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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 22 - 25.11.2018

E-Medizin: „Unterstützen ja, ersetzen nein“


Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Operationsroboter – die E-Medizin ist im rasanten Wandel. ÖÄK-Vizepräsident Johannes Steinhart spricht über Chancen und Risiken neuer Technologien in der Heilkunst und formuliert einen klaren Grundsatz: E-Medizin ohne Ärzte wäre eine Fehlentwicklung.
Sascha Bunda

Im Bereich E-Medizin ist vieles in Bewegung. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Das Thema E-Medizin, ganz besonders Digitalisierung, Künstliche Intelligenz in der Diagnose und Therapie, und Online-Beratung und -Behandlung, ist jedenfalls im Kommen. Erst kürzlich haben die Ärztekammern von Bayern und Sachsen-Anhalt die ausschlie߬liche Beratung oder Behandlung von Patienten über Kommunikationsmedien ohne vorangegangenen Arzt-Patienten-Kontakt befürwortet. Außerdem ist der Ausbau von E-Medizin in der Regierungserklärung festgeschrieben. E-Health ist ein immens wichtiges Thema und wird wohl die ärztliche Versorgung, aber auch unser Rollenbild und unsere Arbeitsweise tiefgreifend beeinflussen. Darum ist es wichtig, dass die Ärztekammer diese Entwicklungen sehr aufmerksam verfolgt, sich positioniert und den Fortschritt mitgestaltet, damit er Ärzte und Patienten nicht überrollt.

Welche Haltungen bezüglich E-Medizin beobachten Sie in der Ärzteschaft?
Natürlich sehr unterschiedliche – entsprechend der Tatsache, dass E-Medizin sowohl Chancen bringt als auch Risiken bedeuten kann, und dass sie unsere berufliche Tätigkeit stark verändern kann, ohne dass eindeutige Details abzusehen sind. Deshalb ist es wichtig, Orientierungswissen anzubieten und zur Standpunktfindung beizutragen.

Wo sehen Sie persönlich die Möglichkeiten und Grenzen der E-Medizin?
Aus meiner Sicht ist der persönliche Arzt-Patient- Kontakt der Goldstandard der Beratung und Behandlung, und die neuen Entwicklungen tragen das Risiko der Entpersonalisierung mit sich. Sinnvoll sehe ich manche Entwicklungen dort, wo Ärztinnen und Ärzte durch Diagnose- und Therapie-Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Online-Diagnostik und -Therapie oder Operationsroboter sinnvoll und effizient bei ihrer Arbeit unterstützt werden. Da müssen aber immer Ärzte eingebunden sein, die diese Prozesse begleiten, Ergebnisse interpretieren und entsprechend im Rahmen ihrer Freiberuflichkeit und der ärztlichen Verantwortung handeln und behandeln. Der Grundsatz muss also lauten: Unterstützen ja, ersetzen nein! Eine E-Medizin ohne Ärzte wäre eine gefährliche und enthumanisierende Fehlentwicklung, so etwas darf es nicht geben.

Was sind aus Ihrer Sicht Beispiele für sinnvolle E-Medizin?
Wenn Algorithmen, die das global verfügbare Datenmaterial bei der Diagnose und bei Therapieempfehlungen berücksichtigen können, den Arzt unterstützen, dann ist das sinnvoll. Ebenso wenn Patienten zum Beispiel mit Herzinsuffizienz online über die Distanz überwacht werden und dieses System bei Auffälligkeiten den Arzt alarmiert. Wenn man sich in  schwierigen Situationen Online-Konsultationen durch einen Spezialisten, der anderswo tätig ist, einholen kann, dann kann das für Patienten lebensrettend sein. Und Operationsroboter haben inzwischen ihren festen Platz im OP, aber natürlich ist bei Eingriffen immer ein Operateur dabei. E-Health kann also nur dann sinnvoll zum Wohle der Patienten eingesetzt werden, wenn eine Ärztin oder ein Arzt die Letztentscheidung hat.

