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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 8 - 25.04.2017

Ärztetage Grado


Wenn Einkaufen zur Sucht wird

Obwohl die Kaufsucht immer eher Frauen zugeschrieben wird, sind auch Männer davon betroffen. Während es bei Frauen Kleidung und Schmuck sind, bevorzugen Männer den Computer- und Elektronikbereich. Ein Seminar bei den diesjährigen Ärztetagen Grado Ende Mai befasst sich detailliert mit dem Thema Kaufsucht. Von Christina Schaar


Die Kaufsucht findet sich im ICD 10 unter dem Sammelbegriff der Impulskontrollstörungen neben der Glücksspielsucht, Pyromanie und Trichotillomanie. In der klinischen Praxis macht es jedoch Sinn, sie als stoffungebundene Form der Abhängigkeitserkrankungen anzzusehen. So lässt sich allgemein bei der Kaufsucht ebenso wie bei anderen Suchterkrankungen ein Kontrollverlust und eine Toleranzentwicklung sowie Dosissteigerungen feststellen. „Die Befriedigung erfolgt nicht über das Produkt, sondern durch den Kaufakt“, erklärt Univ. Prof. Michael Musalek vom Anton Proksch Institut in Wien. Dem sogenannten „Craving“, einem sehr starken Drang, dem Suchtverhalten nachzukommen, kann der Betroffene kaum standhalten. „Das ganze Leben bezieht sich auf das Kaufen“, betont Musalek. Körperliche Erscheinungen wie Unruhe, Angst, Schwitzen, aber auch Depressionen, manifestieren sich und zu diesen großen Nachteilen kommen oft noch finanzielle Probleme und Schwierigkeiten in der Partnerschaft. Die Kaufsucht gilt als extrem schambesetzt, denn es werden oft viele Dinge gekauft, die nicht gebraucht werden und - so Musalek - oft unausgepackt bleiben. Oft ist die Kaufsucht verbunden mit einem Messie-Syndrom.

Problem: Verfügbarkeit

Ein gravierendes Problem der Kaufsucht ist die Verfügbarkeit, wie Musalek an einem Beispiel veranschaulicht: Vor der Wende waren von der Kaufsucht im westlichen Teil Deutschlands fünf bis sieben Prozent betroffen. Im östlichen Teil, der ehemaligen DDR, nur ein Prozent, da es da signifikant weniger einzukaufen gab. Zehn Jahre nach der Wende gab es im ehemaligen östlichen Teil aufgrund der besseren Verfügbarkeit von Konsumgütern Zuwachsraten von rund fünf Prozent. Dies macht auch verständlich, wieso vor allem Menschen im mittleren Alter von Kaufsucht betroffen sind. „Sie haben die höchste Kaufkraft“, erklärt Musalek.

Oft steht am Beginn einer Suchtentwicklung eine Depression, wird diese durch die Folgen der Kaufsucht verstärkt, gerät die betroffene Person in einen Teufelskreis. Die meisten Betroffenen wissen um ihre Störung, negieren sie aber, da sie ihr Problem nicht wahrhaben wollen. Der Impuls, eine Therapie zu starten, kommt häufig von der Umgebung des Betroffenen. Da bei der Behandlung der Kaufsucht Komorbiditäten und psychosoziale Probleme berücksichtigt werden müssen, gestaltet sich die Therapie als sehr komplex. „Es braucht eine neue Schwerpunktsetzung im Leben“, betont Musalek. Dabei ist der Fokus darauf gerichtet, ein freudvolles Leben und neue Attraktivitäten zu finden, damit das vorher „Attraktive“, das Kaufen, an Wert verliert. Entscheidend dabei: Sensibilitäten entwickeln und umsetzen. „Da die Verfügbarkeit exorbitant groß ist und das zu Kaufende praktisch immer da ist, hilft nur eine Neuorientierung im Lebenswertsystem, um Abstand zu sich und dem Problem zu gewinnen“, meint Musalek.

Das Anton Proksch-Institut bietet als Teil der Therapie das sogenannte „Orpheusprogramm“ an: Gartentherapie, Film, Kreativität, Wandern, Kultur und vieles mehr soll zur Wiederentdeckung der eigenen Lebenskräfte beitragen. Denn Suchtmittel haben keine Verführungskraft, wenn das Leben wieder schön, lust- und sinnvoll erlebt wird. „In der stationären Behandlung erfolgt nur die Initialzündung“, berichtet Musalek aus dem klinischen Alltag. Denn die stationäre Behandlung ist eben nur die Basis für eine dann langfristige ambulante Behandlung die ebenfalls auf eine Lebensneugestaltung hin ausgerichtet ist.

Obwohl eine absolute Abstinenz nicht möglich ist, kann mit dem Betroffenen eine partielle Abstinenz erarbeitet werden. Ein wesentliches Suchtmerkmal stellt der Kontrollverlust dar. Dazu Musalek: „Je stabiler der Zustand, desto geringer der Kontrollverlust. Durch psychotherapeutische und beispielsweise bei Depressionen eine medikamentöse Therapie können in Abhängigkeit vom Einzelfall sehr gute Resultate erzielt werden. Es lohnt sich also, in Behandlung zu gehen.“


Details zum Kongress

26. Ärztetage Grado
Termin:
21. bis 27. Mai 2017

Anmeldung und Information:
www.arztakademie.at/grado




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.04.2017