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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 7 - 10.04.2017

Standpunkt - Präs. Artur Wechselberger


Sine ira et studio

© Dietmar Mathis

Österreich gilt als „Low primary care–Land“. Das war nicht immer so. In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts lag der Anteil der Allgemeinmediziner an der ärztlichen Versorgung mit 38 Prozent sogar knapp über dem, was heute international als ausreichend erachtetet wird. In den Folgejahrzehnten sank jedoch der Anteil auf zuletzt 16 Prozent ab. Diesen Trend hatte auch die Initiative der ersten Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter – sie hatte 1971 das neu geschaffene Ministerium für Gesundheit und Umwelt übernommen – nicht bremsen können. Mit bundesfinanzierten „Leodolterstellen“ steigerte sie damals die allgemeinmedizinischen Ausbildungskapazitäten an den Krankenhäusern.

Kaum waren so die freien Praktikerstellen in Stadt und Land besetzt, gab es einen ungebremsten Run zur Facharztausbildung. Nicht nur neue Ausbildungsstellen, sondern auch das Entstehen vieler neuer Sonderfächer motivierten die Neodoctores dazu. Die Ausbildung in Allgemeinmedizin, der sogenannte Turnus, diente meist nur noch als Wartezone auf eine Ausbildungsstelle im angestrebten Sonderfach. So sicherten die wartenden Jungärzte wiederum den Krankenhäusern eine Heerschar an Systemerhaltern. Dazu wurden sie auch ausgebildet. Denn dieses Berufsumfeld kannten die Ausbildner. Jedenfalls besser als das Tätigkeitsprofil eines primärversorgenden Hausarztes. Wozu auch? Die hausärztlichen Kassenstellen waren besetzt, die Vertragsinhaber meist männlich und mit einem familiären Umfeld, das sie für ihre Arbeit freispielte. Tag und Nacht, Samstag wie Sonntag konnten sie so einsatzbereit sein. Ein Arbeitspensum, das auch bei bescheidenen Einzelhonoraren ein ausreichendes Einkommen sicherte.

Im Taumel der für die Entwicklung der Medizin wichtigen Spezialisierungen und Subspezialisierungen blieben die „Deklaration von Alma-Ata“ der WHO, die 1978 Primary Health Care als zentralen Baustein jedes Gesundheitswesens proklamierte, ungehört. Ebenso die Wiederholung dieser Forderung 20 Jahre später, als das WHO-Regionalbüro für Europa in Kooperation mit europäischen Mitgliedsstaaten das politische Manifest „Gesundheit für alle“ verabschiedete. Bis zum Jahr 2010, so die europäische Zielsetzung, sollten die Menschen in der Region einen wesentlich besseren Zugang zu einer familienorientierten und gemeindenahen primären Gesundheitsversorgung haben.

In Österreich dauerte es bis 2015, um nur die Ausbildung in Allgemeinmedizin wenigstens um sechs Monate Lehrpraxis von 36 auf 42 Monate anzuheben. Der Facharztabschluss für Allgemeinmediziner blieb dabei in weiter Ferne, die Zahl der Kassenstellen trotz erhöhtem Versorgungsbedarf nahezu unverändert und die Honorare nach wie vor beschämend niedrig. Die Hauptfunktionen von Primary Care wie Erstkontakt, kontinuierliche Versorgung, umfassende Versorgung und Koordination der Versorgung mussten und müssen die niederlassungswilligen Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner im harten Selbststudium und „by doing“ nach der Praxisgründung selbst erlernen.

Die Krankenhauszentrierung der Versorgung mit freiem Zugang zu allen Versorgungsebenen verstärkte die untergeordnete, unklare und zahlenmäßig unterbesetzte Rolle der Primärversorgung. Der Ruf der Ärzteschaft nach neuen Zusammenarbeitsmöglichkeiten - auch mit nicht-ärztlichen Berufen - verhallte ebenso wie die Forderung nach modernen Leistungskatalogen und attraktiven Tarifen. Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um die Visionen moderner allgemeinmedizinischer Versorgung wahr werden zu lassen: allgemein und direkt zugänglicher, niederschwelliger Erstkontakt, umfassende Grundversorgung für Menschen mit gesundheitlichen Problemen, ganzheitliche und kontinuierliche Betreuung, Koordination des Versorgungsprozesses, Kooperation der Leistungserbringer und Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bedingungen.

Prämissen, wie sie 2014 im Konzept „Das Team um den Hausarzt“, welches Grundlage für die Stärkung der Primärversorgung sein soll, auch formuliert wurden. Es ist höchste Zeit, dieses Konzept umzusetzen anstatt es im Streit um Strukturen, Vertragsverhältnisse und Kostentragung zu verzögern und zu verwässern. Flexibilität ist angesagt. Denn es gibt keine einheitliche Struktur, die für ganz Österreich passt, und attraktive Versorgungsformen setzen für Ärztinnen und Ärzte akzeptierbare Verträge und Bedingungen voraus.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.04.2017