Wird der Trend zu einer unkontrollierten Entwicklung von E-Health aufzuhalten sein?
Schließlich gibt es hier massive finanzielle Interessen und es winkt ein Milliardengeschäft. Hier sind Sorgen angebracht. Mit großen Vorbehalten beobachte ich den zunehmenden Aufkauf von Arztpraxen durch Konzerne in vielen Ländern. Gesundheit gilt als eine der wichtigsten Zukunftsbranchen für Künstliche Intelligenz und Kommunikationstechniken, weil diese im gesamten Behandlungsprozess von der Diagnose bis zur Therapiefestlegung und -überwachung eine Rolle spielen können und hier viel Geld zu verdienen ist. Wenn Konzernisierung und Digitalisierung zusammen treffen, dann wird es gefährlich für unser Gesundheitssystem.

Weil diese Entwicklung die Bedürfnisse der Patienten gegenüber den Renditeinteressen der Konzerne in den Hintergrund drängen könnte?
Ja. Weil sich dann der Trend zu einer Algorithmen- und Online-Medizin den Interessen global tätiger, gewinnorientierter Akteure untergeordnet wird. Dann kontrolliert Marktmacht die Medizin und ihre Entwicklungen, und damit auch das ärztliche Handeln. Auf die Spitze getrieben kann das bedeuten, dass Ärzte wo immer möglich durch Algorithmen ersetzt werden, weil das billiger ist. Damit droht die Medizin als Heilkunst, die ärztliche Freiberuflichkeit, die flächendeckende, wohnortnahe und qualitätsgesicherte Versorgung unter die Räder einer Kommerz-Medizin zu geraten. Verkauft wird uns das dann mit Begriffe wie „Effizienzsteigerung“, „Wissenschaftsbasierte Medizin“ und „wirksame Antwort auf den Ärztemangel“ werden. Solche Entwicklungen müssen gebremst und kontrolliert, wenn schon nicht gestoppt werden.

Sie haben Veränderungen in der Tätigkeit und im Rollenbild von Ärzten angesprochen. Was erwarten Sie hier?
Das ist natürlich im Detail noch nicht abzusehen, weil hier vieles im Fluss sein wird. Ein Trend hin zu einer Hightech-Bildschirm-Medizin mit Algorithmen-basierter Diagnose und Therapiewahl etc. würde sicherlich die ärztliche Tätigkeit ins Technische-Computerische verschieben. Welche Rolle hat dabei der Arzt? Wie kooperiert er mit Digitalisierungs-Experten, wer soll dann das Sagen haben? Oder ist der Arzt dann primär mit der Patientenkommunikation beschäftigt, und Computer besorgen den Rest? Welche Spielräume bleiben dann für die klassische Heilkunde? Was bedeutet das haftungsrechtlich? Das alles erfordert aber auch Veränderungen bei der Ausund Weiterbbildung. Schließlich müssten solche Veränderungen auch im kassenärztlichen Honorarkatalog abgebildet werden, der dann wohl völlig anders aussehen wird – um nur einige Beispiele zu nennen. Die Herausforderungen werden mit den aktuellen und künftigen Entwicklungen immer konkreter werden.

Sie wollen den Prozess Richtung E-Medizin mitgestalten. Wie soll das geschehen?
Wir müssen aufpassen, dass der Zug nicht abfährt ohne uns an Bord. Wir müssen deshalb diese Entwicklungen, also Digitalisierung und Konzernisierung, sehr genau im Auge behalten, uns zu Wort melden, Alternativen anbieten und wenn nötig politisch Druck aufbauen. Wir müssen Lobbying für eine humane und soziale Medizin betreiben, die neue technische Entwicklungen nützt, sich aber diesen nicht ausliefert. Dazu brauchen wir einen klaren politischen Willen und einen Schulterschluss aller jener Kräfte in Österreich und Europa, die das auch so sehen. Natürlich müssen wir unsere Möglichkeiten realistisch sehen: David gewinnt nicht immer gegen Goliath. Aber wir müssen diese Entwicklungen observieren und mitgestalten, wo immer möglich. Und nicht zuletzt müssen wir die Vorteile unseres kleinteiligen und sehr effizienten sozialen Gesundheitssystems gegen unwillkommene Entwicklungen verteidigen. Bei all dem wird sich die Selbstverwaltung der Ärztevertretung einmal mehr als Vorteil erweisen. 



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2018