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ArchivÖÄZ 2018ÖÄZ 23/24 - 15.12.2018

Interview: „Aufrechter Impfstatus ist eine ethische Verpflichtung“


Gesundheitsministerin Mag. Beate Hartinger-Klein und Dr. Johannes Steinhart, ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann niedergelassene Ärzte, im Doppel-Interview über ihre Erwartungen an den e-Impfpass, ihre Rezepte für eine höhere Durchimpfungsrate und ihre Argumente im Umgang mit Impf-Skeptikern.

Sascha Bunda

Ist es angedacht, das kostenfreie Impfkonzept auszuweiten und falls ja, um welche Impfungen?

Beate Hartinger-Klein:
Es wäre wünschenswert, alle empfohlenen Impfungen für unsere Kinder in Österreich kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Ich setze mich laufend dafür ein, das kostenfreie Impfkonzept auszuweiten, auch um die aus meiner Sicht so wichtige Meningokokken B-Impfung kostenlos anbieten zu können. Die finanziellen Restriktionen schränken meinen Handlungsspielraum leider oft ein.

Johannes Steinhart: Jede Ausweitung des kostenfreien Impfkonzeptes ist als Verdeutlichung der Wichtigkeit des Themas Impfen zu begrüßen. Vielerorts hält sich immer noch die Einstellung „Was die Kasse nicht zahlt, kann nicht notwendig sein“. Davon müssen wir uns verabschieden. Aus den Erfahrungen der letzten Grippesaison mit neun Todesfällen bei Kindern und einer hohen grippebedingten generellen Übersterblichkeit sollte man lernen und zumindest für Kindergartenkinder - die die Vektoren der Infektion sind - so wie in anderen Ländern, wie England und Deutschland, die Grippeimpfung ins nationale Impfprogramm aufnehmen.

Wann ist mit dem e-Impfpass zu rechnen und wie wird dieser aussehen?


Beate Hartinger-Klein: Ende 2020 soll die Pilotierung in Arztpraxen in Wien, Niederösterreich und der Steiermark abgeschlossen und evaluiert sein. Danach soll der e-Impfpass stufenweise österreichweit und auf alle Altersgruppen ausgedehnt werden. Der e-Impfpass ist Teil einer ELGA-Lösung und biete auch ein Erinnerungsservice für jeden Bürger. Zukünftig anstehende Auffrischungsimpfungen können termingerecht eingehalten werden.

Johannes Steinhart: Wir Ärzte erwarten uns vom elektronischen Impfpass sowohl ein Plus an Qualität als auch eine Service-Verbesserung. Ein leichterer Zugriff auf den aktuellen Impf-Status ist ein deutlicher Schritt hin zu einer höheren Durchimpfungsrate und zu weniger Doppelimpfungen. So könnte im Rahmen der jährlichen Vorsorgeuntersuchung auch gleich der Impfschutz überprüft werden.

Wie kann man die Durchimpfungsrate in Österreich sonst noch erhöhen?


Johannes Steinhart: Der e-Impfpass ist ein Beispiel, wie unnötige Hemmschwellen abgebaut werden können. Hier sehe ich weitere Möglichkeiten, wie zum Beispiel: Jeder Arzt mit Berufsberechtigung soll impfen dürfen. Warum soll ein Kinderarzt denn nicht gleich die Eltern, die mit in die Ordination kommen, ebenfalls impfen dürfen? Auch ein einheitlicher Impfauftrag für Schulärzte wäre ein Schritt zu einer höheren Durchimpfungsrate.

Beate Hartinger-Klein: Allen voran ist hier Aufklärung und Beratung der Schlüssel zum Erfolg. Den wichtigsten Einfluss auf die Meinungsbildung und letztendlich Entscheidung für oder gegen das Impfen von Bürgerinnen und Bürgern haben die beratenden Ärztinnen und Ärzte. Darum ist es mir ein besonderes Anliegen, hier auch Hilfestellungen für die Ärzteschaft zu geben, wie man besonders auch Gespräche mit Impfskeptikern optimieren kann. Eine Maßnahme, die Durchimpfungsrate zu erhöhen, bietet auch der e-Impfpass mit seiner Erinnerungsfunktion und der Möglichkeit jederzeit seinen Impfstatus abfragen zu können.

Was kann man tun, um die Impfskeptiker in Österreich zu erreichen?

