starben in der Europäischen Union rund 550.000 Menschen im Alter zwischen 25 und 64 Jahren infolge der häufigsten chronischen Erkrankungen (Herz-Kreislauf, Krebs, Lungenkrankheiten und Diabetes)“, schrieben die Experten in dem Ende November 2016 publizierten Report. Nimmt man für chronisch Kranke eine ähnliche Beschäftigungsquote wie für die übrige Bevölkerung bis 65 Jahre an, sind laut dem Bericht durch die verfrühten Todesfälle im analysierten Jahr in der EU28 rund 3,4 Millionen Lebensjahre an Produktivität verloren gegangen.

Folgen der Finanzkrise

Die Situation ist auch deshalb so Besorgnis erregend, weil durch die Finanzund Wirtschaftskrise immer mehr Menschen in Europa ohne entsprechende gesundheitliche Versorgung dastehen, auch wenn die Politiker jeder Couleur und Nationalität das gerne bestreiten. An sich sei der Anteil der Menschen, welche berichten, dass sie aus finanziellen Gründen Versorgungslücken zu ertragen hätten, in den meisten EU-Ländern gering und vor der Krise zurückgegangen. „Aber dieser Anteil an der Bevölkerung ist seit 2009 in mehreren Staaten angestiegen, speziell in den einkommensmäßig untersten Gruppen. Im Jahr 2014 berichteten die Ärmsten zehn Mal häufiger von aus finanziellen Gründen nicht gecoverter Versorgung als die Reichsten – so im EU-Durchschnitt“, heißt es im Report. Interessantes Detail: In der EU kommt auf zwei Fachärzte nur noch ein Allgemeinmediziner.

Arbeitslos oder in Pension

Sozial- und Gesundheitswesen werden durch den hohen Anteil an chronisch Kranken extrem belastet. Das trifft aufn Österreich in einem höheren Maß zu als auf andere Staaten:

  • 2013 waren in 14 europäischen Ländern im Durchschnitt etwa 75 Prozent der 50- bis 59-Jährigen (ohne chronische Erkrankung) in Beschäftigung. Bei zwei oder mehr chronischen Erkrankungen waren es nur etwa 50 Prozent.
  • In Österreich lag die Beschäftigungsrate in der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen (ohne chronische Erkrankung) bei 70 Prozent; bei zwei oder mehr chronischen Erkrankungen nur noch knapp über 40 Prozent.
  • In Deutschland beziehungsweise in der Schweiz liegt die Beschäftigungsrate bei zwei oder mehr chronischen Erkrankungen bei 60 beziehungsweise rund 65 Prozent.


Unter den verglichenen 14 europäischen Staaten liegt Österreich mit einer Frühpensionierungsrate von Menschen mit zwei oder mehr chronischen Erkrankungen von 38 Prozent (50 bis 59 Jahre) an der Spitze. Dahinter folgt Slowenien mit 35 Prozent. Im Durchschnitt betrachtet sind es etwa 15 Prozent. In Dänemark als bestgereihtem Land trifft das nur rund zwei Prozent der Menschen.

Im Durchschnitt der 14 verglichenen Staaten waren Menschen mit zwei oder mehr chronischen Erkrankungen im Jahr 2013 insgesamt 20 Tage im Krankenstand. Österreich lag knapp darüber, in Dänemark waren es um die sieben Tage, in den Niederlanden beispielsweise auch nur zehn Tage.

Bei der verhinderbaren Mortalität gibt es zwei Kategorien: Mortalität, die durch alle Maßnahmen zur Öffentlichen Gesundheit verhindert werden kann („preventable) und Mortalität, die bei Vorliegen von harten Diagnosen direkt durch die medizinische Versorgung verhindert wird („amenable“). Hier wird klar, dass Österreichs Gesundheitswesen sehr gut arbeitet. Dies erfolgt aber auf Basis einer schlechten Ausgangslage durch mangelnde Gesamtprävention etc.

Die verhinderbare Mortalität (durch Prävention/durch die Medizin) bei Vorliegen von Diagnosen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2013/EU28:

  • EU28: 204/119 Todesfälle pro 100.000
  • Italien liegt jeweils an der Spitze oder unter den ersten drei Ländern: 143/85 Todesfälle.
  • Österreich ist bei den allgemein verhinderbaren Todesfällen mit 206 pro 100.000 Einwohner das erste Land über dem EU28-Durchschnitt. Beim den klassisch medizinisch verhinderbaren Todesfällen mit 101 pro 100.000 Einwohner deutlich besser als der EU28-Durchschnitt (am besten: Frankreich mit 73 pro 100.000 Einwohner).
  • Zentral- und osteuropäische Staaten weisen die rund doppelte durch Prävention oder medizinische Versorgung verhinderbare Mortalität auf. In Ungarn wären jährlich unter 100.000 Menschen durch Prävention 385 Todesfälle verhinderbar (drittletzter Platz). Am meisten in der medizinischen Versorgung kritisch Kranker hat Lettland (520 durch Medizin verhinderbare Todesfälle je 100.000 Einwohner) aufzuholen.


Fazit: Wenn Österreich wirklich beim Gesundheitszustand der Menschen weiter nach oben kommen will, sollte massiv mehr in die Prävention (Öffentliche Gesundheit) gesteckt werden. Der zweite Arm der Strategie muss aber auch Spitzenmedizin sein.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.03.2017