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ArchivÖÄZ 2017ÖÄZ 9 - 10.05.2017

Paper of the Month


Fixierungsmaßnahmen und Skill-mix des Pflegepersonals

Mit einer Verlaufs-Analyse konnten Wissenschafter zeigen, dass der Einsatz von Fixierungsmaßnahmen negativ mit der Qualifikation des Pflegepersonals korreliert. Die Gefahr des vermehrten Einsatzes von Fixierungsmaßnahmen kann durch die schiere Erhöhung von weniger qualifizierten Pflegestunden nicht abgefangen werden.


Vincent Staggs von der University of Missouri in Kansas City et al. vermuteten einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Fixierungsmaßnahmen und der Verfügbarkeit von qualifiziertem Pflegepersonal. Für die im „Journal of General Internal Medicine“ im Jahr 2017 veröffentlichte Studie verwendeten sie die Daten von 3.101 Abteilungen aus 869 US-amerikanischen Spitälern der Jahre 2006 bis 2010, insgesamt von 923.556 Patienten.

Quartalsbezogen untersuchten sie die Quantität (Pflegestunden/Patiententag) und die Qualität des verfügbaren Pflegepersonals (Skill-mix: relativer Anteil der durch examiniertes Pflegefachpersonal geleisteten Stunden). Beide Faktoren wurden anhand der Verteilung der Daten in „sehr tief“, „tief“, „durchschnittlich“, „hoch“ und „sehr hoch“ klassifiziert. Die Punktprävalenz der Fixierung von Patienten sowie spezifisch der Fixierung mit der Begründung der Sturzprävention wurde quartalsweise an einem definierten Stichtag erhoben.

In einer aufwendigen Verlaufs-Analyse (Längsschnitt) untersuchten die Autoren, ob sich das Risiko für Fixierungen durch Veränderungen in der Personalausstattung innerhalb einer Abteilung erklären lässt. Verschiedene Begleitfaktoren auf Ebene des Spitals und im Patientenkollektiv wurden ausgeglichen. Die Prävalenz von Fixierungsmaßnahmen lag insgesamt bei 1,8 Prozent, davon 0,9 Prozent spezifisch zur Sturzprävention. Die Rate von Fixierungsmaßnahmen war besonders hoch in Quartalen, in denen Quantität oder Qualität des Pflegefachpersonals unter dem Durchschnitt der Abteilung lag sowie systematisch zu Beginn eines jeden Jahres. Eine über dem Abteilungsdurchschnitt liegende Personalausstattung führte nicht zu einer unterdurchschnittlichen Fixierungsrate. Insgesamt reduzierte sich der Einsatz von Fixierungsmaßnahmen im Zeitraum von 2006 bis 2010 um etwa 50 Prozent. Es gab einen deutlichen und signifikanten Zusammenhang zwischen der Verwendung von Fixierungsmaßnahmen und dem Skill-mix. Im Vergleich zu Quartalen mit durchschnittlichem Skill-mix war das Risiko für eine Fixierungsmaßnahme um elf Prozent höher in Quartalen mit tiefem Skill-mix und sogar um 18 Prozent höher in Quartalen mit sehr tiefem Skill-mix. Der Effekt war etwas schwächer auch für Fixierungsmaßnahmen zur Sturzprävention vorhanden. In Abteilungen, in denen über die Quartale hinweg ein höherer durchschnittlicher Skill-mix vorhanden war (longitudinaler, abteilungsspezifischer Durchschnitt), war das Risiko für eine Fixierung signifikant tiefer als in Abteilungen mit tieferem durchschnittlichen Skillmix. Hingegen war die Quantität der Personalausstattung relativ zum eigenen Abteilungsdurchschnitt nach Adjustierung anderer Faktoren kein signifikanter unabhängiger Einflussfaktor für die Verwendung von Fixierungsmaßnahmen. Die Studie zeigt, dass der Einsatz von Fixierungsmaßnahmen negativ mit der Qualifikatino des Pflegepersonals korreliert. Die Gefahr der vermehrten Anwendung von Fixierungsmaßnahmen kann durch die schiere Erhöhung von weniger qualifizierten Pflegestunden nicht abgefangen werden.

Ein wesentlicher methodischer Vorzug der Studie ist, dass es sich um eine echte Längsschnitt-Analyse handelt. Bei Querschnittsuntersuchungen werden Personalausstattung und der Einsatz von Fixierungsmaßnahmen zwischen Abteilungen oder Spitälern verglichen. Solche Vergleiche sind anfällig für systematische Verzerrungen wie zum Beispiel Unterschiede in den betreuten Patientenkollektiven. Die Longitudinaluntersuchung hingegen zeigt einen Zusammenhang innerhalb der gleichen Abteilung im Zeitverlauf. Die Abteilung fungiert so als ihre eigene Vergleichsgröße.

Die Übertragbarkeit der Resultate auf Europa ist unklar, da beispielsweise in der Schweiz Fixierungsmaßnahmen juristisch eng begrenzt sind und nicht rein durch ärztliche Anordnung erfolgen können. Grundsätzlich ist aber naheliegend, dass auch in europäischen Ländern ein Zusammenhang zwischen der Ausstattung mit qualifiziertem Pflegefachpersonal und sicherheitsrelevanter klinischer Praxis existiert. Staggs et al. zeigen auf, dass fragwürdige und potentiell gefährliche Praktiken entstehen können, wenn Spitäler eine Abnahme des verfügbaren qualifizierten Personals nicht zeitnah ausgleichen können.


Prof. Dr. Dieter Schwappach, MPH; Patientensicherheit Schweiz



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2017