Beate Hartinger-Klein: Das Wort „Skepsis“ hat für mich etwas zu tun mit Zweifel oder auch einer gewissen Angst. Gerade bei jungen Eltern bekommt diese unterschwellige Angst zusätzlich einen besonderen Stellenwert, wenn es darum geht, ein gesundes Kind zu impfen und dabei das Risiko von Nebenwirkungen einzugehen. Ich kann gut als Mutter von zwei Kindern die Gedanken von Eltern nachvollziehen. Aber es sollte uns bewusst sein, dass wir mit Impfungen Erkrankungen vermeiden, die mit bleibenden Folgeschäden oder dem Tod einhergehen können. Die heutige Generation junger Eltern hat nicht erlebt, wie es sich anfühlt, im Klassenzimmer zu sitzen und sich davor zu fürchten, der nächste zu sein, der etwa an Kinderlähmung erkrankt. So verliert man schnell den Respekt vor vielen impfpräventablen Erkrankungen und ist sich dessen nicht bewusst, wie wichtig es ist, diese zu vermeiden. Ich bin für die öffentliche Gesundheit zuständig und trage mit der Vermeidung und Ausbreitung von hoch ansteckenden Krankheiten meine Verantwortung als Gesundheitsministerin.

Johannes Steinhart: Wer sich und seine Kinder nicht impfen lässt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit höchst unsolidarisch handelt. Wenn wir einen Blick in wirtschaftlich weniger entwickelte Länder werfen – oder auch nur in unsere eigene Vergangenheit – dann sehen, wir, wie gefährlich Krankheiten sein können, die bei uns kaum noch eine Rolle spielen. Pocken, Masern, Röteln oder Polio waren auch hierzulande einmal im Kindesalter die Haupt-Todesursache. Dazu ist es in Österreich durch Impfprogramme gekommen, die für eine Herden-Immunisierung gesorgt haben. Die Herden-Immunisierung verhindert eine Ansteckung auch für nicht immunisierte Menschen, weil sich der Erreger nicht ausbreiten kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Impfquote nicht unter ein gewisses Maß sinkt. Und das ist eine Frage der Solidarität. In den sozialen Medien werden zudem immer öfter Mythen, Halbwahrheiten und Unsinn zu einem gefährlichen Cocktail gemixt, der nur mit konsequenter Aufklärungsarbeit neutralisiert werden kann.

Wie stehen Sie zu einer oft angedachten Impfpflicht in Österreich?

Beate Hartinger-Klein: Eine allgemeine Impfpflicht ist für mich kein Thema. Gerade Impfen ist ein ganz sensibles Thema und hier kann man mit Zwang viel Schaden anrichten. Die Möglichkeit, den Bürgern einen elektronischen Impfpass zur Verfügung zu stellen, ist für mich eine weitaus bessere Maßnahme um Durchimpfungsraten zu erhöhen.

Johannes Steinhart:
Auch ich persönlich bin kein Freund einer Impfpflicht – ich bevorzuge ärztliche Aufklärung und setze dabei voll auf die Kompetenz der niedergelassenen Ärzte. Mit rationaler Beratung können sie im Gespräch mit den Eltern etwaige Vorurteile abbauen und ideologische Luftschlösser einreißen. Die Crux dabei ist: All das braucht Zeit. Unsere Aufgabe ist daher, den Ärzten diese zu verschaffen, indem wir gegen überbordende Bürokratie antreten und Aufgabe der Kasse ist es, diese Zeit angemessen abzugelten.

Wieso ist es so wichtig, dass sich auch Ärzte und Personal im Gesundheitswesen impfen lassen?


Beate Hartinger-Klein: Menschen im Krankenhaus sind schwach und krank. Es ist eine Frage der Verantwortung, derer wir uns bewusst sein sollten, dass wir vielleicht diese gefährden, die sich selbst nicht schützen können. Leider ist es in der Vergangenheit schon passiert, dass Personen im Krankenhaus mit impfpräventablen Erkrankungen wie Masern angesteckt werden. Besonders vulnerable Gruppen wie Neugeborene, Schwangere oder Immunsupprimierte müssen geschützt werden. Die Obsorge beziehungsweise Verpflichtung, diese Personen zu schützen, ergibt sich alleine aus dem Behandlungsvertrag, den die Gesundheitseinrichtung mit dem Patienten schließt.

Johannes Steinhart: Für Ärzte sollte ein aufrechter Impfstatus keine Frage sein. Ich sehe das als ethische Verpflichtung, schutzbedürftige Menschen nicht zu gefährden – ganz abgesehen von der Vorbildfunktion, die der Arztberuf mit sich bringt.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2018